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Berateraffäre im Verteidigungsministerium: Beraterfirma Accenture lässt im Untersuchungsausschuss mithören

Der Beratungskonzern Accenture hat sich nach eigener Einschätzung bei der Berateraffäre im Verteidigungsministerium nichts vorzuwerfen. Aber er lässt durch einen eigens beauftragten Beobachter verfolgen, was im Untersuchungsausschuss zu der Affäre passiert.

Ein Untersuchungsausschuss versucht derzeit zu ergründen, wie es im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen zu einer Reihe von Beratungsaufträgen im Gesamtwert von Dutzenden Millionen Euro kam 

Ein Untersuchungsausschuss versucht derzeit zu ergründen, wie es im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen zu einer Reihe von Beratungsaufträgen im Gesamtwert von Dutzenden Millionen Euro kam 

Getty Images

Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium sorgt jetzt auch noch für zusätzliche Aufträge in der Consultingbranche. Der Beratungskonzern Accenture, der im Mittelpunkt der Affäre steht, bezahlt nach Recherchen des stern und der "Tageszeitung" (taz) eigens die Dienste eines externen Beraters, der kontinuierlich die Beweisaufnahmen des Untersuchungsauschusses des Bundestages zu dem Thema verfolgt.

Bei dem Berater der Berater handelt sich um den früheren SPD-Sprecher Michael Donnermeyer. Er ist heute als Vorstandsmitglied und "Key Account Manager" für die Münchner Lobby- und Kommunikationsagentur Concilius tätig. Donnermeyer sah man in den bisherigen öffentlichen Sitzungen des Ausschusses regelmäßig auf der Zuschauertribüne des Saals, begleitet von einem jüngeren Kollegen. Bisher war unbekannt, für welchen Kunden der Concilius-Mann Donnermeyer hier unterwegs ist. Nach Informationen von stern und "taz" ist jetzt klar: Der Klient heißt Accenture.

Weder Donnermeyer noch Accenture wollten sich zu dem Auftrag öffentlich äußern. Der Vorgang zeigt auf alle Fälle, welche Bedeutung Accenture der Affäre beimisst, von der die Firma zugleich behauptet, dass man sich hier nichts habe zu Schulden kommen lassen. "Womöglich erscheint die Affäre aus Sicht des Unternehmens schwerwiegender als sie das bisher eingeräumt haben“, sagte der Grünen-Abgeordnete Tobias Lindner dem stern. Ähnlich äußerte sich die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann: "Vielleicht glauben sie ja auch bei Accenture, dass die Luft dünner wird", sagte sie.

"Ist die Affäre für Accenture schwerwiegender als gedacht?"

Seit März hört der Untersuchungsausschuss Zeugen an und versucht zu ergründen, wie es im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen (CDU) zu einer Reihe von Beratungsaufträgen im Gesamtwert von Dutzenden Millionen Euro kam. Wie der Bundesrechnungshof bemängelte, hatte das Ministerium immer wieder das Vergaberecht missachtet. Wiederholt hatte Accenture von Aufträgen in Millionenhöhe für die IT-Beratung profitiert.

Den Abgeordneten geht es jetzt auch um die Frage, ob es eine Rolle spielte, dass die von 2015 bis 2018 als Staatssekretärin amtierende ehemalige McKinsey-Beraterin Katrin Suder den führenden Accenture-Berater und ehemaligen McKinsey-Mitarbeiter Timo Noetzel persönlich kannte.

Suder hatte bisher behauptet, sie sei grundsätzlich "nicht in Auswahlentscheidungen involviert" gewesen und habe auch "nicht" über "Millionenbudgets für externe Berater entschieden“. Vergangene Woche machte der stern aber publik, dass Suder sehr wohl persönlich wiederholt Millionensummen für externe Beratungsaufträge freigab, darunter auch Gelder für Accenture und ihren Bekannten Timo Noetzel. Aus Akten des Verteidigungsministeriums  ergibt sich zudem, dass das Büro der Staatssekretärin auch Vorhaben vorantrieb, an denen Timo Noetzel für Accenture intern Interesse angemeldet hatte.

Heutiger Berater war als "Superhirn" für Steinbrück tätig

Auch der Concilius-Berater Donnermeyer, der nun für Accenture den Zeugenvernehmungen folgt, kennt Timo Noetzel persönlich - zumindest flüchtig. Beide gehörten im Jahr 2013 zu dem Wahlkampfteam des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Donnermeyer fungierte seinerzeit als Parteisprecher, Timo Noetzel wurde laut eines damaligen Berichts von "Focus.de" als "Superhirn" engagiert, der "kampagnenfähige Themen identifizieren, sie mit Inhalten unterfüttern und den Kandidaten strategisch beraten" sollte. Bekanntlich blieb das ohne durchschlagenden Erfolg.

Donnermeyer ist jetzt nach Informationen des stern ausdrücklich nicht für Noetzel tätig, sondern für Accenture. Das Unternehmen hat bisher immer darauf verwiesen, dass man kein eigenes Fehlverhalten erkennen könne. Auch in den Fällen, in denen das Unternehmen Beratungsleistungen des studierten Politologen Noetzel für das Verteidigungsministerium als Tätigkeit eines "Software-Architekten" abrechnen ließ, wies das Unternehmen die "Unterstellung von Falschangaben" gegenüber dem stern "aufs Schärfste" zurück.

Da die Zeugenanhörungen im Untersuchungsausschuss größtenteils öffentlich stattfinden, dürfen auch von betroffenen Firmen entsandte Beobachter daran teilnehmen. Rechtlich ist das Verhalten von Accenture also nicht zu beanstanden. Lediglich Personen, die so wie Timo Noetzel selbst als Zeugen benannt sind, können von der Tribüne verbannt werden. Nach jetzigem Stand ist Noetzels Zeugenaussage in dem Ausschuss für den 27. Juni vorgesehen.