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Computermesse Siggraph: Navigation durch Ohren-Zupfen

Ein Helm, der an den Ohren zupft. Ein Fußboden, der verschiedene Oberflächen simuliert ... Auf der Technikmesse Siggraph in New Orleans ist auch für besonders schräge Erfindungen Platz. Doch was als Spinnerei angefangen hat, gilt heute als ganz normal

Werde ich dir überallhin folgen, wenn du mich an den Ohren ziehst? Ja, antworten die Forscher der Universität für Elektro-Kommunikation in Tokio. Auf der Siggraph '09 in New Orleans, einer bis Freitag dauernden Konferenz für Computergrafik und interaktive Techniken, stellen sie eine Konstruktion vor, mit der Menschen ferngesteuert komplizierte Wege zurücklegen, indem sie an den Ohren gezupft werden.

Der "Pull-Navi" ist eines von 33 Objekten in der Ausstellung der "Emerging Technologies". Wer diesen Helm aufsetzt, wird von den daran befestigten Motoren an beiden Ohren in sechs Richtungen gezogen. Ein Zupfer nach links, und schon wendet man sich in diese Richtung. Ein Zug an beiden Ohren, und man geht schneller. Zum Treppensteigen wird man nach oben oder nach unten gezogen. Das funktioniert ganz instinktiv, wie die Entwickler erklären. Und was soll das Ganze? Mk Haley von der Jury für den Wettbewerb der "Emerging Technologies" antwortet auf diese Frage: "Wir bekommen jedes Jahr einige Beiträge, die so abgedreht sind, dass niemand sie auf dem Radar hat." Beim "Pull-Navi" habe sie gedacht: "Wow. Menschen können wirklich so leicht physisch manipuliert werden. Und was kann man sonst noch damit anfangen?"

Bei anderen Beiträgen der Siggraph bemühen sich die Erfinder schon mehr, einen möglichen Nutzen aufzuzeigen. So stellt die McGill University in Montreal einen Bodenbelag vor, der den Eindruck vermittelt, über Schnee zu laufen. Dazu haben die Entwickler Platten zusammengelegt, die seitlich vibrieren. Dieser "multimodal floor" könnte nach den Vorstellungen der Erfinder einmal für Reha-Maßnahmen verwendet werden, wenn es etwa darum geht, Patienten nach einem Schlaganfall die ersten Schritte außerhalb des Krankenhauses zu erleichtern. Projektleiter Jeremy Cooperstock erklärt, die Technik nutze den Umstand aus, dass die Wahrnehmung einer Oberfläche von vielen Faktoren abhängig sei. "Wenn wir die richtige Vibration hinbekommen, dann fügt das Gehirn gewissermaßen den Rest der Illusion hinzu."

Roboter beim Zusammenlegen von Kleidung noch zu langsam Ein anderer Beitrag zeigt, wie man einem Roboter mit einem Grafik-Editor dazu bringen kann, komplexe Aufgaben wie das Zusammenlegen von Kleidungsstücken auszuführen. Diese Anweisungssprache sei wirklich beeindruckend, lobt Jury-Mitglied Haley. Nur dauert es noch zu lange, bis die Anweisungen auch erledigt werden.

Immerhin haben frühere Ausstellungen der Siggraph schon bewiesen, dass solche Neuerungen einmal ihren Weg in den Alltag finden können. So wurde 1995 die "Electric Postcard" demonstriert, die heute als Web-Card kaum noch ein "Wow" hervorruft. Judith Donath vom MIT Media Lab sagt, sie sei selbst darüber erstaunt gewesen, wie schnell ihre Idee angenommen worden sei. Nach dem Start der Website zum Versenden von Web-Postkarten seien Millionen von Grüßen auf diese Weise verschickt worden. Innerhalb kurzer Zeit wurde die Idee dann von anderen übernommen. Andere Erfindungen haben zwar keine allgemeine Verbreitung gefunden, werden aber für ganz gezielte Zwecke genutzt. Dazu gehört etwa die virtuelle Realität mit "Head Mounted Displays", die Mitte der 90er Jahre auf der Siggraph sehr aktuell waren. "Viele Leute denken, das ist verschwunden", sagt Haley. "Aber Unternehmen setzen virtuelle Realität in großem Ausmaß für Entwicklung und Produktion ein."

Janet McConnaughey/AP / AP
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