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Messe während Corona Ausgerechnet die IFA zeigt die Grenzen des Digitalen

In einem normalen September wimmeln die Hallen der IFA am Eröffnungsfreitag vor Menschen
In einem normalen September wimmeln die Hallen der IFA am Eröffnungsfreitag vor Menschen, dieses Jahr sind sie wie leergefegt
© Picture Alliance
Die IFA zeigt jedes Jahr wieder, wo es in der Technikwelt hingeht. Auch während Corona wollte man nun Vorreiter sein. Doch ausgerechnet die Technikmesse steht nun als Symbol dafür, dass eben nicht alles digital funktioniert.

Eigentlich sollte heute die IFA ihre Tore für das Publikum öffnen. Tausende Menschen wären dann wie jedes Jahr in die Hallen der Berliner Messe geströmt, um sich die Zukunftsvisionen der Technikbranche und ihre neuesten Tricks mit eigenen Augen anzusehen. Doch angesichts der Corona-Pandemie findet die wichtigste Elektronikmesse Europas in einer weitgehend digitalen Form statt. Und wird so zum Sinnbild für die Grenzen der Digitalisierung im Alltag.

Die Aufnahmen aus den Messehallen sprechen ein klares Bild. Statt den gigantischen, liebevoll gestalteten Ständen und den sich dazwischen tummelnden Menschenmassen zeigen sie weitgehend leere Hallen. Das sonst so emsige Treiben ist dahin. "Es fühlt sich an wie eine Geisterstadt, das habe ich so noch nie erlebt“, sagte eine Vertreterin eines Elektronikkonzerns dem stern. Das aufgeregte Gewusel und das gemeinschaftliche Erlebnis einer Messe kann so nicht aufkommen.

Erste Messe in Zeiten von Corona

Dass die Messe nicht wie gewohnt wird stattfinden können, war schon im Frühjahr klar. Nachdem wichtige Branchenmessen wie der Mobile World Congress oder die Touristikmesse ITB bereits im Februar abgesagt wurden, mussten sich die Veranstalter ein neues Programm ausdenken, um die IFA als erste große Messe des Jahres trotzdem stattfinden zu lassen. Statt einem gigantischen Publikum wurden nur 750 Journalisten und Handelsvertreter zugelassen, unter strengen Hygieneauflagen. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Viele Unternehmen sagten sicherheitshalber ab oder sind mit einigen wenigen Vertretern vor Ort. Nur wenige Anbieter setzen auf einen eigenen Stand, die Messe findet vor allem im Netz statt.

Damit folgt die IFA dem Beispiel vieler anderer Branchen, die sich plötzlich einer Welle der Digitalisierung gegenüber sahen. Ob im Büro oder der Schule, durch die Pandemie musste plötzlich vieles online funktionieren. Auch die Kultur verschob sich ins Netz, erstmals wurde etwa das berüchtigte Wacken-Festival rein digital veranstaltet. Die als digitaler Vorreiter gesehene Technikmesse muss nun dieselben Lektionen lernen wie zuvor Veranstalter von Online-Konzerten oder Lehrer beim Unterricht zu Hause: Nicht alles lässt sich digital genauso erleben wie vor Ort.

Kein voller Ersatz

Beim grundsätzlichsten Zweck der Messen, der Vorstellung der neuen Produkte, scheinen die Unternehmen zuerst einmal wenige Probleme zu sehen. Viele nutzten die Gelegenheit, den eigenen Neuankündigung etwas mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem man die Pressekonferenzen über die nächsten Wochen verteilte, statt sie alle in den kurzen drei Tagen vor Messestart unterbringen zu müssen. "Der Vorteil an virtuellen Events liegt darin, dass die Zutrittsschwelle gering ist und daher die Anzahl potenzieller Teilnehmer steigt", erklärt etwa Marketing-Chef Mario Winter. "Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden." Trotzdem könnten sie keinen Stand ersetzen: Samsung etwa betreibt sonst im City Cube den größten Stand der Messe. "Mit physischen Veranstaltungen können wir eine andere Art von Nähe und Emotion herstellen, auf die wir nicht verzichten wollen", erklärt Winter.

Wie die Stände hätten aussehen können, lässt sich etwa bei LG betrachten. Auf einer virtuellen Standführung kann man sich dort die neuesten Produkte ansehen. Wer schon einmal auf der IFA war, merkt sofort: Der koreanische Konzern hat im Digitalen den geplanten Stand nachgebaut. Doch während bei einem echten Messebesuch die sich an der Decke entlangwellenden Bildschirme oder die sich ein- und ausfahrenden Ausrollfernseher Jahr für Jahr wieder beeindrucken, will dieser Effekt beim rein digitalen Besuch einfach nicht aufkommen.

Und auch das klassische Ausprobieren der Produkte am Stand fällt weg. "Das haptische Erlebnis fehlte natürlich", bestätigt LG-Sprecherin Caroline Funk. "Ohne das Produkterlebnis glaube ich nicht, dass es auf Dauer auf diese Weise funktioniert." Mit der eigenen Pressekonferenz vor Ort sei man aber zufrieden. "Wir denken, dass das für uns so funktioniert hat." Man sei froh, dass man die eigenen Produkte Anfang des Jahres noch bei der US-Messe CES oder der eigenen Convention im März auch physisch präsentieren konnte.

Faktor Mensch

Doch auch der zwischenmenschliche Aspekt einer Messe lässt sich in der virtuellen Form nur begrenzt einfangen. "Messen wie die IFA haben eine ganz andere Strahlkraft als reine Online-Videokonferenzen", glaubt Frank Mischkowski von der PR-Agentur RTFM. Der persönliche Austausch lasse sich nicht durch die rein digitalen Mittel ausgleichen, ist er sich sicher. "Langfristig würden wir nicht auf persönliche Treffen verzichten wollen."

"Das Feedback der Besucher fehlt", findet auch Funk. "Auch in Bezug darauf, was die anderen machen. Da hat man in den vergangenen Jahren einfach viel mitbekommen." Im Vergleich zu den fehlenden Produkteindrücken sei das aber eher ein kleinerer Faktor. "Die letzten Monate haben ja gezeigt, dass man sich auch digital begegnen kann und das auch funktioniert. Es war schön, sich mal wieder live zu sehen, das wird auch geschätzt. Aber das spielt eher eine kleinere Rolle, hier kann oder muss man mit dem digitalen Ersatz durchaus leben."

Business as usual

Netzwerk-Ausstatter Devolo sieht das anders. "Keynotes und Fachvorträge funktionieren online vermutlich gut, aber das Gespräch am Messestand und das Bier auf der Messeparty sind eben auch wichtig", erklärt Marketing-Chef Michael Küppers. Vor allem im Geschäftskundenbereich sei nach wie vor das persönliche Treffen immer noch die bevorzugte Variante. "Gerade im Geschäftskundenbereich gilt 'it’s a people’s business' und People trifft man am besten real."

LG bestätigte ebenfalls, dass gerade auf Seiten der Geschäftskunden die allermeisten vor Ort gewesen seien. Das sei auch dem "mutigen Konzept der IFA" zu verdanken gewesen, so Funk. Und tatsächlich: Gegenüber dem Vorjahr sei der Umsatz durch die auf der IFA abgeschlossenen Geschäfte sogar deutlich gestiegen.

Kein Zukunftsmodell

Auch wenn keiner die rein digitale Variante als Ideal sieht, versuchen die Unternehmen durchaus auch die positiven Aspekte der Zwangsdigitalisierung der letzten Monate zu sehen. "Die aktuelle Situation hat Unternehmen dazu gedrängt, gelernte Prozesse neu zu denken", glaubt Samsung-Manager Winter. "Wir empfinden es als Errungenschaft der aktuellen Zeit, dass wir stärker reflektieren, was das passende Format für welchen Zweck ist und sein wird." In Zukunft kann man also genauer prüfen, welche Aspekte digitaler ablaufen und bei welchen dann doch Veranstaltungen vor Ort die bessere Variante sind.

Eine rein digitale IFA kann sich auch Funk nicht ausmalen. "Mir fällt es schwer, mir vorzustellen, dass das die Zukunft ist. Vielleicht wäre eine hybride Form der IFA eher denkbar", überlegt sie. Das würde die Vorteile von beidem verbinden: Den Eindruck der Produkte und die Gespräche vor Ort sowie die große Reichweite der digitalen Veranstaltung. 


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