HOME

Gotthard-Basistunnel: Durchstich im längsten Tunnel der Welt

Der Durchbruch ist erfolgt: Bohrmaschine "Sissi" hat im Gotthard-Basistunnel die letzten Meter Gestein beseitigt. Damit ist nach über zehnjähriger Bauzeit der Weg frei für die 57 Kilometer lange Rekordröhre.

Die Schweiz hat den längsten Tunnel der Welt. Am Freitagmittag um 14.17 Uhr gelang der erfolgreiche Durchstich am Gotthard-Basistunnel. Nach rund 25 Jahren Planung und zehnjährigem Bau wurden die letzten anderthalb Meter Fels für den 57 Kilometer langen Tunnel weggefräst. Rund 200 Tunnelbauer, Schweizer Politiker und Honoratioren verfolgten vor Ort gebannt den historischen Durchschlag, der auch live im Fernsehen übertragen wurde.

Die gigantische Bohrmaschine Namens "Sissi" räumte die letzten von insgesamt 13 Millionen Kubikmetern Gestein aus dem Weg. Damit rücken der Norden und der Süden des europäischen Kontinents mehr als 2000 Meter unter den Schweizer Alpen näher zusammen. Bis allerdings tatsächlich Hochgeschwindigkeitszüge durch die zwei Röhren unter den Bergen rasen, dauert es noch Jahre.

Das Mammut-Bauwerk überragt den 53,8 Kilometer langen Seikan-Eisenbahntunnel zwischen den japanischen Hauptinseln Honshu und Hokkaido und den mit 24,5 Kilometern weltweit längsten Straßentunnel bei Laerdal in Norwegen deutlich. Die Ausmaße des neuen Weltrekordbauwerks sind gigantisch. Mit allen Quer- und Verbindungsstollen misst das Tunnelsystem 152 Kilometer. Es könnte sogar schon ein Jahr früher als geplant, also 2016, in Betrieb genommen werden, so schnell kommen die Arbeiten voran. Seit dem ersten Spatenstich haben allerdings auch sieben der insgesamt 2500 an dem Bau beteiligten Bergleute ihr Leben verloren.

Entlastung für die Straße

Was die Arbeiter bei rund 28 Grad im Tunnel - gekühlt, sonst wären es über 40 - leisten, ist kaum vorstellbar. Etwa 400 Meter lange Tunnelbohrmaschinen mit jeweils rund 60 Meißeln am Bohrkopf, der knapp zehn Meter Durchmesser hat, rücken dem Gestein mit je 25 Tonnen Druck zu Leibe. Netze aus Stahl decken die Wände ab, der Abraum wird auf Förderbändern nach hinten geschleust. Insgesamt werden um die 13 Millionen Kubikmeter Material aus dem Berg gebrochen - das Fünffache des Volumens der gewaltigen Cheops-Pyramide oder ein übervoller Güterzug, der von Zürich bis New York reicht.

Sind erst einmal die fast 230 Kilometer Schienen verlegt, sollen täglich 300 Personen- und Güterzüge durch den Tunnel brausen. Die Reise von Zürich nach Mailand dauert dann noch zwei Stunden und 40 Minuten - eine Stunde weniger als jetzt. Auch die Güterzüge legen an Tempo zu. Sie werden mit bis zu 160 Stundenkilometern verkehren, doppelt so schnell wie derzeit. Und dies dürfte einer der Hauptfaktoren für den bau dieses Mega-Projekts sein.

Denn vor allem die wichtige transalpine Transportroute zwischen Deutschland und Italien soll entlastet werden - ein Vorhaben, von dem sich die Schweizer vor allem auch positive Auswirkungen auf die Umwelt erhoffen: "Der Gotthard-Basistunnel ist ein Meilenstein auf dem Weg, mehr Güterverkehr von der Straße auf die Schiene bringen", sagt der Direktor des eidgenössischen Bundesamtes für Verkehr, Peter Füglistaler.

Die Nachbarn wollen nachziehen

Obwohl das Rekord-Projekt, das bislang rund 10 Millarden Franken (umgerechnet rund 7,5 Milliarden Euro) gekostet hat und insgesamt fast 19 Milliarden Franken kosten soll, ein rein schweizerisches ist, blickt auch die Europäische Union der Fertigstellung der unterirdischen Eisenbahntrasse mit großen Erwartungen entgegen. Die Verkehrsminister der Staatengemeinschaft wollen den feierlichen Durchstich am Freitag bei einem Treffen in Luxemburg gemeinsam über eine Live-Übertragung verfolgen. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas bezeichnete den Basistunnel bereits als "außergewöhnliches Projekt".

Als die Schweizer sich im Jahr 1994 in einem Volksentscheid dafür aussprachen, den gesamten ausländischen Güterverkehr durch die Alpen auf die Schiene zu verlagern und damit die unter dem transalpinen Schwerverkehr ächzenden Straßen der Eidgenossenschaft zu entlasten, sorgte dies bei den europäischen Nachbarn noch für Irritationen. Mittlerweile planen jedoch auch Österreich, Frankreich und Italien zwei ähnliche Tunnelbauten im Osten und im Westen der Alpen.

joe/AFP/DPA / DPA