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Überwachungssystem "Optag": Beobachtet vom Check-in bis an Bord

Die Überwachung auf Schritt und Tritt zwischen Gate und Duty-Free-Shop ist der Traum vieler Flughafen-Sicherheitsbeauftragter. Ein gerade im Test befindliches System namens "Optag" soll jeden Passagier lokalisieren können - und noch mehr.

Von Susanne Härpfer

Lassen Sie sich auf Schritt und Tritt beobachten? Freiwillig? Würden Sie ins Containerdorf von Big Brother einziehen? Wollen Sie, dass Behörden genau wissen, wie lange Sie auf Ihren Geschäftsreisen im Duty-Free-Bereich einkaufen? Wie oft Sie bei den Likören verweilen, verstohlen in Porno-Heften blättern oder Rouge kaufen, obwohl Ihre Frau gar keins benutzt? Und dass all das dann auch noch gespeichert würde? Nein, Sie mögen das nicht? Könnte aber passieren. Dann nämlich, wenn die Tests des so genannten "Optag" erfolgreich verlaufen sind. "Optag" - das steht für "optical tag", was mit "optische Plaketten" richtig und verkürzt zugleich übersetzt wäre. Es handelt sich um so genannte RFID-Chips, mit denen jeder Flugpassagier zur ortbaren Milchtüte werden könnte. Denn zur Zeit wird ein System getestet, mit dessen Hilfe Flugpassagiere künftig vom Einchecken bis zum Betreten des Flugzeugs unter Beobachtung stehen könnten. Bordkarten würden dann mit diesen "tags" versehen, so dünn wie Tesafilm. Was dann geschieht, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen. Journalisten des Computer Fachmagazins "c't" berichten, dass die Funkchips auf der Frequenz von 5,8 MHz zweimal in der Sekunde die unterschiedlichen Kennungen jedes Passagiers an Antennen senden. Computer ermitteln daraus die aktuelle Position, die an das Videosystem des Flughafens übermittelt werden.

Andras Farkas vom ungarischen Flughafen Debrecen hingegen berichtet auf Anfrage, dass die Funkchips direkt von den Kameras geortet werden können. Auf seinem Flughafen wurde gerade die erste Testphase abgeschlossen. "Über dieses Zwischenergebnis kann ich noch nichts sagen", wehrt Pressesprecherin Julia Charnock ab. Denn zurzeit wird für die Europäische Kommission darüber ein Bericht geschrieben. Mit 2,2 Millionen Euro finanzieren das 6. Europäische Rahmenprogramm für Raumfahrt und das EU-Projekt für Informations- und Kommunikationstechnik die Entwicklung Londoner Ingenieure, einer französischen Firma und eines griechischen Instituts. Zweieinhalb Jahre haben sie das System entwickelt. 25 Experten seien jetzt bei ihm vor Ort gewesen - vom Systemadministrator bis zur Marketingverantwortlichen, verrät Farkas allerdings: "Optag hat prima funktioniert, die funkenden Bordkarten sind eindeutig zuzuordnen gewesen." Allerdings ist sein ehemaliger Militär-Flughafen einer der kleinsten Europas. Und nur zwei Wissenschaftler hätten nach Farkas' Angaben tatsächlich die Passagiere gemimt, die es galt, überall aufzuspüren. Auch waren die Test-Tags noch keine handelsüblichen Minisender, sondern hatten Pass-Format. Gibt die Europäische Kommission allerdings Grünes Licht für die nächste Phase, dann solle Optag unter realistischeren Bedingungen getestet werden. Und dann entstehe ein "mächtiges Überwachungssystem", so der Projektverantwortliche Dr. Paul Brennan. Denn sein Optag hätte jeden Passagier im Blick. Immer. Überall. Wahlweise als farbiger Punkt, aber auch live und in Farbe auf den Monitoren der Überwachungskameras. Mehr Sicherheit würde dies bringen, argumentiert die britische Polizei.

Alles unter Kontrolle

Unerlaubtes Eindringen in Sicherheitsbereiche des Flughafens: ausgeschlossen dank Optag. Zur Fahndung Ausgeschriebene würden aufgespürt, potenzielle Terroristen, gegen die noch keine Handhabe besteht, wären ein geringeres Risiko, da ja jede Bewegung gefilmt würde. Auch erleichtere es die Evakuierung bei Notfällen, kein Passagier ginge verloren im Fall eines Flughafenbrands beispielsweise. Touristen und Geschäftsleute sollen für das System begeistert werden mit der Versicherung, sie würden nie mehr ihren Flug verpassen, weil sie zu lange in der Caféteria getrödelt haben. Nähert sich der Abflugzeitpunkt, würden solche Passagiere ermahnt werden.

In London gibt es ja bereits die "sprechende Überwachung": Wird auf öffentlich observierten Plätzen ein Jugendlicher beim Graffitti-Sprayen ertappt, ertönt prompt eine Lautsprecherdurchsage. Wie ein solches System allerdings auf Großflughäfen wie Frankfurt oder Tokio operieren soll, ist noch nicht geklärt.

Sollte es allerdings funktionieren, wäre es z.B. interessant für Fluggesellschaften und Fluglotsen. Denn Trödler verursachen erhebliche Verspätungen und damit Kosten. Airbus soll daher wichtigster Ansprechpartner sein. Das Unternehmen soll Fluggesellschaften, die den Airbus A380 bestellen, eine Technik versprochen haben, mit deren Hilfe alle Passagiere pünktlich an Bord gehen. Airbus bestätigt dies nicht, dementiert aber auch nicht.

Optag würde alle Flugdaten anzeigen - beispielsweise, ob es sich um einen First-Class-Passagier handelt oder aus welchem Land er kommt. Also all die heiklen Daten, über deren Weitergabe an die USA gerade so vehement gestritten wird. Außerdem kann die Technik gekoppelt werden mit biometrischer Überwachung, also einem System, wie es zurzeit vom Bundeskriminalamt getestet wird. Dabei werden die Bilder der Überwachungskameras abgeglichen mit Fahndungsfotos. Außerdem kann Optag kombiniert werden mit einem System, das die Bewegungen der Passagiere analysiert. Angeblich könne man aus Bewegungen bereits erkennen, ob jemand Böses im Schild führt. Fahrige Bewegungen, Schweißausbrüche, hektische Blicke - all das macht Menschen in den Augen von Wissenschaftlern, die für Sicherheitsbehörden arbeiten, zu potenziellen Attentätern.

Also aufgepasst: Wer sich nur an einen verschwitzten Termin erinnert, sich fragt, ob die US-Einwanderungsbehörde wohl die geliebte Salami entdecken wird, die man verbotenerweise versucht, der Tante mitzubringen, oder schlicht die Befürchtung, den Flieger zu verpassen, weil man von Optag noch nichts weiß - schon könnte der Passagier der Zukunft sich von Sicherheitskräften umringt sehen. Jedenfalls bestätigt Andras Farkas auf Anfrage entsprechende Szenarien von Optag.