Krieg in der Ukraine Russen nutzen Sturmtruppen-Taktik aus dem Ersten Weltkrieg

Strumtruppen der Marineifanterie üben Angriff und Räumung feindlicher Gräben
Strumtruppen der Marineifanterie üben Angriff und Räumung feindlicher Gräben
© Alexej Konowalow/TASS / Picture Alliance
Russische Sturmtruppen rasen mit Enduros, Quads und Schildkrötenpanzer auf die ukrainischen Linien zu. Hinter diesen Improvisationen steht ein Kalkül, denn Geschwindigkeit entscheidet. 

Im Osten der Ukraine rücken die russischen Streitkräfte langsam, aber unaufhörlich vor. Dabei benutzen sie absurd wirkende Gefährte. Darunter Schildkröten-Panzer, die wirken, als hätte man auf den eigentlichen Panzer eine riesige Hundehütte aus Metallplatten aufgeschweißt. Aber auch Soldaten, die auf Motorrädern oder Quads über die zerbombten Wege rasen. Infanteristen, die auf einem frisierten Gehweg Scooter reiten.

Was steckt hinter dieser Kriegsführung im Mad-Max-Stil? Zuerst einmal ist es eine Abkehr vom Angriff einer großen motorisierten Kolonne, die mit massiver Feuerkraft den Gegner nieder hält, damit dann die Infanterie im Schutz des Feuers vorgeht. Das neue russische Modell ist eine Blitzattacke einer kleinen Sturmgruppe von Infanterie. Die gepanzerten oder eben auch nicht gepanzerten Transportmittel dienen nur einem Zweck: Möglichst schnell von den eigenen Positionen zum Ziel zu gelangen. Sobald sich die Truppen im offenen Gelände zeigen, können sie von gegnerischen Drohnen erkannt werden. Dann werden FPV-Drohnen losgeschickt oder Artilleriefeuer angefordert.

Russischer Drohnenjäger mit Shorts, frisiertem Scooter und Schrotflinte im Kaliber 12. Es soll sich um einen Sportschützen handeln, der Soldaten trainiert. 
Russischer Drohnenjäger mit Shorts, frisiertem Scooter und Schrotflinte im Kaliber 12. Es soll sich um einen Sportschützen handeln, der Soldaten trainiert. 
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Sturmtruppen wollen schnell ans Ziel 

Die Turtle-Tanks sind das erste Ziel der gegnerischen Drohnen, denn sie tragen einen Störsender. Von den Ukrainern werden nur Videos gezeigt, auf denen der Umbau-Panzer schließlich doch zerstört oder beschädigt wird. Das muss aber nicht passieren. Diese Panzer können nur aus wenigen Winkeln angeflogen werden, sie stecken in der Regel mehrere Treffer ein. Die Russen wechseln teils aus Not auf Geländemotorräder und Quads. Sie können es sich nicht leisten, bei jedem Angriff gepanzerte Transporter zu verlieren. Diese Bikes sind zivilen Ursprungs und können billig in großen Mengen beschafft werden.

Ihr Nachteil ist der fehlende Schutz. Um fair zu sein: Wenn ein gepanzerter Transporter oder ein Schützenpanzer im Niemandsland liegen bleibt, müssen ihn die Insassen verlassen und haben ebenfalls keinerlei Schutz.

Zu den Vorteilen der Bikes zählt, dass sie weit unauffälliger sind als gepanzerte Fahrzeuge. Zudem sind die Ziele verstreut. Ein Treffer auf ein Quad schaltet einen oder zwei Infanteristen aus und nicht eine ganze Gruppe. Dazu kommt die höhere Geschwindigkeit, sie verringert die Zeitdauer im offenen Feld. Und das ist entscheidend: Mit einer Geschwindigkeit von 70 bis 80 km/h werden in nur drei Minuten 3000 bis 3500 Meter zurückgelegt. Bei Tempo 50 sind es immerhin noch etwa 2,5 Kilometer. Die Reaktionszeit für die Ukrainer ist entsprechend gering.

Überraschungseffekt im Ukraine-Krieg

Wenn der Transport vom Gegner entdeckt und bekämpft wird, ist der Worst Case eingetreten. Im besseren Fall wird der Konvoi nicht entdeckt, oder die Drohnen werden gestört – und er kann mehr oder minder ungestört vorgehen.

Die Sturmgruppe, die häufig nur zwölf Mann umfasst, soll in den meisten Fällen keine gegnerische Position erobern. Sie soll in ein unbesetztes Gebäude eindringen, das in einer von Kiew gehaltenen Siedlung liegt. Die Dichte an Soldaten ist gering, es ist keineswegs so, dass jeder Meter der Front von Soldaten bewacht wird. Im Idealfall ist der Konvoi also nur ein Transport, der sofort zurückfährt, nachdem er die Soldaten abgesetzt hat.

Sturmtruppen lösten den Sturmangriff ab

Die Idee der Sturmtruppen wurde im Ersten Weltkrieg geboren. Zunächst versuchte man es damals mit Massenangriffen der Infanterie. Schnell zeigte sich aber, dass die Granaten die Bunker an den Gräben nicht zerstören konnten. Die Wellen der Soldaten blieben meist im MG-Feuer liegen. Die Opfer standen in keinem Verhältnis zu etwaigen Erfolgen. In der zweiten Hälfte des Krieges entstanden daher die Sturmgruppen. Kleine Trupps, die versuchten, sich möglichst unbemerkt, an die Gräben des Gegners heranzuarbeiten, einzudringen und die Befestigung dann im Nahkampf zu erobern. Typisch für die Erinnerungen aus der Zeit ist die Ansicht, dass ein idealer Stormtrooper kein Soldat im Sinne des Reglements sei, sondern ein geborener Krieger. Ernst Jünger sprach von den "Fürsten des Grabens".

Die Sturmgruppen in der Ukraine arbeiten mit dem gleichen Konzept, nun allerdings unter einem Himmel voller Drohnen und mit der präzisen Unterstützung durch Fernwaffen. Das Risiko für die Kämpfer ist enorm. Sie können häufig nicht ausgewechselt werden, sondern müssen tagelang im Kampf ausharren. Verwundete können nicht geborgen werden, die Versorgungsgüter werden von Drohnen gebracht. Der abgesetzte Trupp beginnt, sich sofort zu verteilen und zu verstecken. Die vorgeschobene Position wird dann genutzt, um den Gegner besser zu beobachten und seine Stellungen dann mit Drohnen, Artillerie und Gleitbomben anzugreifen.

Sterben mit und ohne Kamera 

Ob das russische Konzept aufgeht, ist nur schwer zu beantworten. Einerseits rücken die Russen unbestreitbar vor und die Ukrainer müssen zurückweichen. Andererseits erleiden die Russen in der Annäherung immer wieder Verluste. Fahrzeuge laufen auf Minen, geraten ins Artilleriefeuer und werden zerstört. Alles auf den Videoclips der ukrainischen Drohnen dokumentiert. Dem gegenüber stehen die ukrainischen Verluste, meist ohne Videobeweis. Langsam, aber systematisch zerstören die Russen ihre Befestigungen. Teils gibt es Dörfer, in denen jedes Haus von einer Gleitbombe zerstört wird. Inklusive der ukrainischen Soldaten, die in den Trümmern begraben sind.

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