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Wer steckt hinter...: ... Dolby?

Vor Jahrzehnten gewöhnte Ray Dolby der Tonbandkassette das lästige Rauschen ab, heute sind Kinofilme ohne den von ihm entwickelten Surround Sound undenkbar.

Von Karsten Lemm

Der Mann der Stille hält sich im Hintergrund. Die Welt verdankt ihm Ruhe, und Ray Dolby verhält sich genau so, wie man es vom Erfinder eines Rauschunterdrückungssystems erwarten kann: Er lebt unauffällig und zurückgezogen, ohne Schlagzeilen und Skandale, ist seit Jahrzehnten mit seiner Frau Dagmar verheiratet, einer gebürtigen Deutschen, kleidet sich bevorzugt in Grau und Blau und spricht mit leiser, sonorer Stimme. "Wir sind eine solide Firma, auf die Verlass ist", erklärte der 74-jährige Amerikaner einmal mit Blick auf das Unternehmen, das seinen Namen trägt und sich auch nicht in den Vordergrund drängelt.

Dennoch ist der Name Dolby weltbekannt: Das Logo mit dem doppelten D prangt auf jedem Kassettenrekorder, flimmert in vielen Filmtheatern über die Leinwand und garantiert auch in immer mehr Heimkinos beste Tonqualität. Die Erfolgsgeschichte des stillen Stars beginnt, lange bevor Musik zum ersten Mal digital, in Einsen und Nullen verpackt, auf einem iPod landet: 1949, als der angehende Elektrotechniker beim Tonbandhersteller Ampex anheuerte, wurden alle Audiosignale noch analog festgehalten - also in Form von Signalen, deren Stärke bestimmte, wie laut die Musik war. Die chemische Zusammensetzung des Tonbands führte zu lästigem Hintergrundrauschen, am schlimmsten bei der "Compact-Cassette", die Philips 1963 vorstellte.

Im selben Jahr reiste Ray Dolby, inzwischen promovierter Physiker an der englischen Universität Cambridge, als Entwicklungshelfer der Vereinten Nationen durch Indien. Wohin er auch ging, eines hatte der Liebhaber klassischer Musik immer dabei: sein Tonbandgerät und Aufnahmen mit Werken großer Komponisten. Doch die leisen Passagen litten unter dem Rauschen des Tonbands. Eines Tages kam ihm ein Gedanke: Wenn leise Musik bei der Aufzeichnung verstärkt und beim Abspielen wieder abgeschwächt würde, müsste das Rauschen in den Hintergrund treten. Kaum zurück in England, gründete Dolby 1965 seine Firma, entwickelte die Elektronik für das Rauschunterdrückungssystem und führte es Plattenbossen in London vor. Die waren so begeistert, dass sie auf Anhieb die gesamte Produktion der nächsten sechs Monate kauften.

Mit dem Siegeszug der Kassette wurde auch Dolbys System allgegenwärtig. 1976 verlegte er die Firma in sein Heimatland - und begann, das Kino zu revolutionieren. Er erfand eine Methode, einen Raumklang ins Kino zu bringen, der dem Zuschauer dank geschickter Aufstellung von Lautsprechern und deren Beschallung mit unterschiedlichen Signalen das Gefühl gab, vom Klanggeschehen im Film umgeben zu sein. "Dolby Stereo", so hieß das Verfahren, verdankt seinen Durchbruch dem "Krieg der Sterne". Die Weltraumsaga war der erste Kinohit, der auf den neuen Sound setzte. Die digitale Variante dieses Raumklangs (englisch "surround sound") findet sich heute auf jeder DVD. Sie bahnte der Firma einen Weg in die Zukunft, denn eine Rauschunterdrückung brauchen in einer digitalen Welt weder iPod noch CD. Ray Dolby, der sich aus dem Geschäft weitgehend zurückgezogen hat, meldete in seinem Leben mehr als 50 Patente an. Mit einem geschätzten Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar steht er heute auf Platz 149 der Forbes-Liste der amerikanischen Superreichen - in aller Stille.

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