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Ragnarök Das neue "God of War" ist ein fantastischer, interaktiver Kinofilm mit kleinen Störelementen

God of War Ragnarök
In "God of War Ragnarök" warten alte und neue Bekanntschaften darauf, die neun Welten vor Allvater Odin zu retten. Putzigster Kandidat: Ratatöskr, das Eichhörnchen, welches zu den Tieren des Weltenbaums Yggdrasil gehört und dem Vater-Sohn-Gespann in seiner Spektralform bereits im Vorgänger half.
© Sony
Satte 4,5 Jahre mussten "God of War"-Fans auf die Fortsetzung "Ragnarök" warten – und damit auf den ersten Playstation-5-Ableger der Erfolgsserie. Wie schlägt sich der Kriegsgott Kratos in seinem zweiten Abenteuer mit Sohn Atreus? Wir konnten das Spiel bereits durchspielen – und verraten ohne Spoiler, was Sony gut gemacht hat, und was vielleicht nicht.

Alles beginnt, wo es aufgehört hat. Der im Vorgänger "God of War" gefürchtete Fimbulwinter ist eingetroffen und die neun Welten verändern sich. Für die Heimat von Kriegsgott Kratos und seinen Sohn Atreus bedeutet das vor allem Schnee und Eis – viel davon. Doch besagter Winter ist nicht nur eiskalt, sondern gilt in der nordischen Mythologie als die erste der vier Katastrophen, die den Untergang der Götter, genannt Ragnarök, einleiten. Im Titel des Spiels steckt also grob die Richtung, in die es geht. Wieder müssen Götter ihren Platz räumen – und wieder steckt Kratos mehr oder weniger freiwillig mit drin.

Vorab eine wichtige Info: "God of War Ragnarök" ist ein eigenständiges Spiel, das auch dann funktioniert, wenn man den Vorgänger nicht kennt. Neuen Spielern steht im Startmenü eine Zusammenfassung zur Verfügung, die die Ereignisse aus dem ersten Teil auf den Punkt bringt. Emotional geht man dann zwar etwas distanzierter ins Spiel, doch an absolut nötigem Hintergrundwissen mangelt es nicht. Vorteile durch ältere Spielstände aus dem Vorgänger gibt es auch nicht. Was die Ausrüstung betrifft fängt man fast bei Null an, was die Zwerge, die im Vorgänger stundenlang an der Schmiede standen, merklich verwundert.

Besuch im Winter-Wunderland

Zu Beginn des Spiels geht es erst einmal heimelig zu. Wir begleiten Kratos und den inzwischen jugendlichen Sohn Atreus in ihrer Heimat Midgard, wo sich die beiden trotz des harten Winters weitgehend aus dem Weltgeschehen zurückgezogen haben und noch immer in der Hütte leben, die den beiden bereits im letzten Teil der Reihe als Schlafplatz diente. Zugezogen ist auch der abgetrennte Kopf des Geschichtenerzählers Mimir, der seit "God of War" zum Inventar gehört. 

"God of War Ragnarök" geht erst richtig los, als es – schon wieder – an der Tür klopft. Wer den Vorgänger gespielt hat, weiß, dass ungebetene Gäste an der Holzhütte meist Probleme machen. So auch diesmal. Wieder sind es Götter, die anklopfen, wieder ziehen Atreus und sein Vater los, um die Welt zu retten. Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten.

Bereits in den ersten Minuten des Spiels – und durchgehend bis zum bitteren Ende nach rund 40 Stunden – weiß man sofort, warum "God of War" so viele Fans hat und das Spiel so innig herbeigesehnt worden ist. "God of War Ragnarök" besteht in jeder Sequenz aus wunderbarem Storytelling, die Charaktere sind glaubwürdig und besonders im zweiten Teil dieser Geschichte lebt der Titel von der Beziehung, die man im Idealfall bereits im Vorgänger zu den Figuren aufbauen konnte – allen voran natürlich Kratos und Sohn, Mimir und die beiden Zwergen Brok und Sindri.

Echte Charaktere

Die enge Bindung entsteht dadurch, dass die Geschichten der Charaktere und der Ereignisse in der Welt so gut erzählt sind. Kratos ist und bleibt der mürrische Krieger, dem es äußerst schwer fällt, Emotionen abseits von Wut zu zeigen. Trotzdem nimmt er seine Rolle als Vater sehr ernst und empfindet seinem Sohn gegenüber eine sehr eigene Form von Liebe. Wie auch im Vorgänger kämpft der Wüterich mit seiner Vergangenheit und will eigentlich nicht mehr dauernd in seine alte Rolle zurück, wird aber von der Welt dazu gezwungen.

Der Sohn Atreus, wohl inzwischen ein Bilderbuch-Teenager, ringt ebenfalls mit sich selbst und der Welt – denn aus dem gefolgsamen und meist hörigen Filius ist inzwischen eine eigenständige Person geworden, die sich oft durch seine Emotionen lenken lässt und dem Vater das Leben schwer macht. Eltern versichern uns, dass die Darstellung im Spiel äußerst nachvollziehbar ist und den realen Tatsachen weitgehend entspricht.

God of War Ragnarök
Die Geschichte von "God of War Ragnarök" dreht sich im Kern um die Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem mürrischen Kriegsgott Kratos und seinem Schützling Atreus.
© Sony

Nebendarsteller wie Sindri, Brok, das Eichhörnchen Ratatöskr und viele bekannte Gesichter, auf die wir an dieser Stelle nicht eingehen wollen, spielen ihre Rolle ebenfalls perfekt. So viel sei verraten: Selbst mit dem größten Antagonisten der Geschichte lässt sich zeitweise sympathisieren – so glaubwürdig sind die Motive und Absichten der Charaktere.

Alles dient einem Zweck

Das gleiche gilt übrigens für die Geschichte und die Missionen selbst: Alles, was Kratos, Mimir und Atreus erleben und machen (sollen), ergibt Sinn. An keiner Stelle muss man sich wundern, warum es jetzt unbedingt sein muss, dass man Gegenstand A aus gefährlicher Höhle B holen muss, um ihn Charakter C zu bringen. Das gemeinsame Ziel, wenn auch dessen tatsächlicher Ablauf bis zur letzten Minute ungewiss bleibt, umspannt die Geschichte gekonnt und motiviert, weiterzumachen. 

Sogar die Nebenmissionen sind davon betroffen – denn natürlich gibt es wieder eine Abschussfreigabe für zahllose Raben Odins, super schwere Kämpfe für besonders gute Ausrüstung und Risse in der Welt, aus denen manchmal mehr kommt, als nur ein Beutel voller Rohstoffe. Fast alles davon ist mit der Hauptgeschichte verwoben, bringt weitere Informationen oder erklärt, warum die Dinge sind, wie sie sind. Wäre das Spiel ein Kinofilm, wäre es ein Blockbuster.

God of War Ragnarök
Wie schon im Vorgänger sind die neun Welten äußerst abwechslungsreich. Von dichtem Wald über brennende Lava-Landschaft oder zugefrorene Seenplatten ist alles dabei.
© Sony

Und doch... ein wenig Kritik

Die vielleicht größte Schwäche von "God of War Ragnarök" sind Teile der vielen Kämpfe. Denn in gewohnter Manier sind die Wege zwischen den spannenden Gesprächen und atemberaubenden Welten mit Unmengen unbedeutender Gegner gepflastert. Damit sind nicht die imposanten Bosskämpfe gemeint oder besondere Begegnungen mit den größeren, wundervoll designten Monstern der unterschiedlichen Welten, sondern die kleinen Feindgruppen, die den Ablauf der fantastischen Geschichte stellenweise unnötig verzögern. 

Alle fünf Meter erwarten einen kleinere Monster, die – immerhin mit unterschiedlichen Begleitern – aus dem Weg geräumt werden müssen. Es ist unverkennbar das alte Rezept der "God of War"-Reihe, das leider etwas schlechter gealtert ist und nicht mehr so recht zu der sonst wunderbaren und erwachsenen Story passen will. Das Dauerprügeln hat sich einfach verbraucht, weniger ist manchmal mehr.

Zumal man so gut wie keinem Kampf ausweichen kann, weil die Monster nunmal Teil der Schlauchlevel sind, die einen Großteil von "God of War Ragnarök" ausmachen. Ohne die Wege mit einer der drei Waffen (ja, drei!) freizuräumen, geht es nicht weiter. Titel wie "Elden Ring" machen das deutlich besser und zeigen, wie es geht. Selektivere Kämpfe und deutlich reduzierte Begegnungen täten dem Spiel sehr gut. Und falls die permanente Klopperei gefordert sein sollte, dann doch bitte optional und per Schalter in den Einstellungen anpassbar.

Das Kampfsystem selbst hat sich auch nicht wirklich weiter entwickelt. Gegner zeigen mit farbigen Ringen an, wie man am besten reagieren sollte, und mit gesammelter Erfahrungen und Ausbaustufen der Waffen lassen sich neue Fähigkeiten freischalten. Aber: "God of War Ragnarök" funktioniert zumindest auf den niedrigen Schwierigkeitsgraden eben auch mit willkürlichem Button-Mashing, sodass viele Kombo-Fähigkeiten nie wirklich gebraucht werden. Dafür sind die Kämpfe auch zu häufig und zu repetitiv. Man will es manchmal einfach hinter sich bringen, nicht immer ausgestalten.

God of War Ragnarök
Die Kämpfe in "God of War Ragnarök" sind mit dem Vorgänger identisch. Zur Wahl stehen diesmal aber nicht nur Axt, Schild und Chaosklingen, sondern eine dritte – völlig neue – Waffe, die zumindest etwas Abwechslung in das sonst sehr eintönige Gekloppe bringt.
© Sony

Die Rätsel im Spiel sind hingegen durchaus spaßig, nicht immer erschließt sich sofort eine Lösung. Hier macht das Spiel den genau gegenteiligen Fehler und verrät nach nur wenigen Sekunden ungefragt über Bemerkungen der Begleiter, wie die Lösung aussehen könnte. Das ist in Situationen nützlich, die man wegen fehlender Ausrüstung ohnehin noch nicht bewältigen kann, stört aber, wenn man sich selbst einfach nur eine Denkpause gönnen wollte. In den Einstellungen lässt sich die Zeitspanne wohl justieren, der Standardwert ist allerdings zu kurz.

Grafikfest auf der Playstation 5

Etwas schade ist auch die Kompatibilität zur Playstation 4 – denn darunter leidet die Version für die neuere Konsolen-Generation. Besonders die Möglichkeiten, die der Controller der Playstation 5 eigentlich bietet, schöpft "God of War Ragnarök" nicht aus. Bis auf ganz seltenen Widerstand der Schulterknöpfe, ein bisschen Sound über die Controller und ständigem Vibrieren werden die vielseitigen Instrumente der Playstation 5 nicht bedient. Wer "Astros Playroom" oder "Returnal" gespielt hat, wird merken, dass da noch viel Luft nach oben gewesen wäre.

Bei der Grafik hingegen gibt es nichts zu meckern. "God of War Ragnarök" sieht auf der Playstation 5 absolut fantastisch aus und läuft butterweich. Es gibt die Möglichkeit, die Auflösung, Anzahl der Bilder pro Sekunde und die Bildqualität leicht zu verändern, aber die Konsole kommt wunderbar mit der höchsten Einstellung klar und leistet sich keine Schwäche. Auf der Playstation 4 müssen Spieler naturgemäß Einschnitte hinnehmen, hier stehen nur drei Modi zur Verfügung, 4K oder 60 FPS sind nicht möglich.

Fazit: Absoluter Pflichtkauf

Es ist getan. "God of War Ragnarök" ist endlich da und es dürfte zu 99,9 Prozent den Erwartungen der Fans entsprechen. Die Vater-Sohn-Story von Kratos und Atreus ist wunderbar erzählt, der Tieftauchgang in die nordische Mythologie gleicht einem Kinofilm. Die Kulissen sind über jeden Zweifel erhaben, die Charaktere wachsen einem schnell (noch mehr) ans Herz und die inneren Konflikte wichtiger Personen sind nachvollziehbar erzählt. Gegen Ende – auch ohne Spoiler – könnte eine Träne fließen.

Technisch gibt das Spiel fast alles, die Umsetzung auf der Playstation 5 ist wunderbar gelungen – auch wenn bedingt durch die Abwärtskompatibilität zur Playstation 4 nicht alle Register der neuen Controller-Generation gezogen werden.

Die einzigen Makel, das Kampfsystem und die vielen, vielen unnötigen Monster-Gruppen, sind wohl oder übel der Tradition geschuldet. So war "God of War" schon immer, so wird es wohl bleiben. Obwohl nicht klar ist, in welche Richtung ein möglicher Nachfolger gehen könnte. Das war am Ende des ersten Teils des nordischen Ablegers sehr vorhersehbar – nach "Ragnarök" ist es das nicht.

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