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Arbeitsmarkt: An der Turbo-Uni zum Diplom

Wer an einer Berufsakademie studiert, lernt eine Firma von innen kennen und hat schon nach drei Jahren den Abschluss. Nachteile: Das Studium ist stressig und verschult, Freiräume gibt es kaum.

Andere gehen den Trampelpfad: Schule, Abi, Uni. Melanie Weis nahm immer die Abkürzungen: Die erste Schulklasse übersprang sie, ihr Abi machte sie in Frankreich schon in der zwölften Klasse. Und statt sich traditionell durch die Uni zu hangeln, entschloss sich Melanie Weis für eine Ausbildung an der Berufsakademie in Stuttgart - eine Art Turbo-Studiengang von nur drei Jahren mit eingebauter Ausbildung in einem Unternehmen. Die Phasen an der Uni und im Betrieb wechseln sich dabei ab: Drei Monate Berufsakademie, drei Monate in der Firma.

"Im Vergleich zu anderen Hochschulausbildungen bekommt man an der BA nicht nur Theorie, sondern auch Praxis vermittelt. Und von Anfang an verdient man sein eigenes Gehalt - etwa 800 Euro im Monat.", sagt Melanie Weis. Deswegen sind die Plätze in Berufsakademie-Programmen auch sehr begehrt. Bewerben muss man sich direkt bei den Firmen. Bei Melanies Arbeitgeber, dem Computerhersteller IBM, kamen vor zwei Jahren 3.800 Bewerber auf 188 Stellen. Melanie musste ein "Assessment Center", einen Tag mit Gruppendiskussionen, Präsentationen und Interviews, überstehen, bevor sie ihren Platz im Studiengang "Information Technology" sicher hatte.

Fast die Hälfte der IBM-Spitzenmanager besitzen eine BA-Abschluss

Berufsakademien gibt es bisher nur in vier Bundesländern: Baden-Württemberg, Berlin, Sachsen und Thüringen. Die ersten BA-Studiengänge wurden bereits 1974 in Mannheim und Stuttgart etabliert, mit anfangs 160 Studenten und 60 Firmen. Inzwischen beteiligen sich gut 5.000 Unternehmen an dem Studium, von der AOK und DaimlerCrysler bis zu Siemens. Etwa 20.000 BA-Studenten belegen diverse Studiengänge, meistens Betriebswirtschaft, Wirtschaftsinformatik, Ingenieurwesen, Informatik oder Sozialpädagogik. Erkennen kann man die Absolventen später am Kürzel "BA" hinter ihrem Titel. Melanie zum Beispiel ist "Diplom-Ingenieurin (BA)" - mit 21 Jahren. Andere brüten in diesem Alter noch über ihren ersten Seminararbeiten.

Aber hat man nach einer Ausbildung an einer Berufsakademie später auch wirklich so gute Berufschancen wie die Absolventen einer regulären Universität oder Fachhochschule? "Ja", meint Torsten Kronshage, Ausbildungsleiter bei IBM Deutschland. Laut einer firmeninternen IBM-Studie haben 30- bis 44-jährige BA-Absolventen im Durchschnitt die höchsten Gehälter, sie verdienen also mehr als ihre Kollegen von der Uni. Und sie haben gute Chancen, früher in Top-Positionen aufzusteigen als andere: Fast die Hälfte der IBM-Spitzenmanager zwischen 30 und 40 besitzen einen BA-Abschluss, obwohl nur jeder Fünfte in dieser Altersgruppe auf der Berufsakademie war.

BAler pauken nicht nur Fachwissen

"Dass man schneller mit dem Studium fertig ist, ist dabei gar nicht der entscheidende Faktor" sagt Torsten Kronshage. Wichtiger sei: "BAler pauken nicht nur Fachwissen, sondern lernen auch Dinge, die an der Uni einfach zu kurz kommen." Sie können nicht nur eine Präsentation halten, sie kennen auch die Arbeitsabläufe im Unternehmen. Kandidaten mit guten Fachkenntnissen ließen sich immer und überall finden, so Kronshage - "aber jemanden mit IBM-Erfahrung, den gibt’s nicht so einfach".

Das Studium an einer Berufsakademie ist verschult und entspricht der Ausbildung an einer Fachhochschule. Freiräume gibt es kaum, lange Semesterferien auch nicht, dafür viel Arbeit: "Die ersten zwei bis drei Semester sind die schlimmsten", erinnert sich Melanie Weis: Viel Stoff, am Semesterende fünf benotete Klausuren und immer die Gefahr, durchzufallen.

Viele Hochschulen erkennen das Diplom der Berufsakademie nicht an

Dafür bieten viele Firmen dann aber auch die Möglichkeit, ein Auslands-Praktikum zu machen. Melanie Weis absolvierte ihres in Kalifornien, im IBM-Labor in Almaden, einer Denkfabrik am südlichen Rand des Silicon Valley. Gut 400 Wissenschaftler aus aller Welt brüten in diesem Labor die Zukunft der Computertechnik aus - Rechner aus biologischen Molekülen, Speicher aus einzelnen Atomen, Nano hier und Spektro da, für Laien unbegreiflich, für Forscher der Garten Eden. Klar, dass sich die Studenten darum reißen, in Almaden einen Platz für ihr Auslands-Praktikum zu ergattern. "Der Konkurrenzkampf ist ziemlich groß", sagt Melanie Weis, "aber das ist später im Beruf auch nicht anders."

Bis vor kurzem war es üblich, dass Berufsakademie-Studenten nach dem Abschluss von ihren Firmen übernommen wurden - aber die wirtschaftliche Lage ist schwieriger geworden, nicht mehr jeder BAler wird anschließend eingestellt. Einige Absolventen wollen nach der Berufsakademie auch noch weiter studieren oder ihren Doktor machen - doch viele Hochschulen erkennen das Diplom der Berufsakademie nicht an. Melanie Weis hat es trotzdem geschafft, als Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berliner Humboldt-Uni angenommen zu werden. Geholfen haben ihr dabei ihr Einser-Diplom - und viel Geduld beim bürokratischen Hürdenlauf. Jetzt forscht sie für ihre Doktorarbeit über die Feinheiten der Datenbankprogrammierung und betreut als wissenschaftliche Mitarbeiterin Informatik-Studenten, die alle mindestens drei oder vier Jahre älter sind als sie. Sie genießt die wissenschaftliche Freiheit an der Uni: "Es ist nicht so stressig wie in der Industrie, man kann erforschen, was einen interessiert, und es gibt keinen Druck: Da muss jetzt ein Produkt dabei herauskommen, macht mal!"

Dafür hat Melanie sich selbst schon eine andere Deadline gesetzt: In drei Jahren, spätestens, möchte sie ihren Doktor haben.

Mehr Infos über die Ausbildung an den Berufsakademien unter ba-stuttgart.de.

Karsten Lemm / print

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