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Bachelor: Akademischer Quicky

In drei Jahren einen international anerkannten Uni-Abschluss - das bietet der Bachelor. Und die Unternehmen sind gespannt auf die neuen, jungen Absolventen.

Quer durch Europa studieren, mit einem Abschluss nach Hause kommen - im Mittelalter war das normal. Ein Leipziger Student um 1420 belegte einen zweijährigen Bakkalaureus-Kurs, studierte dann auf Magister und setzte noch einen Doktortitel drauf. Seine akademischen Grade wurden in Erfurt, Cambridge und Paris gleichermaßen anerkannt. Alle europäischen Universitäten benutzten die gleichen Texte und Lehrmethoden. Wollte der Leipziger Student heute nach Erfurt wechseln, sähe das anders aus: unterschiedliche Prüfungsordnungen und Studienpläne, Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Scheinen. Wahrscheinlich finge er von vorn an, der Leipziger Student.

Nicht nur die EU wünscht sich in der Bildungspolitik die Rückkehr ins Mittelalter: In Deutschland existieren seit fast vier Jahren neue Studienabschlüsse, die sich am alten Bakkalaureus-Magister-System orientieren. Das drei- bis vierjährige Bachelor-Studium soll die Grundzüge eines Fachs in Theorie und Praxis vermitteln. Der ein- bis zweijährige Master vertieft dieses Wissen und lehrt Spezialkenntnisse. Nacheinander in Wien, Köln und Prag zu studieren ist damit so leicht wie um 1400; nach drei Jahren kann man mit dem Bachelor in einen Beruf einsteigen, später folgt vielleicht der Master - in einem ganz anderen Fach.

An der Fachhochschule Lausitz ist das bereits Wirklichkeit. Im Fach Architektur planen Studenten Aussichtspunkte für stillgelegte Braunkohlezechen, sie grübeln, was man mit leeren Fabrikhallen macht - im Master-Studiengang. Den gibt es bis jetzt nur in Cottbus. An jeder anderen deutschen Hochschule endet ein Architekturstudium noch mit dem Diplom. "Wir pflegen regen Austausch mit den Hochschulen von Krakau, Venedig und Sevilla", sagt Studiendekan Markus Otto, "ein international vergleichbarer Studienabschluss erleichtert das." Außerdem können die Studenten jetzt nach dem sechssemestrigen Architektur-Bachelor ihren Master in einem verwandten Fach machen, in Informatik, Bauingenieurwesen oder Betriebswirtschaft. Die Jobaussichten sind für angehende Architekten nicht rosig, deshalb setzt Nadine Wichote, 26, auf ihr Diplom noch den neuen Master drauf. "Wir hoffen, dass wir mit den neuen Abschlüssen auf dem Arbeitsmarkt stärker beachtet werden", sagt sie.

Was zählt, sind die Inhalte

Nicht nur in Cottbus beginnen zu jedem Semester neue Bachelor-Studiengänge, werden neue Master-Abschlüsse eingeführt - über 1.000 der neuen Studiengänge gibt es bereits in Deutschland: von Agrarwissenschaften über Lehramtsfächer bis Jura. Aber bisher ist dort nur ein Prozent aller Studenten eingeschrieben. Viele haben Zweifel, ob die deutsche Wirtschaft die Abschlüsse für voll nehmen wird. Dabei bewerten Arbeitgeber die neuen Entwicklungen durchaus positiv: "Wir überlegen gerade, eine Anzeige zu schalten mit dem Text 'Bachelors Welcome!'", sagt Oliver Maassen, Personalmanager bei der Hypo-Vereinsbank. Die Wirtschaftswelt hofft, so Maassen, auf jüngere Absolventen und spekuliert, dass sich die neuen Studiengänge langfristig durchsetzen. Seine Bank erarbeitet derzeit einen Index zur Bewertung von Studienabschlüssen. Ganz oben sollen dann Doktortitel und Master "von Top-Schulen" stehen. Eine seiner Favoriten: die europäische Managerschmiede INSEAD in der Nähe von Paris. Unten landen dubiose Abschlüsse von Studiengängen ohne Akkreditierung. "Die Einschätzung der künftigen Abschlüsse wird stark vom Ruf der Universitäten abhängen", meint Maassen. Der Banker fordert eine bundesweite Kampagne von Hochschulen und Unternehmen, um die Bachelor-/Master-Grade bekannter zu machen. Den Abiturienten rät er bis dahin: "Schaut auf jeden Fall, wo die neuen, innovativen Studiengänge sind. Nicht die mit den umetikettierten Abschlüssen, sondern die, wo Fakultäten den Mut hatten, ganz neu anzufangen."

Horst Schönhoff, Leiter der Personal- und Managemententwicklung bei der Allianz, freut sich beim Master "über den erheblichen Vorteil, dass viele Kandidaten schon vorhergehende Berufserfahrung haben". Er hofft, dass Bachelor-Absolventen, wie in England und den USA üblich, erst einmal arbeiten und dann ihren Master machen. Bei Anfängern achtet der Versicherungskonzern eher auf den Gesamteindruck: "Ob jemand einen Bachelor oder einen anderen Hochschulabschluss mitbringt, ist nicht das entscheidende Kriterium." - "Wie die Abschlüsse heißen, steht für uns an zweiter Stelle", sagt auch Doris Krüger, Leiterin der Personalentwicklung bei der Lufthansa AG, "wir interessieren uns für die Person, die dahinter steht." Das Unternehmen sei so international ausgerichtet, dass es mit der Einschätzung von Bachelor- und Master-Abschlüssen schon lange Erfahrung habe. Auf die weltweit lange Erfahrung im Umgang mit ihrem Abschluss hofft auch die Master-Schülerin aus Cottbus: "In Norwegen werden Architekten gesucht", sagt Nicole Wichote, "dort können sie einen Master allemal besser einschätzen als ein FH-Diplom."

Überall anerkannt

Bachelor und Master sind mehr als nur neue Titel für alte Prüfungen. Ziel der EU-Bildungsminister ist, bis zum Jahr 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum mit Bachelor- und Master-System zu verwirklichen. Doch die Vereinbarungen sind rechtlich nicht bindend. In Deutschland gilt die Freiheit von Forschung und Lehre, Hochschulen können grundsätzlich machen, was sie wollen. Viele Hochschulen vertrauen auf den guten Ruf ihrer traditionellen Abschlüsse Magister und Diplom, obwohl sie im Ausland oft unterschätzt werden und zu langen Studienzeiten führen. Während viele Fachhochschulen die neuen Abschlüsse begrüßen, läuft die Umstellung bei den Universitäten erst langsam an. Dabei reicht es nicht, einer Zwischenprüfung oder einem Vordiplom den neuen Namen "Bachelor" zu geben und die Magisterprüfung in "Master" umzubenennen. Die Reformer wollen völlig neue Lehrveranstaltungen. Ein Akkreditierungsrat prüft, ob neue Bachelor-/Master-Studiengänge internationalen Qualitätsansprüchen genügen. Das dauert und ist teuer: 25.000 Euro zahlen die Unis pro Studiengang. Erst zehn Prozent der Studiengänge sind akkreditiert.

Corinna Bremer / print

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