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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine neue Freundin wurde früher mal zum Sex gezwungen"

Als Clemens mit seiner neuen Freundin das erste Mal im Bett war, fing sie plötzlich an zu weinen. Offenbar hat sie schreckliche Erfahrungen gemacht, über die sie nicht reden mag. Wie kann Clemens mit der Situation umgehen?

Sexuell genötigt: Wie kann der Partner damit umgehen?

"Meine Freundin hatte sexuell grausame Erfahrungen gemacht - wie kann ich sie unterstützen?"

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Liebe Frau Peirano,

vor vier Monaten habe ich Carla im Studium kennengelernt. Es lief bis letzte Woche absolut super. Sie ist eine tolle Frau, sehr schön und selbstbewusst, klug, witzig und schlagfertig. Wir waren ganz unkompliziert oft essen, haben zusammen gelernt, sind spazieren gegangen oder ins Kino. Küssen ist mit ihr sehr schön. Zum Sex kam es bislang nicht, was ich aber auch nicht weiter schlimm fand. Im Gegenteil, ich bin auch eher langsam und brauche Zeit, bis ich mich auf jemanden einlasse.
Letztes Wochenende war sie dann bei mir, wir lagen auf meinem Bett und wollten intim werden. Als ich sie nackt in meinen Armen hielt, fing sie plötzlich furchtbar an zu weinen und sagte unter Schluchzen, dass sie ein schlimmes Erlebnis mit einem Mann hatte und keinen Sex haben kann.
Viel mehr sagte sie nicht. Es war wohl eine Art erzwungener Sex auf einer Jugendfreizeit vor zwei Jahren. Sie wollte nicht mehr darüber sagen, und ich wollte sie nicht drängen, es zu erzählen. Ich habe sie im Arm gehalten und gestreichelt. Aber ich bin total durcheinander. Es tut mir unendlich leid, dass jemand ihr etwas angetan hat. Ich bin richtig sauer auf diesen Typen und könnte ihn umbringen. Mir tut Carla leid und ich würde ihr sehr gern helfen, aber ich weiß nicht, wie. Ich weiß auch nicht, ob es gut wäre, wenn sie mir erzählen würde, was passiert ist.


Und dann mache ich mir natürlich auch Sorgen um unsere Zukunft. Sie ist die tollste Frau, die mir je begegnet ist, wir lieben uns, und ich möchte mit ihr zusammen sein. Dazu gehört natürlich auch Sex. Ich kann warten, aber ich mache mir Sorgen. Heilt so eine Erfahrung? Wird sie darüber hinweg kommen?

Ich würde mich über einen Rat sehr freuen!
Clemens G.

Lieber Clemens G.,

ich kann gut nachfühlen, dass Sie völlig erschüttert und durcheinander sind. Wenn jemand von einer Gewalttat erzählt, ist es so, als wäre der Täter in dem Moment mit im Raum. Mit all seiner Gewalt und Zerstörungswut. In dem Moment, in dem Sie zum ersten Mal mit Carla schlafen wollten, lag also quasi der Täter mit Ihnen beiden im Bett, und Sie konnten die Auswirkung von dem, was er getan hatte, an Carla und auch an sich selbst spüren.
Ich finde es toll, wie einfühlsam Sie trotz allem waren. Sie haben sich genau richtig verhalten! Es wird deutlich, wie viel Ihnen Carla bedeutet und wie sehr Sie bereit sind, zu ihr zu stehen. Ihre Bedenken, die traumatische Erfahrung anzuhören, kann ich verstehen. Es ist für Sie als Ihr Partner sehr schmerzhaft, und möglicherweise ist es besser, dass Sie nicht alles wissen. Auf jeden Fall wäre es zu diesem Zeitpunkt viel zu früh, dass Carla dieses noch völlig unverarbeitete Erlebnis bei Ihnen - als nicht geschulter und zudem emotional tief beteiligter Mensch - ablädt. Aber das will sie ja auch nicht, und deshalb sollten Sie es dabei belassen.

Meine Einschätzung ist die, dass Carla zwar ein Trauma durch sexuelle Gewalt erlitten hat, aber ansonsten eine stabile und seelisch gesunde Frau ist. Sie hat sich in Ihnen einen liebevollen Partner gesucht und weiß anscheinend durch ihre Kindheit und frühere Liebesbeziehungen, was Vertrauen ist. Es scheint sich um ein kürzeres und einmaliges Erlebnis zu handeln. Deshalb stehen die Chancen, dass sie diese Erfahrung verarbeiten kann, gut. Doch bisher scheint ihr Erlebnis noch völlig unverarbeitet zu sein. Sie hat es quasi in sich verschlossen und nicht daran gerührt, bis Sie quasi daran gerührt haben, als Sie mit ihr intim werden wollten. Es ist ja so, dass bestimmte Ereignisse die Erinnerung an das vorherige ähnliche Ereignis wieder wachrufen: Weihnachten denke ich automatisch auch an letztes Weihnachten, bei einem Friseurbesuch denke ich unweigerlich an den letzten Friseurbesuch (auch wenn es ein anderer Friseur ist) – und beim ersten Mal mit einem neuen Partner denkt man möglicherweise auch an Sex mit dem letzten Partner. Und eben das ist für Carla der Moment gewesen, in dem die verschütteten Erinnerungen wieder zu Tage traten.


Es gibt mittlerweile gute Techniken um traumatische Erfahrungen gut zu verarbeiten. Das eine ist klinische Hypnose (wenden Sie sich an Milton Ericksson Institute in Ihrer Nähe), das andere ist EMDR (EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was auf Deutsch Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung bedeutet). Achten Sie darauf, dass die Therapeutin eine EMDR- Ausbildung hat, Informationen gibt es bei EMDRIA e.V..

Hypnose arbeitet damit, traumatische Ereignisse in Trance wieder zu erleben, aber dabei zu lernen, Distanz aufzubauen. Man kann ein Ereignis zum Beispiel innerlich auf einer großen Kinoleinwand sehen (viel Emotion!), oder auf einem kleinen Handydisplay mit Unterbrechungen. Man kann den Film anhalten oder sogar zwischendurch rückwärts schalten, damit die innerliche Beteiligung geringer wird und man sich sogar ganz distanzieren kann.
Bei EMDR wird mit Augenbewegungen gearbeitet und so die belastenden Ereignisse richtig abgespeichert, so dass sie nicht mehr schmerzen.

Es wäre sicher hilfreich, wenn Sie Carla ermutigen, sich therapeutische Hilfe zu holen. Seelische Probleme sind nicht weniger schädlich oder quälend als körperliche Probleme, werden aber oft so behandelt. Wenn ich ein Nierenversagen habe, überlege ich auch nicht, ob ich vielleicht zum Arzt gehe. Ich muss zum Arzt und behandelt werden, auch wenn es unangenehm ist und Zeit kostet. Bei seelischen Problemen würde ich mir wünschen, dass Betroffene die Dringlichkeit einer Behandlung ähnlich hoch einschätzen und sich ohne falsche Schamgefühle helfen und behandeln lassen.
Bei Carla wäre unbedingt nötig, dass Sie sich Hilfe holt. Möglicherweise wird die Therapie auch nicht lange dauern, weil es sich um ein einmaliges traumatisches Ereignis gehandelt hat und nicht über jahrelangen sexuellen Missbrauch in frühester Jugend.

Wenn Ihnen Carla viel bedeutet, wie Sie sagen, können Sie sie in dieser Zeit unterstützen und sorgsam auf Signale achten, wie sehr Sie sich ihr körperlich nähern können. Wichtig ist es, dass Sie sie nicht drängen.

Ich hoffe sehr, dass Sie diese Krise gut überstehen. Wenn Sie es tun, werden Sie sehr viel Vertrauen aufbauen können, indem Sie zusammen halten.

Herzliche Grüße, Julia Peirano 

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