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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Mann trinkt ziemlich viel und ich habe Angst, dass er es nicht in den Griff bekommt

Problematisches Trinkverhalten belastet eine Beziehung (Symbolbild)
Problematisches Trinkverhalten belastet eine Beziehung (Symbolbild)
© FreshSplash / Getty Images
Mit den Freunden feiern, einen Fußball-Sieg begießen oder zum Geburtstag anstoßen: Christinas Mann fand immer einen Grund, etwas über den Durst zu trinken. Doch sie will das nicht mehr.

Liebe Frau Peirano,

es ist mir selbst nicht klar, wie es passieren konnte, aber ich habe ein großes Problem verdrängt, das mein Mann hat. Ich bin 42, er ist 44, wir sind seit 20 Jahren zusammen. Am Anfang ist er immer mal feiern gegangen und betrunken zurück gekommen. Ich habe erst einmal davon nicht so viel mitbekommen, weil wir noch getrennt gewohnt haben. Er ist dann mal einen Tag nicht ans Telefon gegangen, aber ich habe erst später gemerkt, warum. Nach drei Jahren sind wir zusammen gezogen, und da fiel mir auf, dass er doch ganz schön oft und viel trinkt. Ich würde sagen, dass er mindestens jedes Wochenende einmal betrunken nach Hause gekommen ist und oft auch noch einmal in der Woche (Fußball, Feiern, Geburtstag, Freunde treffen).

Er ist manchmal auch einfach nicht nach Hause gekommen, wenn er getrunken hat. Er hat nicht Bescheid gesagt, und ich habe oft nachts wach gelegen und mir riesige Sorgen gemacht. Mehrmals hat die Polizei ihn aufgegriffen, aber mich nicht erreicht. 

Und wenn er nachts nach Hause kommt, ist er laut, aggressiv (verbal, nicht körperlich) und ich habe Angst vor ihm. Mir ist es unangenehm, wenn er sich ins Bett legt und laut schnarcht oder sich manchmal auch übergibt.

Ich habe das bisher niemandem erzählt, weil mir das unangenehm ist und ich kein schlechtes Licht auf ihn werfen will. Zu Beginn der Pandemie hat er aufgehört, auch weil er einen betrunken einen Autounfall hatte (sechs Monate Führerscheinentzug) und sein Arzt bei ihm schlechte Leberwerte festgestellt hat.

Ich war sehr erleichtert, dass er nicht mehr trinkt. Aber jetzt ist ein Fußballfreund von ihm in die Stadt gezogen und mein Mann meinte gleich, dass er jetzt ja auch wieder ab und zu feiern gehen könnte. Ich war total erschrocken und dachte: "Jetzt geht es gleich wieder von vorne los." Ich habe auch Angst, dass er es vielleicht nie schafft, ganz aufzuhören oder dass es sogar schlimmer wird.

Ich weiß jetzt aber auch nicht, ob ich ihm verbieten kann, seinen Freund wieder zu sehen oder mit ihm zu trinken. Ehrlich gesagt bin ich ratlos.

Viele Grüße

Christina B.

Liebe Christina B.,

es war bestimmt ein großer Schritt, mir zu schreiben und sich damit auch einzugestehen, dass es ein Problem in Ihrer Beziehung gibt. Leider haben Sie nicht geschrieben, ob sie schon mit Ihrem Mann über sein Trinkverhalten gesprochen haben, oder ob Sie einfach so getan haben, als ob es Sie nicht störe. Wenn Sie mit Ihrem Mann gesprochen haben, scheint das ja nicht viel geholfen zu haben, denn er hat 18 Jahre unverändert weiter getrunken und erst pausiert, als sein Arzt und der Autounfall ihm mal die Konsequenzen seines Handelns vor Augen geführt haben.

Fühlen sie sich angesichts des Trinkverhaltens Ihres Mannes ohnmächtig und hilflos? Es macht auf mich jedenfalls den Eindruck, als wenn Sie keine Möglichkeit sehen, etwas zu verändern und deshalb das Problem verdrängen und verleugnen. 

Wie wäre es, wenn Sie sich einmal mit dem Thema "Co-Abhängigkeit" beschäftigen? Kurz gesagt entsteht Co-Abhängigkeit oft, wenn man mit einem*r Suchtkranken oder psychisch kranken Partner*in zusammen ist. Der suchtkranke Part dreht sich den ganzen Tag um z.B. den Alkohol (Drogen/die Arbeit), und der co-abhängige Part dreht sich ganz um den/die Suchtkranke Partner*in. Dabei vergisst oder vernachlässigt er/sie eigene Bedürfnisse oder Gefühle und äußert diese nicht. Es heißt also nicht: "Ich bin sauer, weil du letzte Nacht laut gebrüllt hast und es ekelt mich an, dass du dich in unserem Schlafzimmer übergeben hast". Sondern es heißt oft: "Wie geht es dir? Ist alles ok?"

Typische Verhaltensweisen von Co-Abhängigen sind es, das Problem zu verharmlosen oder es übertrieben optimistisch zu betrachten (z.B. das ist nur eine Phase, das wird bestimmt bald besser), Gründe und Erklärungen dafür zu suchen (er hat Stress bei der Arbeit; sie hatte eine schlimme Kindheit; alle Fußballfans trinken so viel). 

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Das Problem wird in der Beziehung oft totgeschwiegen oder vage und halbherzig ohne Konsequenzen angesprochen. Zum Beispiel: Es wäre gut, wenn du weniger trinken würdest (Aber nicht: Wann, wie oft, wie viel und was passiert, wenn das nicht gelingt). Nicht selten hilft der co-abhängige Partner abgesehen von der passiven Duldung auch noch aktiv dabei, das Problem aufrecht zu erhalten. Suchtkliniken können Geschichten von Ehepartner*innen erzählen, die heimlich Alkohol in eine Entzugsklinik schmuggeln. Auch erzählen Co-Abhängige den Nachbarn oder dem Arbeitgeber, dass Ihr Mann leider nicht zur Arbeit/auf das Nachbarschaftsfest kommen könne, weil er eine Magen-Darm-Grippe habe (anstatt zu sagen, dass er getrunken hat).

Empfehlenswerte Bücher sind unter anderem: 

  • Ursula Lambrou: Familienkrankheit Alkoholismus. Im Sog der Abhängigkeit
  • Anne Wilson Schaef: Co-Abhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht.
  • Helmut Kolitzus: Ich befreie mich von deiner Sucht. Hilfe für die Angehörigen von Suchtkranken.

Wenn Sie diese Bücher gelesen haben, sind Sie sicher einen großen Schritt weiter. Der nächste Schritt wäre es dann, Ihrem Mann klipp und klar zu sagen, wie sehr Sie unter seinem Alkoholmissbrauch leiden und wie unerträglich es für Sie wäre, wenn er wieder anfängt. Bei Sucht hilft nur Klartext. Samthandschuhe bringen überhaupt nichts.

Wahrscheinlich wird er es alleine nicht auf lange Sicht schaffen, abstinent zu bleiben. Er bräuchte dazu eine Therapie oder eine Selbsthilfegruppe.

Und Sie werden es wahrscheinlich nicht gerne hören, aber auch Sie brauchen eine Therapie oder eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken, um an Ihrer Co-Abhängigkeit zu arbeiten. Sie helfen Ihrem Mann nicht, wenn Sie so tun, als wäre alles im grünen Bereich. Sie können ihm nur helfen, wenn Sie ihm unmissverständlich klar machen, dass er mit Ihnen nur eine Zukunft hat, wenn er aufhört zu trinken. Übrigens bringt kontrolliertes Trinken nichts, das ist nur eine schöne Illusion von Menschen mit Alkoholproblem. Die Lösung heißt in den allermeisten Fällen: "Kein Tropfen".

Ich hoffe, dass Sie entschlossen an der Problematik arbeiten können!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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