HOME

d-magazin: SCHWARZE HELDEN

Von der Sklaverei bis zur Bürgerrechtsbewegung war es für Amerikas Schwarze ein langer Weg. Der »Black History Month« erinnert daran - und zeigt, dass der Kampf nicht vorbei ist

Jedes Jahr im Februar ist Tommie Smith ein begehrter Mann. Dann muss er Reden halten, sein Name steht in Zeitungen und fällt in Quiz-Shows. Denn Februar ist in den USA »Black History Month«: Mit unzähligen Veranstaltungen erinnern Schulen, Vereine und Medien im ganzen Land an die Geschichte der Schwarzen in Amerika. Und der Sozialkundelehrer Tommie Smith aus Kalifornien ist einer ihrer Helden.

Nicht bloß, weil er 1968 in Mexiko City der schnellste Mann der Welt war. 200 Meter in 19,83 Sekunden: Olympisches Gold in neuer Rekordzeit, trotz Oberschenkelzerrung. Ein amerikanischer Ausnahme-Athlet über den die ganze Nation jubelte. Nicht lange: Auf dem Siegerpodest steht er neben Bronze-Gewinner John Carlos. Bei den ersten Klängen der amerikanischen Hymne senken die beiden Athleten den Kopf und recken eine geballte Faust im schwarzen Lederhandschuh in den Himmel - das Zeichen der Black-Power-Bewegung, die im rassistischen Amerika für schwarze Bürgerrechte kämpft. Ein Riesenskandal! Kameras aus aller Welt beobachten diesen stillen Protest zweier Farbiger gegen ihre amerikanische Heimat, die sich eigentlich mit den beiden Sportlern brüsten wollte. »Als wir vom Podest stiegen, starrten uns nur hassverzerrte Gesichter entgegen,« erzählt Smith. Es waren weiße Gesichter.

Binnen 48 Stunden schicken die US-Funktionäre Carlos und Smith nach Hause. Statt Werbeverträgen erhalten sie lebenslange Wettkampfsperre, Schmähbriefe und sogar Morddrohungen. »Trotz allem: Ich bereue nichts«, sagt Carlos heute. Und Smith ergänzt: »Ich wollte mich nicht im Stadion als schnellster Mann der Welt feiern lassen und zu Hause wieder nur Nigger sein.«

Tatsächlich ist die Menschenrechtslage im Amerika der 50er und 60er Jahre katastrophal, die Stimmung gespannt. Rassentrennung gilt in Restaurants und Schulen, auf Parkbänken und an Trinkfontänen - immer wieder gibt es blutige Zusammenstöße. Doch am 1. Dezember 1955 gab eine Näherin aus Montgomery/Alabama das Signal zum Widerstand: Wie gewohnt fuhr Rosa Parks mit dem Bus von der Arbeit nach Hause. Sie saß hinten, wo die Schwarzen sitzen mussten. Als sie diesen Platz auch noch für einen weißen Fahrgast aufgeben sollte, weigerte sie sich - und kam dafür ins Gefängnis. Ihr Mut wurde zum Symbol: 50 000 schwarze Bürger Montgomerys boykottierten die Busse und gingen zu Fuß zur Arbeit. Alle gemeinsam. Eine Demonstrantin bringt die Bedeutung des Streiks auf den Punkt: »Früher tat meine Seele weh, aber meine Füße waren okay. Heute tun mir die Füße weh, aber meine Seele ist voller Zuversicht.« Nach 381 Tagen lenkt das Bus-Unternehmen ein. Der erste Sieg auf dem langen Weg aus der Unterdrückung - die Bürgerrechtsbewegung war geboren.

Wortführer des Bus-Boykotts war ein Baptisten-Priester aus Atlanta, der in Montgomery gerade seine erste Gemeinde übernommen hatte: Martin Luther King Jr., damals 26 Jahre alt. In den 13 Jahren bis zu seiner Ermordung wurde er zur Symbolfigur des gewaltfreien schwarzen Widerstandes. King besaß Fähigkeiten, die viele Weiße einem Schwarzen nicht zutrauten: Er war hochintelligent und ein hervorragender Redner. Und er hatte einen Traum, den er in seiner weltberühmten Rede vor Hunderttausenden so eindrucksvoll beschrieb: »Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.«

Etwa den gleichen Traum hatte auch Malcolm X, etwa zur gleichen Zeit. Verwirklichen wollte er ihn aber nicht nur durch friedliche Proteste, sondern »by any means necessary«, mit allen nötigen Mitteln. Er verspottete Kings gewaltlosen Widerstand als naiv und trommelte zum bewaffneten Kampf gegen die »weißen Teufel«. Der radikale Moslem predigte von einem neuen schwarzen Selbstbewusstsein: »Wenn ihr einen Weißen seht, dann denkt immer daran, dass er die reichste Nation der Welt auf dem wundgepeitschten Rücken eurer Vorfahren aufgebaut hat.« Während die Anhänger Kings meist aus der schwarzen Mittelschicht kamen, bewegte Malcolm X mit seinen Reden die Ghettos: eine ungeplante »Arbeitsteilung«, durch die der schwarze Freiheitskampf in den 60er Jahren vielleicht erst zu einer echten Massenbewegung werden konnte.

Später hätten ein vom mühsamen Kampf frustrierter King und ein vom Alter gemäßigter Malcolm X vielleicht an einem Strang gezogen. Aber bevor es dazu kommen konnte, waren beide tot. Erschossen. Malcolm X 1965 von radikalen Islamisten, aus deren Vereinigung er kurz zuvor im Streit ausgetreten war. Reverend King verblutete 1968 in Memphis an einer Schusswunde, kurz nachdem er 1300 schwarze Müllmänner auf einem Protestmarsch begleitet hatte. Laut Zeugenaussagen war der Täter ein »hochgewachsenen Weißer mit spitzer Nase und sandfarbenem Haar«. Der Mordanschlag wurde nie restlos aufgeklärt.

Richtungslos und zerrissen hinterließen die beiden Führer die Schwarzenbewegung. Aber vieles war schon erreicht: Ein Bundesgesetz stellte 1965 jede Art der Rassendiskriminierung unter Strafe. Schwarze durften nun wählen und für politische Ämter kandidieren, eine Kommission sollte die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz überwachen. Aber während es sich Farbige im liberaleren Norden schon auf jeder Bank bequem machen konnten, war der Rassismus in den Südstaaten noch tief in den Köpfen der weißen Eliten verwurzelt. Unis und Arbeitgeber, Banken und Vermieter ignorierten die neuen Regeln immer wieder und verbauten den Schwarzen weiterhin den Aufstieg in Karriere und Wohlstand. Nur im Sport durften die Schwarzen die Weißen überholen: Auf der Tartan-Bahn und im Baseballstadion mochte niemand ihre guten Leistungen bestreiten. »Ein Paradebeispiel der Integration,« fanden viele Weiße. »Eine Sackgasse für die Gleichberechtigung«, erkannten der Black-Power-Athlet Tommie Smith und seine Mitstreiter: Viel zu viele junge Farbige setzen all ihre Hoffnungen auf eine Karriere im Spitzensport berühmt werden. Die wenigen, die es schafften, wurden zu wahren Medaillenmaschinen. Doch viele blieben dabei ohne vernünftige Ausbildung auf der Strecke. Und die konservativen Weißen fühlten sich in ihrem Vorurteil bestätigt, dass Schwarze außerhalb des Sportplatzes nichts taugten. Ein Teufelskreis, gegen den die beiden Sprinter von 1968 ihre Fäuste in den Himmel reckten. Mit schwarzem Stolz, wie ihn Malcolm X gepredigt hatte. Und gewaltlos nach dem Vorbild von Martin Luther King.

Was haben die Kämpfer von damals erreicht? Das Einkommen einer schwarzen amerikanischen Familie ist heute im Durchschnitt gerade halb so hoch wie das einer weißen. Knapp 30 000 Farbige beschwerten sich allein im Jahr 2000 wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz - die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher. Die Chancengleichheit von Schwarz und Weiß ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den USA ein heißes Thema.

Doch auch der Bewusstseinswandel ist unübersehbar: Der Geburtstag von Martin Luther King ist heute in allen 51 Staaten der USA ein Feiertag. Malcolm X ist zu einem Idol der Rap-Generation geworden, seit der (schwarze) Erfolgsregisseur Spike Lee sein Leben 1992 zu einem Hollywood-Kassenschlager verfilmt hat. Für die Titelrolle bekam Hollywoods berühmtester schwarzer Schauspieler Denzel Washington eine Oskar-Nominierung. Und die Liste der Helden wird ständig länger: Gerade in den 90er Jahren haben schwarze Pioniere immer wieder Dinge getan, die noch kein farbiger Amerikaner vor ihnen getan hat. Die Schriftstellerin Toni Morrison gewann 1993 als erste Afro-Amerikanerin den Literatur-Nobelpreis. Und die TV-Moderatorin Oprah Winfrey talkte sich so tief in die Herzen der Amerikaner, dass sie mit ihrer Show die Fernsehgewohnheiten der ganzen Nation veränderte.

Im Jahr 2001 sind auch die letzten Hürden gefallen: Mit Colin Powell als Außenminister und Condoleezza Rice als Sicherheitsberaterin sind zum ersten Mal zwei Schwarze so tief im Zentrum der Macht, dass selbst ein farbiger Präsident nicht mehr abwegig erscheint. Und mit American Express-Chef Kenneth Chenault führt seit Januar zum ersten Mal ein schwarzer Manager ein Dow-Jones-Unternehmens.

Farbige Spitzensportler machen heute allein mit ihrem Image Millionen: Basketballstar Michael Jordan, der wohl berühmteste von allen, hat angeblich ein Vermögen von zehn Milliarden Dollar angehäuft. Mit seinem Namenszug verkaufen sich Schlafsäcke, Backmischungen und Handtücher. »Er hat die Werbung mit Prominenten revolutioniert,« sagen die Marketing-Strategen. »Er ist so berühmt, dass seine Fans gar nicht darüber nachdenken ob er schwarz oder weiß ist«, erklärt Jordans Manager David Falk.

Farbenblinde Bewunderung: Für Tommie Smith und John Carlos war das 1968 ein unerreichbarer Traum. Dass ihre stolze Geste sie zu armen Schluckern machen würde, nahmen sie in Kauf. Als Tagelöhner und Glücksspieler schlug sich Bronzemedaillengewinner Carlos durchs Leben. Und Olympiasieger Smith traute sich als Student nur abends in die Uni, um nicht erkannt zu werden. Beide arbeiten heute als Lehrer. Über Internet-Seiten versuchen sie, ihre schwindende Berühmtheit ein wenig auszuschlachten. Doch Tommie weiß, dass er noch Fans hat. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto, das ihm viel bedeutet: »Von einem Schützling«, hat der farbige Sportheld Edwin Moses darauf geschrieben, »für Tommie, den Nationalhelden.«

Jens Schröder

Wissenscommunity