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Love From Hell: Chillen, Sex, Freunde: Haben wir verlernt zu genießen?

Diese Woche wurde eine schockierende neue Studie veröffentlicht: Die Deutschen haben verlernt zu genießen. Statt Sex zu haben oder gemütlich zu faulenzen, hängen viele von uns nur noch am Handy und machen "competition". Alarm!

Einfach mal Spaß haben, ist schwieriger geworden.

Einfach mal Spaß haben, ist schwieriger geworden.

Getty Images

Schlechte Nachrichten! Obwohl es in den Medien vor Sex (sells) nur so wimmelt, geht bei vielen von uns im Bett immer weniger. Das belegt die neue Studie "Freizeit-Monitor 2019". Aktuell tun es nur noch 52 Prozent von uns einmal im Monat. Vor fünf Jahren waren es noch 56 Prozent. Und wer ist schuld? Ihr ahnt es schon – unsere Smartphones. Das ewige Gedaddel bei WhatsApp und Co. ist ganz klar einer der größten Abtörner unserer Zeit. Statt sich beim Abendessen tief in die Augen zu schauen, checken viele lieber ihre Timelines, beantworten Blödel-Nachrichten, checken ihre (Spam-)Mails, bearbeiten Selfies, posten alberne, völlig irrelevante "Stories", kontrollieren ihre "Likes". Dahinter steckt nicht nur Narzissmus, sondern auch ganz viel Unsicherheit und die Angst, etwas zu verpassen.

Optimiert bis zum Stillstand

"Rein wissenschaftlich betrachtet ist das eine Katastrophe", sagte Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Untersuchung, gegenüber der FAZ. "Wir wollen uns mit Dingen beschäftigen, faulenzen, Freunde treffen – aber wir schaffen es nicht, weil wir Angst haben, (…) die falschen Entscheidungen zu treffen." Die sozialen Medien würden dazu führen, dass man ständig aus allem das Beste herausholen wolle und sich gar nicht mehr trauen würden, auch mal hart zu chillen. So ganz klassisch, im Jogginganzug mit Chipstüte auf dem Sofa. "Es gibt einen Trend zur Optimierung, der im ganzen Leben stattfindet", weiß der Experte. "Auf der Arbeit, für den Körper und eben auch in der Freizeit."

Und das sieht dann so aus: Einfach nur Kaffeetrinken? Für Smartphone-Junkies unmöglich. Vorm ersten Schluck müssen erst mal sämtliche Deko-Elemente auf dem Tisch im Café neu arrangiert, die hübschere Vase vom Nebentisch geklaut und eine intellektuelle Tageszeitung daneben platziert werden. Tja, und in genau derselben Zeit hätte man früher vielleicht mit "Schatzi" im Bett gelegen und das Leben auf süßere Weise ausgekostet … 

Genießen, das heißt für mich: ganz bei sich zu sein, sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, was andere denken, seinen Instinkten zu folgen, sich sinnlichen Erlebnissen hinzugeben, sich wohlzufühlen.

Wer in einer Beziehung ist, denkt jetzt wahrscheinlich an Kuscheln mit "Schatzi". Singles werden eher an einen feuchtfröhlichen Abend mit Freunden denken. Das führt uns zum nächsten Problem: Eine Studie belegt, dass 57 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen in einer Beziehung weniger Zeit mit ihren Freunden zu verbringen. Normal. Irgendwoher muss man ja die Zeit für den neuen Partner "klauen". Bloß – wohin mit all den wunderbaren Menschen, die man in seinen wilden (Single-)Jahren um sich geschart hat?! Heute, mit 33, merke ich immer häufiger, dass es mich teilweise überfordert, all meine Freundschaften zu pflegen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich in einer festen Beziehung bin und dadurch wiederum neue Leute kennengelernt habe. Zum anderen habe ich in den letzten Jahren so viel gesehen und erlebt, dass es mir jetzt nicht mehr so viel gibt, jedes Wochenende unterwegs zu sein. Dort, wo die krasseste Party, das aufregendste Event steigt.

Genuss ändert sich

Das zeigt, dass sich unsere persönliche Definition von "Genuss" im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Im Moment möchte ich einfach nur mit meinen Lieblingsmenschen abhängen, denen ich nichts erklären muss. Das ist kein Drama, weil es auch vielen anderen so geht: Noch nie ist meine älteste Clique so selten zum Grillen zusammengekommen wie in diesem Sommer.

Für Ausgleich werden wir aber an Silvester sorgen, wenn wir alle zusammen in eine romantische Hütte in den Bergen verreisen. Mit Whirlpool, Weinkeller und Weihnachtsdinner. Unsere Partner kommen mit. So können wir zum Jahresfinale alle wichtigen Dinge gleichzeitig erledigen: 1.) Freundschaften pflegen, 2.) Sex mit "Schatzi" haben, 3.) hart chillen. Und unsere Smartphones lassen wir definitiv zu Hause.

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