HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Im ehrlichsten Land der Welt: "Meine Traumfrau ist dreimal so fett wie du!"

Wer nach Marrakech reist, braucht starke Nerven, denn seine Bewohner werden dir knallhart ihre Meinung zu deinem Aussehen, deinem Gewicht und deinem Beziehungsstatus sagen. Zwischen Liebesgeständnissen und Mitleidsbekundungen.

Letzte Woche brauchte ich dringend Urlaub und bin in meine Lieblingsstadt geflogen. Mein Hotel hätte kaum romantischer sein können. Überall Rosenduft, Kerzen, Springbrunnen, Kissenlandschaften – und verliebte Paare. Ich gebe es zu: Da braucht man als Single starke Nerven!

Eine Frage, die mir in meinem Urlaub immer wieder gestellt wurde, lautete: "Only you?!" Egal, ob Kellner, Concierge oder Putzfrau, alle waren irgendwie irritiert, dass ich allein unterwegs war. Als ob das so absurd wäre: Mehr als jeder Zweite in meiner Heimatstadt lebt allein. Sollen wir bei dem miesen Wetter etwa alle zu Hause rumhängen?! Ich zumindest möchte La Dolce Vita nicht nur im Doppelpack genießen, sondern mich auch solo an einem luxuriösen Pool aalen dürfen.

Ein paar Mal war ich deshalb kurz davor auf das ewige "Only you?!" zu entgegnen: "Not ONLY me. It's ME and that's perfect." Mal eine Woche nur für sich sein, aus den vergangenen Monaten Bilanz ziehen, neue Ziele setzen. Die reinste Meditation!

In Marokko riskieren die Männer noch einen Korb

Mit jener Ruhe ist es allerdings vorbei, sobald man sein Hotel verlässt. Jeder zweite Autofahrer ruft einem irgendetwas zu. Manchmal auf Englisch ("Beautiful Girl!" oder "May I kiss you?"). Meist auf Arabisch. Dann muss man raten, ob es sich um etwas Anzügliches, Beleidigendes oder bloß einen Gruß handelt.

Einer hat seine Karre sogar neben mir gebremst, ist ausgestiegen und hinter mir her gerannt: "Bitte gib mir deine Nummer!" Aufdringlich. Unangenehm … Anderseits: Auf solch flammenden Aktionen kann man in Deutschland lange warten. In Marokko riskieren die Männer wenigstens noch einen Korb und trauen sich, ihre Gefühle zu zeigen. Darüber hinaus sind sie gnadenlos ehrlich!

Nachdem ich mir beim Spazierengehen eine Tüte Nüsse gekauft hatte, stand ich plötzlich vor einem hageren, zahnlosen Männlein, das vor sich nichts weiter als eine klapprige alte Waage aufgebaut hatte. Offenbar sein Business. Seine Augen strahlten, als es mich sah. Es rief: "Madame, please!" Und deutete auf die Waage. Ich hatte Mitleid, reichte ihm ein paar Münzen und stellte mich auf das Ding. "Fuck", dachte ich, als ich die Anzeige sah. Das Männlein brach jedoch in tosenden Beifall aus: "Great! Very good!", lobt er mein Gewicht. Offenbar galt für ihn: Je mehr, desto besser. Darüber musste ich sehr schmunzeln und klatschte schließlich mit ihm zusammen über das "gute Ergebnis". Toller Tag!

Weder dürr noch fett

Tags drauf hatte ich einen Fahrer gebucht, der mich für einen Ausflug ans Meer fahren sollte. Vier Stunden Fahrt reichten aus, um ALLES über Ibrahim zu erfahren - ob ich nun wollte oder nicht: Ibrahim war 39, Berber, frisch geschieden, hatte zwei Kinder, sieben Brüder und sein größter Traum war ein Harem mit mindestens drei Frauen.

"In Marokko darfst du drei oder vier Ehefrauen gleichzeitig haben." Dann würde er jede Nacht mit einer anderen schlafen. "Du könntest eine davon sein", bot er mir an. Wenngleich seine Traumfrau am liebsten "dreimal so fett wie du" sein sollte. Ich sei ja "weder dürr noch fett, eher so mittel", das sei ihm "zu wenig". - Ja, was denn nun?!

"Alle drei Tage sollte man mindestens Sex haben", erklärte mir Ibrahim, während wir Wüstenlandschaft fuhren. Ich musste lachen. "In haben wir eher das Problem, dass viele gar keinen Bock mehr auf Sex mit ihrem Partner haben. Es gibt Ehepaare, die schlafen nur noch einmal im Jahr miteinander, habe ich gehört."

Da legte Ibrahim allen Ernstes eine Vollbremsung hin. "Einmal im Jahr?!" Er konnte es nicht fassen. "Das kann nicht sein! Einmal pro Woche ist das absolute Minimum. Sonst werde ich krank." Verzweifelt blickte er mich an.

"Na, dann such dir lieber mal schnell eine neue Ehefrau", sagt ich zu ihm.

"Nicht einfach. Weißt du, ich hasse Frauen, die viel arbeiten. Ich will lieber, dass meine Frauen zu Hause sind und auf mich warten. Aber das muss man sich erstmal leisten können."

An meinem letzten Tag nahm ich Abschied von den Angestellten meines Hotels. Eine Reinigungskraft griff spontan nach meinen Händen und rief mit feuchten Augen: "I hope you will find a good husband, Inschallah!" Äh, ja, danke.

Auf der Fahrt zum Flughafen beschloss ich, dass ich in meinem nächsten Urlaub als Single lieber wieder etwas Actionreicheres machen würde. Auf dem Mount Everest nervt einen ja hoffentlich keiner mit so Liebesgedöns.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity