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Visite im einzigen staatlichen Mädchengymnasium in NRW: Die Turbo-Girls aus dem Kohlenpott

Sind Jungen schuld, wenn es Mädchen nicht in die Chefetage schaffen? Ein Besuch im Mädchengymnasium Essen-Borbek zeigt, wie Schule ohne wilde Kerle funktioniert - und Erfolg verspricht.

Von Rolf-Herbert Peters

Auf dem Mädchengymnasium Essen-Borbeck werden schwerpunktmäßig Naturwissenschaften unterrichtet

Auf dem Mädchengymnasium Essen-Borbeck werden schwerpunktmäßig Naturwissenschaften unterrichtet

Rund 16.000 Kilometer südöstlich von Essen-Borbeck erkannte Rebecca, ein hübsches Mädchen mit saphirblauen Augen, dass die Welt eine Männerwelt ist. Vergangenes Jahr war sie als Austauschschülerin an der International School Brisbane, wo vorwiegend Unternehmerkinder fürs Geldverdienen präpariert werden. Sie fand sich plötzlich zwischen großkotzigen Boys, vor denen geschminkte Girls kuschten. Rebecca war baff: "Ich dachte, Australierinnen wären schon viel emanzipierter."

Im Fach Business sollten sie die Firmen ihrer Eltern vorstellen. Da drehten die Kerle auf: "Die zeigten professionelle Präsentationen mit Zahlen und Fakten und wurden von der Lehrerin gepusht. Und die Mädchen? Referierten über soziales Engagement, Kinderbetreuung und so’n Zeug." Und dann diese Häme! „Die Jungs haben uns heftig spüren lassen, dass wir hier eigentlich nichts zu suchen haben.“ Sie hielt dagegen: "In welcher Zeit lebt ihr eigentlich?" Die Mädchen aus Brisbane schwiegen.

Die 16-Jährige mit der Leichtathletinfigur liebt Sport, aber keine Geschlechterkämpfe. Darin ist sie unerfahren. In der Zehn des Mädchengymnasiums Essen-Borbeck, das sie lässig "MGB" nennt, gibt es keine Jungen, mit denen sie sich messen könnte. Es ist Dienstag, sie sitzt mit Julia, Jana und ein paar anderen Klassenkameradinnen auf einer Holzbank im Foyer vor dem Lehrerzimmer. Sie chillen bis zur nächsten Stunde, tuscheln, albern, manche daddeln am Smartphone. Dann fragt eine philosophisch:

"Muss man sich überhaupt schminken, wenn man auf eine Mädchenschule geht?"

Rebecca sagt: "Nein. Für wen auch?" Puder und Kajalstift passen nicht in ihren Lebensplan. Sie mag es schlicht, trägt einen Kapuzenpulli unter ihren brünetten, langen Haaren, dazu Jeans und Sneakers. Sie will niemandem gefallen. Sie will Karriere machen.

Vermisst hier niemand die Jungen?

Schon in der ersten Klasse zog es sie aufs MGB: "Freundinnen haben mir erzählt, dass die Lehrer dort einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften und Wirtschaft legen." Jungenfächer stehen ganz oben bei ihren Berufswünschen: "Plan A: Ingenieurin für Medizintechnik. Plan B: Aktien handeln an der Börse." Neben dem regulären Unterricht nimmt sie fast jede Schul-AG mit, sammelt Zertifikate und Trophäen. Und davon gibt es am MGB reichlich zu gewinnen: bei Youthinkgreen, Roberta, Junior, Business@School und wie die Zusatzkurse alle heißen, in denen Ökonomie, Ökologie und Technik gelehrt werden.

Vermisst hier niemand die Jungen? Die Mädchen auf der Holzbank kichern: Mit denen seien sie doch immer in Kontakt, über das Smartphone. Und beim letzten Klingeln schmachten die Lover schon vor dem Schuleingang. Rebecca allerdings ist Single. Sie sagt: "Ich vermisse die Jungen hier nicht. Im Gegenteil: Ohne sie kann ich mich in Ruhe austesten." Eine Nachbarin ist ihr ein warnendes Beispiel: "Irgendwann hat sie Make-up aufgelegt, künstliche Wimpern angeklebt und sich dann einen Freund aus der Schule zugelegt. Die hat für den Typen sogar die Schule vernachlässigt und ist sitzengeblieben! Echt krass." Jetzt sind sie keine Freundinnen mehr. Und dann stockt Rebecca kurz. "Schminken, hm. Ich denke, wenn mich jemand wirklich mag, dann nimmt er mich auch so."

Von Sheryl Sandberg hat sie noch nie etwas gehört. Doch die Facebook-Chefin muss ein Mädchen wie Rebecca vor Augen gehabt haben, als sie den Bestseller "Lean in" niederschrieb. Darin ruft sie Frauen auf, die Chefetagen mit Mut und 18-Monatsplänen zu erobern. Ihre Mission: Ladys, hört auf zu heulen, hängt euch lieber rein! 2013 kam das Buch auf den deutschen Markt. Es wurde zum Manifest eines neuen Karriere-Feminismus. Seitdem diskutieren Eltern wieder, wie man Töchter am besten auf eine Arbeitswelt einstellt, in der es so beißend nach Aftershave riecht.

Nach dem Abi stockt der Turbo

Seit der Adenauer-Ära schienen sich die Pädagogen einig: Chancengleichheit gelingt nur durch gemeinsamen Schulunterricht. Deshalb schlossen die Bundesländer die alten Lyzeen, das MGB ist das letzte öffentliche Mädchengymnasium in ganz Nordrhein-Westfalen. Man steckte alle Kinder in eine Klasse. Und tatsächlich: Dort erzielen Mädchen bis heute bessere Noten als Jungen und machen häufiger Abitur, wie die Pisa-Studien belegen. Nur: Danach stockt der Turbo. Sie kommen nicht wirklich in den Chefetagen an, trotz derselben Lehrer und Fächer. Die Männerwelt ist für sie ohne Frauenquote noch immer kaum zu erobern.

Diese Erkenntnis hat eine neue Diskussion unter Experten entfacht: Ist die strikte Koedukation wirklich der Weisheit letzter Schluss? Jüngere seriöse Untersuchungen liefern keine klare Antwort. Die US-Psychologin Diane Halpern bewertet alle Studien, die Monoedukation befürworten, als "Pseudowissenschaft". Dagegen scheint eine Expertise der britischen Cambridge Universität klar zu belegen: beide Geschlechter profitieren von ihr. Zu diesem Urteil neigt auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann. Die Grüne will nicht die Lyzeen zurück, setzt sich aber für "Mädchentische und Jungenstunden" ein. Das sei eine "sinnvolle, zeitgemäße Differenzierung". Genderdebatte hin oder her: Mädchen blieben nun mal Mädchen und Jungen blieben Jungen.

Muss man sich schminken, wenn man auf eine Mädchenschule geht?

Immer weiter diskutieren die Schülerinnen diese Frage. "Ja", schießt es aus Julia heraus. "Ich muss!" Über ihrer Strickjacke wallt eine brünette Engelsmähne, sie trägt Goldschmuck und Freundschaftsbändchen, hat ihre Nägel lila lackiert. Sie sagt: "Die Lehrer fragen manchmal: Für wen machst du dich eigentlich hübsch? Ich antworte dann: für mich. Für mein Selbstwertgefühl."

Auf so jemanden kommt eben nur Rebecca

Die Pause geht zu Ende. 780 Mädchen schwärmen zurück in den Unterricht, trotzdem bleibt es fast gespenstisch ruhig. Die Neun hat jetzt Musik. Auf den Fluren zum Musikraum hängen Gedenktafeln. "Das sind unsere Frauenzimmer", sagt Julia. Schülerinnen haben Biografien berühmter Damen recherchiert, die es im Beruf geschafft haben, und ihnen Räume gewidmet. Seit diesem Tag gibt es den Chemiesaal Hildegard Hamm-Brücher oder den Informatikraum Melinda Gates. Rebecca hat Ruth Moufang vorgeschlagen. Ruth wer? Eine verstorbene Mathematikprofessorin. "Große Theoretikerin, Moufang-Ebene, Moufang-Loop." Die anderen Mädchen haben Fragezeichen im Gesicht. Auf so jemanden kommt eben nur Rebecca.

Sie wächst behütet auf. Ein neues Reihenhaus in Borbeck, Blumentöpfe auf der Eingangstreppe, ein kleiner Garten. In ihrem Zimmer hängen Bilder von Freunden und von ihren Reisen aus aller Welt, aber nicht ein einziger Starschnitt von irgendeinem Glamourgirl. "Mein weibliches Vorbild existiert eher in meiner Vorstellung", sagt sie. Eine kluge, taffe Kosmopolitin schwebt ihr vor. Ihrer Mutter Regina, Diplom-Kauffrau und Personalerin an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, gefällt das Ego ihrer Tochter. Gerade an naturwissenschaftlichen Fakultäten gebe es viel zu wenige Professorinnen. "Die Schule tut einiges, um Rebecca zu solchen Wegen zu ermutigen. Unsere Rechnung ist aufgegangen."

Der Mathe-Raum von Herrn Kurda: die Wände champagnerrosa gestrichen, gelbe Kacheln in der Waschbeckenecke. "Die Schülerinnen gestalten ihre Räume gern selbst", sagt der beliebte Lehrer, der nur wenige weitere männnliche Kollegen hat.

Der Mathe-Raum von Herrn Kurda: die Wände champagnerrosa gestrichen, gelbe Kacheln in der Waschbeckenecke. "Die Schülerinnen gestalten ihre Räume gern selbst", sagt der beliebte Lehrer, der nur wenige weitere männnliche Kollegen hat.

Zu früh in den Ring geworfen

Im Musikraum sitzen die Schülerinnen an Tischen, auf denen Mini-Keyboards liegen. Manche drücken die Taste für den Demo-Modus. Schlagartig flutet ein Düdeldü-Konzert den Raum. Gelächter. Dann tritt Julia nach vorn, eine Schülerin folgt ihr und setzt sich ans Klavier. Die Keyboards werden still. Julia singt "Royals" von Lorde. "We’re driving Cadillacs in our dreams..." Die Zuhörerinnen legen ihre Köpfe auf die verschränkten Arme. Andacht. Feuchte Blicke. Als das Lied zu Ende ist, tost Beifall wie bei der Castingshow DSDS. Julia sagt: "Vor Jungs hätte ich mich das nicht getraut. Never!" Dabei ist sie Publikum gewohnt. Sie singt in ihrer Freizeit, begleitet von ihrem Freund, der gerade Abi gemacht hat, auf Hochzeiten und Geburtstagen. Aber das sei etwas anderes, sagt sie. "Wieso?", wundert sich Rebecca. "Da ist man gebucht und gewollt", antwortet Julia. "Stell’ dir mal vor, ein Junge aus der Klasse, den du gerade toll findest, spottet nach dem Auftritt: 'Krasse Aktion, wirst sicher mal Superstar!' Voll peinlich!"

Julia lebt mit ihren Eltern in einer Wohnung in Essen-Frintrop. Ihr Vorbild ist ihre Mutter. Die bekam Julia mit 22 Jahren, dann Studium und zehn Jahre Kinderbetreuung, schließlich Verwaltungschefin der nahen Pfarrei St. Josef. Sie sagt: "Julia erfüllt alle Klischees eines Mädchens. Sie liebt Sprachen, Musik, Theater. Das MGB war die richtigste Entscheidung. Hier hat sie eine starke Durchsetzungskraft für ihre Vorlieben entwickeln können."

Hat Facebook-Chefin Sandberg vielleicht Recht, dass Frauen vor allem eines entwickeln müssen, wenn sie im Job auf Augenhöhe mit Männer gelangen wollen: Durchsetzungskraft? Ist es vielleicht gar nicht gut, sie zu früh in den Ring zu werfen, weil sie dann von den Jungen ausgeknockt werden, noch bevor sie genug Mut ausbilden können, um später gegen sie eine Chance zu haben? Entscheidet sich in diesen Jahren, wer später auf dem Chefsessel sitzt? Manches spricht dafür, glaubt man Ökonomen der Universität Essex. Sie haben in zwei Studien ermittelt: Nur Absolventinnen reiner Mädchenschulen sind später im Durchschnitt ebenso risikobereit wie Männer.

"Mädchengefängnis Borbeck"

Muss man sich schminken, wenn man auf ein Mädchengymnasium geht? Jana ist das eigentlich egal: "Da kommt man aber wohl nicht drum herum. Man trifft ja auch im Bus irgendwelche Kerle." Sie wollte eigentlich gar nicht auf das MGB. Wenn es manche als "Mädchengefängnis Borbeck" verspotten, zuckt sie nicht. Zuweilen fühlt sie sich selbst gefangen unter "Megazicken und Tratschtanten", sagt sie. Sie trägt ein kariertes Hemd im Holzfällerstil und Boots. "Ich denke: Frauen, nehmt Euer Leben selbst in die Hand. Wenn ich durch eine Quote in eine Führungsposition rutschte, hätte ich das Gefühl, es eigentlich gar nicht drauf zu haben." Idealismus eines Greenhorns? Für Jana liegt die "Wahrheit auf’m Platz", wie es hier im Pott heißt. Sie spielt Außenverteidigerin in der U17-Mannschaft von Adler Frintrop. Da haut sie die Gegner reihenweise weg.

Im Gegensatz zu Rebecca und Julia ist sie kein Einzelkind, hat zwei Brüder und eine Schwester. Ihre Mutter Sandra, Lehrerin an einer katholischen Grundschule und Gewerkschafterin, hat selbst am MGB Abitur gemacht und wollte ihre Tochter gern auf eine gemischte katholische Schule stecken. Sie wurde als Ungetaufte aber nicht genommen und folgte am Ende ihrer besten Freundin ans kommunal geführte MGB. Nun vermisst Jana die Jungen. Schule ist ja nicht nur lernen, sondern auch lieben. Sie senkt den Blick: "Vielleicht hätte ich woanders eher einen Freund gehabt."

Jungen machen die Experimente, Mädchen schreiben Protokoll

Mathe bei Herrn Kurda. Jana setzt sich in die erste Reihe. Der Klassenraum ist mit blauem Linoleum ausgelegt. Gelbe Kacheln in der Waschbeckenecke, die Wände sind rosa wie Champagner gestrichen. Rechnen in Farbe. "Die Schülerinnen gestalten ihre Räume gern selbst", sagt Joachim Kurda und lächelt dabei kenntnisreich. Er hat selbst drei Töchter. Die Mädchen packen Wasserflaschen aus, als begänne jetzt das Zirkeltraining, und stellen sie vor sich auf die Tische. Sie mögen den Lehrer im roten Kuschel-Fleecepulli, weil er so geduldig und unaufgeregt daherkommt. So viele Männer, für die man schwärmen kann, gibt es allerdings auch nicht am MGB: Kurda ist einer von nur 13 im 63-köpfigen Kollegium.

Er geht an die Tafel und zeichnet eine Parabel. Kurvendiskussion. Jana rätselt mit ihrer Nachbarin, wo die Hoch- und Tiefpunkte liegen könnten. Der Lärmpegel im Raum schwillt an. Irgendwann diskutieren alle mit allen. "Ein Hochpunkt liegt vor, wenn F’(x) die x-Achse schneidet“, ruft ein Mädchen in die Klasse. "Woher weißt Du das?", fragt Jana. "Nur so 'ne Vermutung." Es entwickelt sich ein heiteres Kurvenraten. Herr Kurda, der auch Physik lehrt, erträgt das mit Geduld: "Jungs schweigen, wenn sie in Mathe oder Naturwissenschaften etwas nicht verstehen. Mädchen hinterfragen es so lange, bis sie es begriffen haben."

In gemischten Klassen, das weiß er aus früheren Berufsjahren, trauen sich Schülerinnen seltener, Wissensfragen auszudiskutieren. Dort bestimmen die Jungen das Lerntempo und hängen so die Mädchen ab. Sie machen die Experimente, den Schülerinnen bleibt das Protokolleschreiben. "So was lassen die Schülerinnen vom MGB nicht zu", sagt Kurda. In der Oberstufe kooperiert die Schule mit einem benachbarten Gymnasium. Dann kommen Jungen in die Leistungskurse. Und arbeiten sich an den Schülerinnen ab. "Da schreiben die Jungs die Protokolle."

Die Pädagogik wirkt

Schulschluss. Rebecca und Jana bleiben noch. Sie müssen noch in ihre Firma. Sie heißt Farb-E und stellt dieses Jahr ein interaktives Kinderbuch her. Jana ist Technik-Vorstand, Rebecca managt die Finanzen, verkauft Aktien, zahlt Gehälter, kümmert sich ums Finanzamt. Das Chefbüro ist ein Raum mit abgewetzten Holztischen. Auf der Fensterbank drängeln sich, drapiert auf rotem Tüll, die Pokale. Seit 1988 nehmen die Schülerinnen am Junior-Wettbewerb teil, den das Institut der Deutschen Wirtschaft ausrichtet – und niemand hat mehr Siege eingeheimst als sie. Ähnlich ergeht es den Mädchen ein paar Zimmer weiter, wo der Roboterkurs Roberta stattfindet. Ein Raum voller PCs, Werkzeug, Lego-Technik. Schon zweimal kamen die Mädchen, unter ihnen Rebecca, bei Weltmeisterschaften aufs Siegertreppchen, durften zur Challenge nach Singapur und Istanbul reisen. Die Hundertprozentige Frauenquote am MGB feiert ihre Triumpfe global.

Die Mädchen sagen, dass ihnen am MGB kein Frauenbild aufgepfropft werde, sie aber ständig unter Erfolgsdruck stünden. Allein wegen der Fülle von Fächern und Kursen. Bloß nicht schlechter sein als die älteren Jahrgänge. Die Pädagogik scheint zu wirken: Eine Erziehungswissenschaftlerin der Universität Wuppertal hat das Leben von Schülerinnen und Ehemaligen erforscht. Sie bescheinigt dem MGB eine "umfassende Mädchenförderung, bedingt durch die Einzigartigkeit der herrschenden Monoedukation". Fazit: Absolventinnen ergreifen überdurchschnittlich oft typische Männerberufe und kommen mit Kind und Karriere besser klar.

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