leipzig Exoten an der Leipziger Universität


Weltweit einziges Institut für Sorabistik seit 50 Jahren in der Messestadt

Weltweit einziges Institut für Sorabistik seit 50 Jahren in der Messestadt

»Hai!« Dr. Tadeusz Lewaszkiewicz nickt seinen Studenten zu. Sie haben den Stoff verstanden. Nein, nichts über Artbestimmung von Meerestieren. Dem Dozenten geht es vielmehr um Vergleiche grammatischer Formen im Altslawischen. Und da die Antwort des 23-jährigen Janek richtig war, hat Dr. Lewaszkiewicz eben »Hai« gesagt - das ist sorbisch und heißt schlicht und ergreifend »Ja«.

Dieses kleine Wörtchen hört man am weltweit einzigen »Institut für Sorabistik« an der Universität Leipzig häufig. Egal, ob beim Telefonieren, in einer der 38 Lehrveranstaltungen oder während der Prüfung: Hier wird sorbisch gesprochen. Für die meisten Studenten ist das kein Problem, da sie aus sorbischen Familien stammen oder wenigstens ein Elternteil diese alte slawische Sprache beherrscht. Bei Jan und Janek, die in eben diesem Hauptseminar über »Altkirchenslawisch unter Berücksichtigung des Sorbischen« von Dr. Lewaszkiewicz sitzen, wird zu Hause nur sorbisch gesprochen. »Das ist meine Muttersprache«, sagt der 23-jährige Jan. Natürlich spricht er auch astrein deutsch - keine Frage. Schließlich lebt er in Deutschland, genauer gesagt in Rosenthal, einem kleinen Ort in der Nähe von Kamenz.

Das Siedlungsgebiet der Sorben ist die Lausitz, die in Ostsachsen und Südbrandenburg liegt. Etwa 60 000 Sorben gibt es hier in den Gebieten um Bautzen, Kamenz, Hoyerswerda, Weißwasser und Cottbus noch. Zwei Drittel von ihnen sind Obersorben, so wie Jan und Janek. Sie sprechen Obersorbisch, das dem Tschechischen gleicht. Das Niedersorbische ähnelt hingegen mehr dem Polnischen.

Seit nunmehr 50 Jahren kann man Sprache, Literatur, Brauchtum, Rechte und Geschichte der Sorben an der Leipziger Universität an einem eigenen Institut studieren. Zur Wahl steht ein Magister- oder einem Lehramtsstudium für Mittel-, Grund-, Förderschule oder Gymnasium. Jan will Mittelschullehrer für Sorbisch und Sport werden. Neun Semester hat er bereits geschafft, die Prüfungen sind schon in Sichtweite. »Als Lehrer habe ich im Moment gute Chancen«, sagt er. Immerhin ist in Sachsen und Brandenburg seit Mitte der 90er Jahre Sorbisch als Unterrichts- und Abiturprüfungsfach zugelassen. An 81 Schulen - darunter 15 Mittelschulen - wird Sorbisch zurzeit als Mutter- oder Fremdsprache unterrichtet. Die dafür nötigen Lehrer studieren fast alle in Leipzig.

Und was fängt Janek mit seinem Hauptfach Sorabistik später einmal an? Der Möglichkeiten gibt es viele: Da die Sorben das Recht haben, bei Ämtern und Gerichten ihre Muttersprache zu benutzen, werden Übersetzer gebraucht. Mit seinem Nebenfach Journalistik hält sich Janek zudem ein Türchen in die Medienwelt offen: Zum einen gibt es da die obersorbische Tageszeitung »Serbske Nowiny«, die niedersorbische Wochenzeitung »Nowy Casnik« und den Domowina Verlag Bautzen, zum anderen senden MDR und ORB sorbische Fernseh- und Rundfunksendungen.

Eigentlich ist Sorabistik ein Sprachstudium wie jedes andere auch. Sprach- und Literaturwissenschaft müssen die Studenten wie in der Germanistik belegen, Sprachpraxis und Landeskunde lernt man wie in der Amerikanistik. Der einzig wirklichen Unterschiede sind wohl die Studentenzahlen: 27 Sorabisten gibt es in Leipzig zurzeit. Um sie kümmern sich zwei Professoren, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, drei bis vier Gastdozenten und »eine halbe Sekretärin«. Kein Wunder, dass da jeder jeden kennt. »Die meisten wohnen im sorbischen Internat«, fügt Jan hinzu. Auch Tatiana aus Russland lebt dort. Sie hat für zwei Semester ein Stipendium erhalten und studiert nun Sorabistik im Schnelldurchlauf. Wenn sie wieder in ihrer Heimat ist, will sie ihre Doktorarbeit schreiben - über sorbische Namenkunde. (ahei)


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