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muenster: Morgens Vorlesung, nachmittags Einzelhaft

Studentin aus Münster kämpft für Greenpeace und gegen die Atomlobby

Studentin aus Münster kämpft für Greenpeace und gegen die Atomlobby

Vier Studentinnen aus Berlin und Trier, zwei Studenten aus Bonn und Frankfurt, zwei Schüler aus Bonn und Kiel, zwei Praktikanten aus Paris und Dessau, ein Rentner aus Travemünde und Mareike Engels treffen sich wie zufällig in Mannheim. Es ist früh morgens. Am Güterbahnhof regt sich nichts. Nicht einmal der Polizist, der eigentlich auf die Castoren aufpassen sollte. Atommüll ist sowieso nicht seine Sache. Man hat schließlich genug eigene Probleme. Eine Stunde später am 27. April diesen Jahres stand die Gruppe von Greenpeace-Aktivisten allerdings vor viel größeren Schwierigkeiten. Im Blitzlichtgewitter der frühzeitig informierten Presse kümmerten sich Beamte des Bundesgrenzschutzes um die nationale Sicherheit. Die Demonstranten mussten weg, freie Fahrt für die noch leeren Castoren vom Atomkraftwerk Neckarwestheim in die Wiederaufbereitungsanlage Sallafield nach England.

Als die Castoren endlich rollten, befand sich Mareike Engels bereits in Polizeigewahrsam. Feuerwehrleute hatten die Aktivisten mit schwerem Gerät von den Waggons gelöst. Aber während die Kameras abgebaut und die Storys von den jungen Verrückten mit heißer Nadel gestrickt wurden, begann für die Studentin aus Münster die wahre Odyssee. Stunden, fast Tage, von denen sie nicht gerne spricht. Es seien die Schlimmsten ihres gerade mal 20-jährigen Lebens gewesen, berichtet sie rückblickend. Und deshalb müsse man doch drüber sprechen. »Als die Polizei bemerkte, dass wir das Ende der Demonstration selbst bestimmen wollten, war sie sehr verärgert«, berichtet Mareike Engels. Der freundliche Ton vor Ort sei einer deutlichen Bestimmtheit im Polizeipräsidium gewichen.

Nach der Abgabe aller persönlichen Gegenstände (man hätte sich damit verletzen können) und der Leibesvisitation wurden die Aussagen der Greenpeace-Mitglieder aufgenommen - Rekonstruktion des Tathergangs. Dass zeitgleich auch noch die Wohnungen durchsucht wurden, bekam Engels gar nicht mit. Sie saß bereits um 16 Uhr in der Isolationszelle, der weitere Ablauf war völlig ungewiss. »Als ich am nächsten Morgen zu den anderen in die Zelle durfte, wussten wir immer noch nicht, wie es weitergeht«, so Engels. Wenigstens hatte man vom Urteil des Amtsgerichtes Mannheim gehört, nach dem man nur bis 14 Uhr festgehalten werden durfte. Gegen 18 Uhr öffnete sich die Zellentür. Damit begann ein langer Prozess, der sich mittlerweile dem Ende zuneigt.

Auch wenn sie möglicherweise eine harte Strafe erwartet, lässt sich die Politikstudentin nicht entmutigen. »Umweltprobleme machen nicht an Grenzen halt«, sagt sie und deutet noch mal auf die Problematik der Atommülltransporte hin. Man müsse auch in Zukunft die Öffentlichkeit über vergleichbare Umweltverbrechen informieren. Engels: »Natürlich wäre es mir auch lieber, wenn Infostände oder Mahnwachen zur Fokussierung des Themas Atomenergie und Wiederaufarbeitung ausreichten. Doch wen erreicht man heute noch, wenn man mit einem Fähnlein neben der Bahnstrecke demonstriert?« (mk)

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