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Kunst: Öl für die Welt

Deutschland hat einen neuen Exportschlager: Kunst. Maler wie Neo Rauch, Daniel Richter und Franz Ackermann erzielen auf Messen und internationalen Auktionen Rekordpreise. Sie können gar nicht so schnell produzieren, wie ihre gut betuchten Kunden kaufen wollen.

Luxuriöse Autos? Teure Yachten? Ein Chalet in der Schweiz? Vergessen Sie's. Es gibt ein neues Statussymbol, und das heißt Kunst. Plötzlich sind Ausstellungen keine abgehobene Sache für elitäre Langweiler mehr, sondern ein gesellschaftliches Muss. Wer was auf sich hält, reist zu den Biennalen von Venedig und Istanbul und zu den Kunstmessen nach Berlin, London und Miami. Und wer beim feinen Dinner nicht über angesagte Künstler wie Neo Rauch oder Jonathan Meese plaudern kann, ist abgemeldet bei den Flicks und Rockefellers dieser Welt.

Ganz hoch in der Gunst der Sammler steht ausgerechnet Malerei aus Deutschland. Altmeister Gerhard Richter erzielt schon seit langer Zeit siebenstellige Preise auf Auktionen, vor einigen Jahren zogen Fotokünstler wie Andreas Gursky und Thomas Ruff gleich. Nun drängen junge Künstler aus Leipzig und Berlin auf den Markt. Und sie können gar nicht so viele Bilder malen, wie ihre Galeristen gern verkaufen würden.

"Deutsche Kunst ist keine Mode oder Welle, sondern eine permanent wachsende Energiequelle," sagt der Galerist Gerd Harry Lybke, genannt Judy, und er muss es wissen. Neo Rauch, Matthias Weischer und Martin Eder hat er im Programm, und die Sammler würden ihm deren Bilder am liebsten aus der Hand reißen, noch bevor die Farbe trocken ist.

Kürzlich konnte Lybke

wieder auf der Berliner Art Forum Messe triumphieren: alles ausverkauft. Schon vor der Eröffnung war sein teuerstes Bild vergeben: "Vorhang", frisch aus dem Atelier des Leipziger Malerstars Neo Rauch. Preis: 260 000 Euro. Gijs van Tuyl, Direktor des Amsterdamer Stedelijk Museums, strahlte über seinen Fang und ließ sich Arm in Arm mit dem Galeristen fotografieren. Eigentlich kann man Kunst von Neo Rauch nämlich nicht so einfach kaufen. Der Leipziger malt langsam und bedächtig, zehn große Bilder pro Jahr vielleicht. Judy Lybke muss also taktieren: Wer bekommt diesmal ein Bild, wen kann ich noch länger vertrösten, wer wird leer ausgehen?

Gijs van Tuyl schwärmt schon lange von Rauch und den anderen Leipzigern. "Da ist so viel Kraft im Osten", sagt er. "Von außen spürt man das mehr als in Deutschland selbst. Vor allem die Amerikaner sind ja ganz crazy mit Leipzig." Stimmt. Ständig kommen Sammler aus New York, Kalifornien oder Florida an Judy Lybkes Messestand vorbei, deuten auf Bilder und fragen: "Is that from Laibsig?" Auch die Rubells sind da, Donald und Mera, Immobilientycoons. Bei der letzten Art Basel in Miami luden sie die gesamte Kunstmeute in ihr Privatmuseum ein, um ihre neuesten Bilder zu präsentieren: "Northern Light: Leipzig in Miami". Spätestens seitdem ist Kunst aus der ostdeutschen Stadt schwer angesagt in Übersee. Sogar in Korea waren in diesem Jahr "Artists from Leipzig" zu sehen.

Der britische Sammler Charles Saatchi, der seine Millionen mit cleveren Werbekampagnen unter anderem für Maggie Thatcher verdiente, stieß gerade einen Großteil seiner Sammlung junger britischer Kunst ab - und kaufte Deutsches: Jonathan Meese, Jörg Immendorff, Franz Ackermann, Daniel Richter - und natürlich einen echten Leipziger: Tilo Baumgärtel.

Deutsche Kunst ist ein Exporthit geworden. Die Messe in Miami (1. bis 4. Dezember) betrachtet Lybke daher als Pflichttermin. "Dorthin gehe ich für die ganz Gestressten, die die Reise nach Berlin nicht schaffen." Für Michael Lynne etwa, Produzent von "Herr der Ringe". Oder für Leonardo DiCaprio und "Mr Spock" Leonard Nimoy, beide Lybke-Kunden. Im vergangenen Jahr hatte der Galerist ausschließlich Bilder des Edelkitschmalers Martin Eder dabei: niedliche Kätzchen in Pink und aufreizende Lolitas in knappen Höschen zu Preisen um die 18000 Dollar. Offenbar genau das Richtige für Florida: alles ausverkauft.

Nicole Hackert und Bruno Brunet von der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts glauben nicht, dass der ganze Hype "mit Deutschsein" zu tun hat, sondern nur "mit Qualität". Auch sie spüren den Aufwind. Der Anteil deutscher Kunst am Umsatz auf dem internationalen Markt ist auf fast 30 Prozent gestiegen. Künstler ihrer Galerie wie Daniel Richter oder Jonathan Meese erzielen Spitzenpreise bis zu 240000 Dollar.

Nicole Hackert ist nicht nur erfreut über die große Nachfrage. "Manche Leute schauen mit den Ohren", sagt sie. "Die haben gehört, das man dies oder jenes besitzen muss. Oft fragen sie per E-Mail an, ohne überhaupt ein Original gesehen zu haben - total marktunerfahren." Eine Chance auf eines der begehrten Bilder von Daniel Richter oder Jonathan Meese haben solche Sammler bei ihr nicht. Willkommen sind sie trotzdem, denn "sie erzeugen Druck, bringen Dynamik und Spannung in den Markt."

Taucht dann eines der begehrten Bilder bei einer Auktion auf, schaukeln sich die Preise schon mal in irrationale Höhen. Das könnte zum Beispiel am 7. und 8. November passieren, wenn Gloria von Thurn und Taxis Teile ihrer Sammlung versteigern lässt. Oder wenn am 10. und 11. November in New York ein Bild von Neo Rauch zum Kauf steht. Jutta Nixdorf vom Auktionshaus Phillips, de Pury freut sich: "Das wird spannend. Denn erst dann wird sich Neo Rauchs aktueller Marktwert zeigen. Im Moment kennen wir ihn nicht genau, weil in den letzten Jahren kaum Arbeiten verfügbar waren. Aber wir schätzen das Bild auf 300000 bis 400000 Dollar."

Was macht die deutsche Kunst denn so aufregend für die internationale Sammlerwelt? Der Berliner "Tagesspiegel" hat eine einfache Erklärung bereit: "Bilder mit erkennbaren Motiven sind nach den Jahren der Konzeptkunst wie ein Steak nach langer Rohkost." Und: "Wahrscheinlich ist die Leipziger Malerei für amerikanische Sammler eine Art Eingeborenen-Kunst." Ole Farup, Sammler aus Dänemark, drückt sich diplomatischer aus: "Es gibt einen Hunger nach Bildern und Geschichten."

Für Farup "hat vor allem Jonathan Meese eine große Radikalität. Solche Kunst wagt in den USA kaum jemand". Tatsächlich überkommt viele Sammler ein angenehmes Gruseln, wenn sie Meeses mythenüberfrachtete Bilder betrachten. Wagner und Hitler kommen vor, und manchmal steht da in krakeliger Schrift irgendwas Deutsches, das man so ganz genau gar nicht verstehen will: "Kacke am Dampfen" oder "Hallo Pimmeltoni, wir sind so geil nach deinen Pimmelwürsteln".

In den USA besitzen die Reichen

inzwischen "dermaßen viel Geld - die wissen gar nicht, wohin damit", sagt Nicole Hackert. Aufgrund drastischer Steuersenkungen steht allein in New York 125000 Haushalten mindestens eine Million Dollar für Kapitalanlagen zur Verfügung. Und sie investieren tatsächlich vermehrt in Kunst, denn der Aktienmarkt ist unsicher und unattraktiv. Große Galerien wie Contemporary Fine Arts in Berlin verkaufen inzwischen rund 70 Prozent ins Ausland, davon 40 Prozent in die USA.

Davon kann Susan Schmidt von der Leipziger Galerie Kleindienst vorerst nur träumen. Aber immerhin: "Die ganze Stadt profitiert von den Leipziger Malern", sagt sie, "wir natürlich auch." Den Boom erklärt sie sich mit "Hunger nach Bildern", nach "Figürlichem", nach "Handwerklichkeit". Dazu kommt noch das Interesse am Osten, das vor allem im Ausland ausgeprägt ist. Schmidt: "Man wäre ja dumm, wenn man das nicht nutzen würde. Wir müssen nur aufpassen, dass da kein Ausverkauf stattfindet."

Aber was tun? Soll sie etwa ahnungslose, nette Sammler wie Susan Goodman zurückweisen? Die Modefrau aus New York interessiert sich erst seit drei Jahren für Kunst. Irgendwann entdeckte sie ein Bild von Neo Rauch und war "elektrisiert". Sie stöberte im Internet, fand die Stadt Leipzig, von der sie noch nie gehört hatte, und fuhr einfach hin zu den "Kids of Leipzig School".

Neo Rauch bekam sie nicht zu Gesicht, trotzdem war es "der Anfang einer Love Affair mit deutscher Kunst". Aufregend östlich findet sie die Malerei aus Sachsen, angenehm farbig und gut gemalt. Natürlich hat Susan Goodman gekauft auf der Art Forum: bei der Galerie Kleindienst. Der Name Leipzig ist für sie inzwischen eine Art Gütesiegel für "German Quality", und sie wird ihn weitertragen, zu ihren Freunden in New York.

Eigentlich gibt es nur einen, der den ganzen Leipzig-Hype überhaupt nicht lustig findet: Neo Rauch. Bei seiner Antrittsvorlesung als Professor der Leipziger Kunsthochschule wetterte er vor wenigen Tagen: "Es kann nicht sein, dass jede drittklassige Leinwand verkauft ist, bevor die Farben getrocknet sind." Sein Ziel: "Der Verluderung der Qualitätskriterien und den Begehrlichkeiten des Marktes" entgegenzuwirken. Fragt sich bloß, wie?

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