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Güngörmüs über Großküchen: "Der Verbraucher muss sich endlich ändern"

Keime, Bakterien und verschimmeltes Essen: Was in Deutschlands Großküchen angeboten wird, ist grauenerregend. Für Sternekoch Ali Güngörmüs ist es aber der Verbraucher, der sich ändern muss.

Ein Interview von Denise Wachter

Nach dem Beitrag von "Team Wallraff" über die Zustände in Großküchen, hält Sternekoch Ali Güngörmüs es für überfällig, dass die Verbraucher endlich ihr Verhalten ändern.

Nach dem Beitrag von "Team Wallraff" über die Zustände in Großküchen, hält Sternekoch Ali Güngörmüs es für überfällig, dass die Verbraucher endlich ihr Verhalten ändern.

Eigentlich ist es ja gar nicht verwunderlich, dass das "Team Wallraff" am Montagabend ekelerregendes Essen in Großküchen entdeckt hat. Für diejenigen, die sich mit bewusster Ernährung und qualitativ-hochwertigen Lebensmitteln beschäftigen, zumindest nicht.

So auch für Sternekoch Ali Güngörmüs. Seine erste Reaktion auf die Ekelzustände in Großküchen, die Kitas, Schulen und auch Altenheime beliefern, ist eher verhalten und wenig entsetzt: "Das ist doch ein alter Hut." Der stern hat mit Güngörmüs darüber gesprochen, wer Schuld an solchen Produktionsweisen hat und wie man die Zustände ändern könnte.

Herr Güngörmüs, hat es Sie überrascht, was in Großküchen vor sich geht?
Es gibt sicherlich auch Großküchen, die ihren Job sehr gut machen. Nicht alle verwenden Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) bereits abgelaufen ist. Was ich persönlich nicht so schlimm finde, sind Produkte, deren MHD kurz vor dem Ablaufen sind. Diese dann noch zu verwenden, ist völlig legitim. Aber sie einzufrieren und mehrere Monate später noch zu verwenden, darf natürlich nicht sein.

Im Beitrag von "Team Wallraff" ist die Rede davon, dass pro Essen ein Wareneinsatz von 60 Cent berechnet wird. Können die Küchen bei diesen Vorraussetzungen gar nicht anders, als unter zweifelhaften Bedingungen Gerichte zuzubereiten?
Wie soll das denn auch gehen - für 60 Cent? Diese Mahlzeit soll vitaminreich, frisch, qualitativ hochwertig und am besten noch gesund sein. Wie soll das denn funktionieren? Das ist unmöglich.

Bei vielen - auch einkommensschwächeren Familien - spielt das Geld eine wichtige Rolle. Für wieviel Geld könnte man denn eine gesunde, vollwertige Mahlzeit zubereiten?


Wenn der Konsument nicht immer nur Fleisch oder Fisch als vollwertige Mahlzeit ansehen würde, dann könnte man ein gesundes Gericht für 3 Euro oder auch 3,50 Euro anbieten. Gerichte mit Gemüse, Hülsenfrüchte und Weizensorten wie Bulgur beispielsweise. Außerdem muss auch saisonal gedacht werden, mit exotischen Zutaten ginge das natürlich nicht.

Was glauben Sie, wer hat Schuld daran, dass Großküchen unter diesen Bedingungen arbeiten? Die Politik oder unsere "Geiz ist geil"-Mentalität als Verbraucher?
Schuld sind diejenigen, die immer weniger bezahlen wollen. Natürlich sind das auch wir, die Verbraucher. Der Druck wird vom Verbraucher an den Zwischenhändler und weiter an den Händler gegeben. Das ist bezeichnend für viele Branchen. Und es gibt immer jemanden, der die Ware günstiger anbieten kann. Das Problem ist: Die Verbraucher sind einfach geizig.

Wie könnte man anders vorgehen? Was kann der Verbraucher tun?


Der Verbraucher muss seinen Grundgedanken ändern. Von klein auf müssen wir unseren Kindern eigentlich schon beibringen, dass gutes Essen und auch Qualität einen bestimmten Preis haben. Wer hochwertig essen möchte, muss bereit sein, auch mehr auszugeben. Von heute auf morgen werden wir dies nicht ändern können. Aber wir können dieses Bewusstsein unseren Kindern vorleben.

Was könnten Großküchen anders machen?
Einfach mal Nein sagen. Wenn ein Kunde zu Großküchen kommt und 20.000 Essen bestellen möchte, natürlich mit Fleisch von guter Qualität, für einen geringen Preis - dann sind die Küchen gefragt, einfach mal Nein zu sagen. Denn nur, wenn alle an einem Strang ziehen und sich alle gegen die Billig-Preispolitik wehren, kann sich etwas ändern. Vorher nicht.

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