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Sommerärger in Brüssel: Preiserhöhung in der EU-Kantine: Das große europäische Suppen-Desaster

Es gibt bekanntlich nichts, über das EU-Politiker nicht trefflich streiten könnten. Dass nach einer Preiserhöhung das Essen in der Kantine des EU-Parlaments nun deutlich mehr kostet als bei anderen EU-Institutionen ist da sozusagen ein gefundenes Fressen.

Blick in die Kantine des EU-Parlaments

Blick in die Kantine des EU-Parlaments: "Die gleiche Qualität, nur 25 Prozent teurer".

In Brüssel rumort es. Nicht wegen der künftigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die vielen EU-Parlamentariern - zumindest nach eigenem Verständnis - aufgedrückt wurde. Auch nicht wegen des anhaltenden Scheiterns in der Migrationsfrage. Nein, es sind die Kantinenpreise, die Parlamentarier und Parlamentsangestellte umtreiben. Denn nach einer Preiserhöhung hat die - zumindest nach eigenem Verständnis - demokratischste aller EU-Institutionen laut einem "Politico"-Bericht mit den - jedenfalls nach eigenem Verständnis - "undemokratischsten" Preisen fürs Mittagessen zu kämpfen. Nicht zuletzt, weil die Erhöhung vollzogen wurde, während die meisten Parlamentarier wegen der Sommerpause gar nicht da waren. Also wieder einmal ein Demokratiedefizit in der Union? Scheint so.

Wer nun fragt, was denn an Essenspreisen undemokratisch sein kann, dem sei geklagt: In den Kantinen der EU-Kommission und des Europäischen Rats wurde nichts teurer, so dass die EU-Großkopferten nun günstiger speisen können als die Volksvertreter. Deutlich günstiger sogar, denn wegen einer neuen belgischen Mehrwertsteuer und wegen neuer Versorungsverträge für die Parlamentskantine wurden satte 20 bis 25 Prozent aufgeschlagen. Im Pommes-Land Belgien kletterte der Preis für die Parlamentsportion frittierter Kartoffelstäbchen somit von 2 Euro auf 2,50 Euro. Godverdomme! Incroyable!

"Die Suppe ist eine Sache"

Das EU-Parlament hat seinen Sitz in Straßburg in Frankreich, betreibt aber Kantinen in Brüssel, Straßburg und Luxemburg. Wichtigster Arbeitsort der Abgeordneten ist Brüssel, wo die meisten von ihnen auch wohnen - und essen. Und da es bekanntlich nichts gibt, über das EU-Politiker und offenbar auch EU-Angestellte nicht trefflich streiten könnten, lässt man im Brüsseler Kantinenstreit allerlei Zahlen für sich sprechen und damit gleichzeitig sauer aufstoßen. Am vergangenen Donnerstag beispielsweise, so berichtet "Politico" weiter, wurde in der Kantine im Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der Kommission, eine Suppe mit Borlotti-Bohnen und Nudeln für ebenso magen- wie geldbeutelfreundliche 63 Cent angeboten. Dagegen war die Bio-Minestrone in der Parlamentskantine mit 1,30 Euro mehr als doppelt so teuer - und auch die Tagessuppe (eine Zwiebelsuppe à la Cheddar) war mit einem Euro (vor der Preiserhöhung 80 Cent!) immer noch deutlich teurer als bei der Kommission.

Und so fort: "Die Suppe ist eine Sache", zitiert das Portal eine Parlamentsangestellte aus Polen, "aber die Salatbar und sogar der Kaffee sind viel teurer". Belege gefällig? Für 100 Gramm Salat zahlt der EU-Parlamentarier 1,30 Euro; der Kommissionsangestellte dagegen nur 82 Cent. Den 7,50 Euro für das vegane Gemüse-Couscous im Parlament stehen 4,95 für ein fleischloses Chili sin carne bei der Kommission entgegen. Nur gut, dass die Kantine des Rates derzeit geschlossen hat - es gäbe wohl kein Ende der missmutigen Vergleiche. Steak-Pommes beispielsweise ... ach, genug davon.

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Subventionen weg, Preise demokratisch

Wie aus dem EU-Parlament verlautet, sei der Hauptgrund für die vergleichsweise hohen Preise in der Abgeordnetenkantine eigentlich, dass die Parlamentarier die steuerlichen Subventionen für die Verpflegung haben auslaufen lassen - im Gegensatz zu Kommission und Rat. Somit habe man - jedenfalls nach eigenem Verständnis - tatsächlich demokratischere Preise, denn die europäischen Wähler würden ja auch keine subventionierten Mittagessen bekommen (es sei denn, sie essen ebenfalls in Kantinen). Blöderweise erzeugen die satten Erhöhungen um 25 Prozent aber auch wieder eine neue Ungerechtigkeit. Denn, so werden Gewerkschafter nicht müde zu betonen, die Kantine werde nicht zuletzt von vielen Angestellten genutzt, die weder hochrangig noch hochbezahlt seien und entsprechend unter den höheren Preisen leiden: Sekretäre, Sicherheitspersonal, Hausmeister und ... Kantinenpersonal.

Immerhin: Das Essen "im Parlament" soll vergleichsweise gut sein, heißt es in Brüssel. Ziemlich gut sogar. Und in jedem Fall besser als bei der ebenfalls in Belgiens Hauptstadt ansässigen Nato. Unter Angestellten des Verteidigungsbündnisses soll ein Besuch in der eigenen Kantine sozusagen als Wagnis gelten. Die Verpflegung, so wird kolportiert, sei vergleichbar einer Chemiewaffen-Attacke auf die freie Welt.

Quelle: "Politico", "EU-Observer"

dho