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Ende des Veggie-Booms - den Deutschen schmeckt das Tofu-Schnitzel nicht mehr

Trendwende im Supermarktregal: Lange Zeit boomten die Fleischersatz-Produkte, doch auf einmal haben die Verbraucher die Nase voll von der Fleischwurst ohne Fleisch. Der Grund: Der Ersatz schmeckt einfach nicht.

Fleischersatzprodukte laufen nicht mehr so gut.

Fleischersatzprodukte laufen nicht mehr so gut.

Vegetarisch hatte es nicht mehr getan, nein, vegan ist seit zwei Jahren in aller Munde. Kein Medium, das nicht über den neuen Mega-Trend berichtet hat. Die Vision des fleischfreien Lebens mutete verantwortlich und ökologisch korrekt an, linderte das Tierleid und kämpfte gegen den Klimawandel. Und tatsächlich sah es so aus, als würde der Trend auch beim Verbraucher ankommen. In Supermärkten machten sich Fleischersatzprodukte breit und selbst die "Rügenwalder Mühle" – sonst bekannt für haltbar gemachte Portionsschalen von rohem Schweinemett - wurde zum Vorreiter des Veggie-Booms mit Produkten wie "Vegetarischer Schinken Spicker".

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Den Käufern schmeckt es nicht

Bis zum Sommer dauerte die Blüte der schönen, neuen Veggie-Welt, dann gab es einen schweren Dämpfer. Nach aktuellen Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist der über Jahre hinweg boomende Markt für Fleischersatzprodukte - wie vegetarische Fleischwurst oder Sojaschnitzel - seit dem Sommer auf Schrumpfkurs.

Die Entwicklung überrascht. Ende vergangenen Jahres konnten sich die Hersteller von Fleischersatzprodukten über Zuwachsraten von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr freuen. Auch die begleitet den Trend, noch 2015 trug der Consumer Index den optimistischen Titel "Für Veggie stehen die Zeichen auf Grün". Doch 2016 schwächte sich das Wachstum zuerst ab und kam dann zum Erliegen. "In den letzten zwei, drei Monaten sind die Verkäufe sogar rückläufig", berichtet GfK-Experte Helmut Hübsch.

Mineralöl-Schock

Das Problem liegt nicht im Image, sondern in der Substanz des Fleischersatzes. Werbung und Berichterstattung machen die Verbraucher neugierig, sie kaufen die Produkte – aber viele sind mit dem Gebotenen unzufrieden. "Viele Verbraucher haben das mal ausprobiert. Aber ein großer Anteil davon hat es auch bei dem einmaligen Versuch belassen", fasst Hübsch die Eindrücke der Marktforscher aus den letzten Monaten zusammen. "Wir haben einen relativ hohen Anteil von Einmalkäufern." Kurz und knapp: Das Ersatzschnitzel schmeckt den Deutschen nicht so gut wie das Original.

Hinzu kommen die Untersuchungen von Stiftung Warentest und von Öko-Test, die einmal geschaut haben, was in den Ersatz-Würsten und -Burgern eigentlich drin ist. Den gesundheitsbewussten Käufern dürften die Ergebnisse kaum geschmeckt haben. Die Tester kritisierten die "überraschend hohe Belastung" mit Mineralölbestandteilen, aber auch Überwürzung und die Verwendung glutamathaltiger Zusätze, um den Produktgeschmack auf fleischähnlich zu trimmen. Außerdem bemängelten sie die allzu großzügige Verwendung von Salz bei etlichen Produkten und die "oftmals weiche bis breiige Konsistenz" der Produkte.

Klassische vegetarische Küche nicht betroffen 

Die Delle bei den Veggie-Produkten muss nicht die Rückkehr zu Steak und Bratwurst bedeuten. Wer sich von klassischen vegetarischen Gerichten der indischen Küche ernährt, konsumiert nämlich überhaupt keines der hier gelisteten Kunst- und Ersatzprodukte. Die Delle im Verkauf betrifft weder Mangos, noch Nüsse oder Avocados – es geht allein um Kreationen wie Fleischsalat und Bratwurst ohne Fleisch. Diese Mimikry-Produkte der Nahrungsmittelindustrie leiden alle unter dem gleichen Problem: Die synthetischen Kompositionen sind hochgradig verarbeitet, weil ihnen künstlich fleischähnliche Struktur und Geschmack verabreicht werden soll. Das geht nur mit Chemie und Geschmacksverstärkern und führt offenbar zu einem wenig überzeugendem Ergebnis. 

Gernot Kramper mit DPA

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