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Schweizer Start-up "Planted" Das Milliarden-Geschäft mit dem Fleischersatz: Warum veganes Hühnchen gerade so gehypt wird

Dieser Hühnchen-Spieß ist aus Pflanzen
Dieser Hühnchen-Spieß ist aus Pflanzen
© Planted
In zwei Finanzierungsrunden hat das Start-up für Fleischersatz "Planted" bereits 40 Millionen Euro eingesammelt. Warum das Züricher Unternehmen genau den Zeitgeist trifft. 

Nie zuvor waren vegane Produkte so en vogue wie heute: Der vegane Burger Beyond Meat ist an der Börse rund acht Milliarden Euro wert, der Wursthersteller Rügenwalder Mühle macht mit seinen vegetarischen Produkten mittlerweile 50 Prozent des Umsatzes und nun ist "Planted" mit seinem Fleischersatz auf dem Vormarsch. Ein Startup, das gerade mal sei zwei Jahre alt ist und bei seinen Investoren bereits rund 40 Millionen Euro eingesammelt hat. 

Woher kommt dieser Boom? Die Nachfrage ist erstmal da. Eine Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) zeigt, dass bis zum Jahr 2035 wohl etwa jede zehnte Mahlzeit weltweit anstatt aus tierischen Lebensmitteln aus pflanzlichen Proteinen bestehen wird. Aktuell macht der weltweite Umsatz mit den Fleischersatzprodukten 33 Mrd. Euro aus. Die Experten erwarten, dass der Umsatz bis 2035 auf rund 244 Mrd. Euro wachsen könnte, das wäre eine Steigerung um mehr als 700 Prozent.

Lukas Böni, Pascal Bieri, Eric Stirnemann und Christoph Jenny (v.l.n.r.) setzen mit ihrem Start-up "Planted" auf veganes Hühnchen und Schweinefleisch.
Lukas Böni, Pascal Bieri, Eric Stirnemann und Christoph Jenny (v.l.n.r.) setzen mit ihrem Start-up "Planted" auf veganes Hühnchen und Schweinefleisch.
© Planted

Keine Zusatzstoffe, eigene Forschung

Die Produkte von "Planted" bestehen prinzipiell aus nichts anderem als Protein-Mehl, Wasser und Öl. Fürs künstliche Hühnchen verwendet das Unternehmen Gelberbsen, fürs Schweinefleisch Sonnenblumen, Hafer und Gelberbsen. Sonst nichts. Keine Zusatzstoffe, keine Konservierungsstoffe. "Das war uns total wichtig", sagt Mitgründer Chris Jenny. "Wir wollen cleane Produkte auf den Markt bringen, um einen Beitrag für die Umwelt zu leisten, und um sich besser zu ernähren." Etwas, was auch die Investoren überzeugt hat.

Ein weiterer Pluspunkt: Von 150 Mitarbeitern arbeiten mehr als 40 in der hauseigenen Forschungseinheit, um das Produkt immer weiter zu optimieren. Die Produkte "chicken", "pulled" oder "kebab" bieten sie über den Online-Shop den Kunden an und kriegen direktes Feedback. Der Shop ist gewissermaßen das Testlabor, jede Kritik wird ernstgenommen und ans Forschungslabor weitergegeben. Pro Stunde kann das Unternehmen eine halbe Tonne pro Stunde produzieren, das soll im nächsten Jahr auf 1,5 Tonnen ausgeweitet werden.

Wie viel die Gründer damit umsetzen wollen, verraten sie nicht. 400 Gramm "chicken", "pulled" oder "kebab" kosten 8,99 Euro. "Profitabel ist das Unternehmen noch nicht", sagt Jenny. Das liegt daran, dass sie nicht zu hohe Margen nehmen wollen und in die Forschung investieren, sie wollen etwas bewirken und die Welt mit ihren Produkten verändern. 

Tim Raue setzt aufs Fleisch aus Pflanzen

Die Produkte gibt es mittlerweile auch bei Edeka in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich in ausgewähltem Einzelhandel. Das Fleisch aus Pflanzen erobert auch die Sterneküche: Tim Raue, der mit zwei Michelin-Sternen dotiert ist, hat zwei Gerichte mit den Ersatzprodukten mittlerweile fest in seinem veganen Menü verankert: einen veganen Pekingenten-Salat, den Raue mit "pulled" zubereitet sowie "Chicken" mit Topinambur, Haselnuss und Trüffel, in dem das "chicken"-Produkt von "Planted" die Hauptrolle spielt.

"Es gibt etwa fünf Prozent Menschen, die kulinarisch gebildet sind, die verstehen, etwas vegan zu essen, weil es vegan ist. Der Rest braucht ein Ersatzprodukt, das der Wurst oder dem Schnitzel ähnlich ist. Gleichzeitig wollen sie sich aber gut fühlen. Und das ist auch völlig legitim", so Raue. Die Ersatzprodukte von "Planted" haben ihn überzeugt, da sie ohne Zusatz- und Konservierungsstoffe auskommen.

Guter Begleiter zu einer fleischarmen Ernährung

Wie es  bei "Planted" weitergeht? "Unser nächstes großes Ding sollen Ersatzprodukte aus einem Stück sein. Beispielsweise eine Art Hühnerbrust. Den Anfang macht unser Schnitzel aus Erbsen, Hafer und Sonnenblumenprotein", sagt Jenny. Geschmacklich sind die Produkte eher fad, da kommt es stark auf die Zubereitung und die Würze an. Nicht-Fleischessende sind von der Struktur und der Konsistenz begeistert, so habe man was zum Kauen.

Trotzdem: Ernährungsphysiologisch seien die Ersatzprodukte "völlig irrelevant", findet Thomas Vilgis, Ernährungsphysiker und Professor am Max-Planck-Institut. "Um vegane Würstchen und vegane Burger herzustellen, braucht man High Tech. Die Produkte sind damit hoch verarbeitet." Für Ernährungsforscherin Hanni Rützler sind die fleischlosen Produkte ein guter Begleiter zu einer fleischarmen Ernährung. Langfristig auf dem Markt halten werden sie sich wohl nicht: "Ich vermute, dass es sich dabei eher um ein Übergangsprodukt handelt, weil uns die Fantasie fehlt, was wir essen können und uns schmeckt, wenn wir das Fleisch weglassen", sagt Rützler. "Der fleischlose Burger wird das Fleisch aber nicht ersetzen. Ich glaube eher, dass wir lernen werden, mit weniger Fleisch auszukommen und ihm mehr Wertschätzung entgegen zu bringen."

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