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Cocktail wird 100 Jahre alt: Der mysteriöse Graf und der junge Barkeeper - wie der Mythos Negroni entstand

Der Negroni ist ein Klassiker an der Bar. In diesem Jahr feiert der Cocktail seinen 100. Geburtstag. Doch um die Entstehung des Drinks kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gibt es zig Geschichten. Ein italienischer Barkeeper hat sich auf Spurensuche begeben.

Ein Negroni wird serviert und der Graf Negroni.

Um die Entstehung des Negroni ranken sich mehrere Geschichten. Der italienische Barkeeper Luca Picchi hat nach den Ursprüngen geforscht.

Getty Images / Hersteller

Dem Grafen Camillo Negroni war offenbar nach einem starken Drink, als er 1919 in Florenz seine Lieblingsbar betrat.

So könnte die Geschichte des Negronis beginnen. Doch zig Entstehungsgeschichten ranken sich um den Klassiker. So soll der französische General Pascal Olivier de Negroni den Drink bereits 1857 im Senegal zusammengekippt haben. Luca Picchi kennt die wahre Geschichte. Er weiß, dass die Geschichte des Negronis, dem rubinroten Drink aus Gin, Wermut und Campari, mit dem Grafen Camillo Negroni und seinem Besuch im Caffè Casoni beginnt. 

"Als ich ein junger Barmann war, erzählten einige alte Barkeeper aus Florenz eine Geschichte über die Entstehung des Negronis. Sie berichteten mir, dass Negroni in Florenz von einem mysteriösen Grafen und einem jungen Barkeeper in einer berühmten Bar in der "Via de' Tornabuoni“, der berühmten Straße im Herzen der Stadt, irgendwann in den zwanziger Jahren erfunden wurde", sagt Luca Picchi zum stern. Der Italiener hat die Geschichte des Drinks erforscht und seine Erkenntnisse im Buch "Negroni Cocktail - An Italian Legend" veröffentlicht. Dafür hat er Archive durchwühlt, Aufzeichnungen und Fotos gesichtet, Dokumente verglichen. "Der Negroni ist einer der best dokumentierten Drinks auf der Welt", sagt er heute. Mit seiner Forschung belegte Picchi die Entstehung - und rückte den Mythos damit zurecht.

Graf Camillo Nergoni war abenteuerlustig

Der Graf Camillo Negroni (1868-1934) habe ein aufregendes Leben geführt, so Picchi. Er ritt Rodeos, versuchte sich als Viehzüchter, zockte Karten in Saloons - ein Lebemann, mit mitunter zweifelhaftem Ruf. "Er lebte Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika als Cowboy in Wyoming und Alberta", so Picchi. Später siedelte er nach New York um, tauschte die Cowboystiefel gegen gesellschaftlich angemessene Kleidung und traf dort schillernde Persönlichkeiten. Negroni war ein Haudegen, schlank gewachsen, abenteuerlustig, mit auffälligem Schnurrbart und gerne mit Melone oder Zylinder auf dem Kopf. 

Im Jahr 1912, nach dem er viele Jahre in den USA und Kanada gelebt hatte, kehrte er mit Mitte 40 nach Europa zurück. Dort reiste er zwar immer noch gerne, doch seiner Stammkneipe in Florenz blieb er treu und besuchte sie und den jungen Barkeeper Fosco Scarselli (1898-1963) regelmäßig. So auch an einem Tag im Jahr 1919. Negroni trank dort den damals populären "Americano", einen Cocktail aus Campari, Wermut und Sodawasser, den auch schon Ian Flemings James Bond schlürfte (in einem französischen Kaffee konnte er ihn nicht Whisky oder Wodka kippen lassen). Doch an diesem Tag sollte es bitte etwas Stärkeres sein. Scraselli, ein leiser, schüchterner Mann, griff kurzerhand zur Ginflasche, ließ dafür das Sodawasser weg und ersetzte die Zitronenzeste durch ein Scheibchen Orange - geboren war der Negroni. Das Getränk schmeckte dem Grafen so gut, dass sein Hausarzt ihn bald ermahnen musste, dass 20 Gläser des roten Cocktails pro Tag wirklich zu viel seien.

Negroni konnte sich erst nicht durchsetzen

Doch den großen Durchbruch fand der Drink zunächst nicht, so Picchi. "Der Negroni verbreitete sich in Europa in den späten 1920er Jahren. Aber besonders populär war er nicht", so Picchi. Erst der Umweg über Kuba soll den Drink berühmt gemacht haben. "Ein spanischer Barkeeper ist wohl während der Zeit der Prohibition in den USA nach Kuba gegangen", so Picchi. Kuba sei damals ein Paradies für Amerikaner gewesen, die trinkfreudige Touristen seien dorthin für feucht-fröhliche Wochenende gereist. "Und für spanischsprachige Barkeeper gab es daher damals genug Arbeit", so Picchi. Es habe ihn daher nicht verwundert, dass das erste Negroni-Rezept, das veröffentlicht wurde, sich auf einer Barkarte des kubanischen "La Floridita" fand. "Meiner Meinung nach wurde Negroni  zu einem Cocktailklassiker in den 1950er Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg", so Picchi. So war der amerikanische Regisseur Orson Welles begeistert von dem Drink, als er 1947 in Rom den Film "Black Magic" drehte. "Die Bitterstoffe sind hervorragend für deine Leber", soll er gesagt haben, "der Gin ist schlecht für dich. Sie gleichen sich aus."

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Niemand Dry Gin  Seit 2015 wird der Niemand Dry Gin in Hannover destilliert und gewann 2018 bei den Singapur Spirit Awards 2018 eine Gold-Medaille. Der Gin zeichnet sich weniger durch typische Wacholder-Noten aus, sondern trumpft mit floralen Noten wie Sandelholz, Lavendel und Rosmarin auf.    Wie schmeckt er? Wie ein Spaziergang durch ein Lavendelfeld. Sehr lieblich und floral. Das ist nichts für jedermann, der Geschmack hinterlässt im Test gespaltene Eindrücke.    Wie sollte man ihn trinken? Mit einem einfachen Tonic, garniert mit Rosmarinzweig und Apfelscheibe. Oder aber mit frisch gepresstem Zitronensaft und Zuckersirup.    Preis: etwa 36 Euro (0,5 Liter)

Niemand Dry Gin

Seit 2015 wird der Niemand Dry Gin in Hannover destilliert und gewann 2018 bei den Singapur Spirit Awards 2018 eine Gold-Medaille. Der Gin zeichnet sich weniger durch typische Wacholder-Noten aus, sondern trumpft mit floralen Noten wie Sandelholz, Lavendel und Rosmarin auf.

Wie schmeckt er? Wie ein Spaziergang durch ein Lavendelfeld. Sehr lieblich und floral. Das ist nichts für jedermann, der Geschmack hinterlässt im Test gespaltene Eindrücke.

Wie sollte man ihn trinken? Mit einem einfachen Tonic, garniert mit Rosmarinzweig und Apfelscheibe. Oder aber mit frisch gepresstem Zitronensaft und Zuckersirup.

Preis: etwa 36 Euro (0,5 Liter)

Mit dem Siegeszug des Negroni wuchs auch schnell die Zahl seine Variationen: Wer den Gin durch Bourbon ersetzt, mixt einen Boulevardier, wer hingegen zum Tequila greift, kreiert einen Teqroni. Beim Negroski kommt Wodka ins Glas. Eine deutlich leichtere Variante soll in den 1970er Jahren durch einen schusseligen Barmann entstanden sein, der Prosecco statt Gin ins Glas kippte - fertig war der Negroni Sbagliato, der "verpatzte" Negroni.

In diesem Jahr feiert der Drink seinen 100. Geburtstag. Und eine neue Tradition hat den Mythos Negroni befeuert: Die Negroni-Week, die vom Barmagazin Imbibe 2013 ins Leben gerufen wurden. Rund um den Globus mixen Bartender Negronis für den guten Zweck - ein Teil der Einnahmen wird für wohltätige Zwecke gespendet. Dabei haben die kreativen Barkeeper längst das klassische Rezept hinter sich gelassen.

Einer von ihnen ist Volker Seibert aus Köln, der in den vergangenen Jahren Deutschlands Spendenkönig war. Mehr als 3500 Euro kamen in seiner Bar Seiberts Classic Bar & Liquid Kitchen im vergangenen Jahr zusammen - absoluter Rekord. Für die diesjährige Negroni-Week (vom 24. bis zum 30. Juni 2019) hat er sich einen andalusischen Negroni einfallen lassen. Seinen Gästen serviert er einen Drink aus Campari, Vermouth und Palo Cortado (Sherry), auf Eis kalt verrührt und mit Orangentwist garniert. 

Die vielen Varianten des Negroni

Mit dem simplen Originalrezept hat das nicht mehr viel zu tun - und das sei richtig so, sagt Picchi. Die Zeiten hätten sich verändert und das gelte auch für Drinks. Und der Negroni sei einer dieser klassischen Cocktails, die sich wunderbar in neuen Variationen zubereiten lassen. Längst wird der Negroni von vielen Bars modern interpretiert. Picchi selbst wurde im Frühjahr mit einem Preis ausgezeichnet: Er hatte eine Schoko-Variante des Klassikers kreiert. Dafür mixt er Gin mit einen sizilianischen Bitter (Mandel oder Orange) und Wermuth mit Barolo Chinato (ein mit Chinarinde aromatisierter Wein) und einem Hauch Kakaolikör. Solche Spielereien gehen für ihn völlig in Ordnung. Was nicht geht: Billigen Alkohol benutzen oder ein so abgefahrenes Rezept kreieren, dass sich keine der drei Grundzutaten im Glas wiederfindet, sagt Picchi."Das Geheimnis des Negronis ist sein Name, seine Geschichte, seine Einfachheit und die perfekte Verschmelzung der Zutaten."