Pendlerinnen und Pendler leiden seit Jahren unter dem Flaschenhals der A8 am Albaufstieg zwischen Karlsruhe und München: Statt zügig voranzukommen, heißt es dort oft Stillstand und Stop-and-Go statt eingesparter Reisezeit. Im Dezember erteilte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) die Baufreigabe für das mit 1,4 Milliarden Euro bezifferte Projekt. Nun, rund einen Monat vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, der Spatenstich – die Hauptbauarbeiten sollen im Herbst 2027 starten. Kritiker vermuten ein Wahlkampfmanöver. Oder ist das Timing doch nur ein Zufall?
Kritik an Winfried Kretschmann
FDP-Verkehrsexperte Christian Jung jedenfalls glaubt nicht an Zufälle. "Es ist in der Geschichte von Deutschland bisher einmalig, dass man einen Spatenstich über 18 Monate vor dem Beginn der Bauarbeiten macht", sagt Jung. Für ihn steht fest: "Es ist ein Fake-Termin. Ein Spatenstich ist vorgesehen, wenn die Bauarbeiten beginnen und nicht, wenn sie noch geplant werden."
SPD-Verkehrsexperte Jan-Peter Röderer sieht das genau so. Ein Spatenstich zum jetzigen Zeitpunkt sei sehr unüblich. "Und damit nichts weiter als ein billiges grünes Wahlkampfmanöver."
Staatsministerium verweist auf die Autobahn GmbH
Das Staatsministerium betonte die Bedeutung des Verkehrsprojekts und verwies auf die Autobahn GmbH. "Ministerpräsident Kretschmann hat sich schon viele Jahre für den Ausbau des A8-Albaufstiegs eingesetzt. Daher folgt er auch gerne der Einladung der Autobahn GmbH des Bundes."
Der Bürgermeister der Gemeinde Wiesensteig, Gebhard Tritschler, möchte die Diskussion über den Zeitpunkt des Spatenstichs nicht weiter anheizen. "Ich habe von dem Termin vor drei Wochen erfahren. Für mich kam das auch überraschend. Vielleicht rollen die Bagger auch früher an als im Herbst 2027." Sein Kollege aus der Nachbargemeinde Drackenstein, Roland Lang, meinte zum Timing des Spatenstichs: "Das ist Politik und ich bin hier kommunalpolitisch tätig. Für meine Kommune bedeutet das sieben, acht Jahre Belastung. Wir werden das Projekt unterstützen, aber mit kritischem Auge."
Laut der Autobahn GmbH war der Spatenstich verbunden mit der ersten Baugrundbohrung. Es werden in diesem Jahr demnach außerdem unter anderem ein Entwässerungssystem installiert und Baustraßen angelegt. Die vorlaufenden Arbeiten müssten vor den Hauptbauleistungen (Brücken, Tunnel, Erdbau) ausgeführt werden.
Kritik an Bundesregierung und Seitenhieb nach Bayern
Zum Termin im Landkreis Göppingen am Freitagmorgen reisten Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der Chef des Bundeskanzleramts, Thorsten Frei (CDU) sowie die Direktorin der Niederlassung Südwest der Autobahn GmbH des Bundes, Christine Baur-Fewson an. Frei kam in Vertretung Schnieders, der ebenso wie Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wegen des Sicherheitsgipfels der Bahn in Berlin verhindert war. Bei seiner Rede am Freitag sagte Kretschmann: "Jedenfalls hätte ich mir schon gewünscht, dass dieser objektiv enorm wichtige Abschnitt (...) früher die Priorität der Bundesregierung erfahren hätte."
Und dann der Seitenhieb gen Bayern und Berlin. Der Weg bis zum Spatenstich sei ein bisschen arg lang und sehr steinig gewesen, sagte Kretschmann. Von 2009 bis 2021 seien alle Verkehrsminister des Bundes aus Bayern gewesen. "Nun stand keiner von Ihnen jemals hier, wo Sie, Herr Bundesminister Frei, heute stehen. Weil dieser Streckenabschnitt nicht in Bayern liegt. Ich darf mal meinen geschätzten Kollegen Söder zitieren: Auf dem Parteitag 2021, hat er gesagt: "Bei allem, was der eine oder andere kritisiert an dem Andi Scheuer, ich kenne wenige Minister, die so viel Geld nach Bayern holen."
Kretschmann meinte dann, er würde sich nie erlauben, einem Bundesminister zu sagen, er solle viel Geld nach Baden-Württemberg scheffeln. "Jedenfalls nicht öffentlich würde ich das sagen." Dafür erntete er viel Applaus. Frei sagte in seiner Rede: "Endlich Baustelle könnte man sagen." Mit den freigegebenen Mitteln könne die Autobahn GmbH neben den noch notwendigen planerischen Vorbereitungen jetzt die ersten Bauarbeiten starten. "In der Detailplanung hat sich gezeigt, einige Arbeiten können eben früher beginnen."
Größtes Autobahnprojekt in Baden-Württemberg: Vorher geteilt, nachher zusammen
Der Albaufstieg ist eine Besonderheit. An der Anschlussstelle Mühlhausen teilen sich die Richtungsfahrbahnen zur Hochfläche der Schwäbischen Alb. Die bis zu zwei Kilometer voneinander entfernten Trassen mit je zwei Fahrspuren überwinden auf rund zwölf Kilometern eine Höhendifferenz von 230 Metern. Diese Teilung der Richtungsfahrbahnen war laut der Niederlassung Südwest nötig, weil es beim Bau 1936 bis 1942 nicht möglich war, eine vierspurige Autobahn an nur einem Berghang entlangzuführen. Der neue Albaufstieg wird die getrennten Trassen in einer neuen sechsstreifigen Autobahnstrecke zusammenführen. Die Bauzeit wird mit rund sieben Jahren angegeben.