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Ärzte in Deutschland: Die Angst der Mediziner vor Alten und Kranken

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV hat kürzlich mal wieder Alarm geschlagen: Es fehlten Tausende Ärzte. Dabei gibt es genug, sie sind nur falsch verteilt - zu wenige wollen aufs Land oder in die armen Stadtteile. Ändern müsste das ausgerechnet die KBV.

Von Lea Wolz

In manchen Gegenden auf dem Land ist eine Behandlung nicht mehr möglich, da Ärzte fehlen

In manchen Gegenden auf dem Land ist eine Behandlung nicht mehr möglich, da Ärzte fehlen

In der Vorweihnachtszeit ist Ludwig Sander wieder deutlich geworden, was das Besondere an seinem Beruf ist. Treue Patienten lieferten Präsentkörbchen in der Praxis ab. "Als Hausarzt haben sie Nähe und dauerhafte Verbundenheit zu den Menschen, die sie behandeln", sagt der 66-Jährige, der eine Praxis in Mecklenburg-Vorpommern betreibt. 1976 hat er diese in Pantelitz aufgebaut, einem 800-Seelen-Dorf, ein paar Kilometer westlich von Stralsund. Für seine weitesten Hausbesuche fährt er schon mal vierzig Kilometer hin und zurück. Über 5000 Patienten hat er in seiner Kartei, sagt er, Durchschnittsalter über 50.

Eigentlich würde Sander in ein bis zwei Jahren gerne in Rente gehen. Doch wie es mit seiner Praxis weitergeht, ist noch offen. Zwar ist sein Sohn gerade mit dem Medizinstudium fertig, bis er die Praxis übernehmen könnte, würden allerdings nochmals etliche Jahre vergehen. "Dann müsste ich weiterarbeiten, bis ich 71 bin", sagt der Hausarzt. Keine reizvolle Vorstellung für ihn. Noch dazu, da er es durchaus verstehen könnte, wenn der 30-Jährige sich für einen anderen Weg entscheidet. Warum? Dem Vater fallen da einige Gründe ein: "Unregelmäßige Arbeitszeiten, Nacht- und Notdienste, ausufernde Bürokratie und deutlich lukrativere Jobs, die im Ausland winken." Eine Kollegin habe zwar ebenfalls schon Interesse bekundet, doch ob sie die Praxis tatsächlich übernimmt, ist offen. Ähnlich wie Sander geht es dem Arztkollegen aus dem Nachbarort: Auch er ist im Rentenalter - doch der Nachfolger für die Praxis fehlt noch.

Die Ärzteschaft wird älter

Schon seit Jahren warnen Ärzteverbände und Kassenärztliche Vereinigungen vor einer immer schlechter werdenden Versorgung mit Ärzten, vor allem auf dem Land. Ein Grund: Die Ärzteschaft wird immer älter, zwischen 2007 und 2017 gehen voraussichtlich mehr als 75.000 Mediziner in den Ruhestand, hat die Bundesärztekammer (BÄK) berechnet. "Um die Lücke zu schließen, müssten jährlich 8000 Mediziner nachrücken", sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Ungefähr 7000 schließen jährlich ihr Studium ab, doch jeder fünfte entscheidet sich gegen den Arztberuf."

Erst vor kurzem schlug die KBV daher wieder Alarm: Deutschland würden schon jetzt rund 3600 niedergelassene Ärzte fehlen. Von einer "gesellschaftlichen Herausforderung" sprach Andreas Köhler, Chef der KBV. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, wird nicht müde, über den drohenden Ärztemangel zu klagen und "bessere Rahmenbedingungen" zu fordern. "Attraktivere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie und eine leistungsgerechte Bezahlung" schweben ihm vor.

Dabei wächst die Zahl der Mediziner in Deutschland kontinuierlich. Lag sie 1996 noch bei 340.000, ist sie 2008 den Zahlen der BÄK zufolge bei gut 420.000 angekommen - ein Anstieg um über 20 Prozent. Zwar sind nicht alle davon auch als Arzt tätig sind. Gut 100.000 Mediziner haben sich dagegen entschieden und sind unter anderem in die Industrie gegangen. Doch bei der Arztdichte liegt Deutschland europaweit immer noch an einer der vorderen Stellen: 3,4 Ärzte kommen der Weltgesundheitsorganisation zufolge auf Tausend Einwohner. Die Kassenpatienten müssten sich hier eigentlich noch bestens aufgehoben fühlen.

Dass dies nicht so ist, liegt vor allem an einer Tatsache.

Kein Mangel, ein Verteilungsproblem

"Wir haben keinen Ärztemangel, es gibt in erster Linie ein Verteilungsproblem", sagt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums. Während in Brandenburg manche Arztpraxis fehle, gebe es in Teilen Berlins eine Überversorgung. Statt in die strukturschwachen Provinzen im Osten mit einem großen Anteil an alten Menschen und mehr Hartz-IV-Empfängern zieht es auch die Mediziner in die größeren Städte. Oper, Restaurants und Privatschulen locken viele von ihnen. Auch innerhalb einer Stadt zeichnet sich diese Bewegung ab: Wer kann, verlegt seinen Arztsitz lieber in die wohlhabenden Gegenden, denn dort lässt es sich besser leben - und verdienen. Oder gleich ins Ausland.

Für Ludwig Sander käme das nicht infrage. Er will sich nicht beklagen, seine Praxis läuft. Auch mit den vielen alten und chronisch kranken Patienten. "Das sind die Menschen, die die volle Zuwendung und die Zeit des Arztes brauchen", sagt Sander. "Rein rechnerisch verdiene ich allerdings mit zwei jungen Menschen, die einmal im Quartal zu mir kommen, mehr als mit einem älteren Patienten, der zehnmal im Quartal kommt. Hier steht das System Kopf." Die rund drei Prozent Privatpatienten, die den Weg in die Pantelitzer Praxis finden, bringen dem Landarzt im Jahr ungefähr 10.000 Euro ein, sagt er. In Städten wie Hamburg oder München liegt der Anteil der Privatpatienten in vielen Gegenden zehnmal höher. Das zieht.

Patienten haben Pech

Gekniffen sind am Ende die Patienten, die in den für Ärzte wenig attraktiven Gegenden wohnen. So kann es passieren, dass es in einem Planungsbezirk genug Ärzte gibt. Allerdings so schlecht verteilt, dass manche Patienten doch viele Kilometer fahren müssen, bis sie eine Praxis erreichen. "Ärzte sind keine Beamten", sagt ein Sprecher der KBV. "Sie können sie nicht mit dem Lasso einfangen und aufs Land ziehen."

Das stimmt zwar, doch eigentlich müssten in diesem Fall gerade die Kassenärztlichen Vereinigungen gegensteuern. Die Aufgabe dieser Körperschaften des öffentlichen Rechts ist es, dafür zu sorgen, dass Haus- und Fachärzte flächendeckend gleichmäßig verteilt sind. Dem von Köhler beklagten Ärztemangel in manchen Gegenden könnte erst einmal einer mutig entgegentreten: Köhler selbst. Doch obwohl die KBV gerne lautstark auf den Medizinermangel hinweist, fällt ihr das rigorose Eingreifen schwer. Zwar zahlen die Kassenarztvereinigungen heute schon Medizinern in unterversorgten Gebieten mehr, doch sind dies bis jetzt eher geringe Beträge. Dass diese Schritte so zaghaft ausfallen, mag auch damit zusammenhängen, dass ein Zuschlag für Ärzte in strukturschwachen Gebieten zugleich einen Abzug für Ärzte in überversorgten Gebieten bedeutet - wovon auch viele Kassenfunktionäre betroffen wären.

Und so bleibt es wohl vorerst dabei, dass im deutschen Gesundheitssystem der Mangel zeitgleich mit dem Überfluss auftritt. "Damit die Versorgung in den strukturschwachen Regionen aufrecht erhalten werden kann, muss die Bedarfsplanung in Zukunft flexibler gestaltet werden", heißt es bei der KBV. Verbünde von Kassen, Ärzten und Ländern sollen sich gemeinsam in Praxen und Kliniken um die Patienten kümmern. Zudem sollen die Planungsbezirke kleiner werden. In Arztstationen sollen Mediziner verschiedener Fachrichtungen an unterschiedlichen Tagen anreisen.

Wenige Mediziner entscheiden sich für Weiterbildung zum Allgemeinarzt

Wichtig ist es allerdings auch, mehr Jungmediziner für die Weiterbildung zum Allgemeinarzt zu gewinnen; denn diese steht nicht hoch im Kurs. Für den Bremer Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke muss die Allgemeinmedizin daher wieder im Ansehen steigen. Förderprogramme sollen Abhilfe schaffen. "Es kann nicht nur die Heldenmedizin geben, wo Herzen transplantiert werden, es geht vor allem um qualifizierte Basisversorgung, alte und chronisch kranke Menschen wollen angemessen versorgt sein", sagt Schmacke.

Der Pantelitzer Allgemeinmediziner Sander ist sich sicher: "Ich würde wieder Allgemeinarzt werden und zwar genau an dieser Stelle." Die andauernde Klage mancher Kollegen um die schlechte finanzielle Situation kann der Hausarzt nur teilweise nachvollziehen: "Ärzte sollten nicht andauernd über das Geld reden, so schlecht, wie es häufig dargestellt wird, ist das Honorar nicht." Mit einem Durchschnittseinkommen von 195.000 Euro im Jahr zählen Ärzte nach einer Untersuchung der Barmer Ersatzkasse immer noch zu den Spitzenverdienern in Deutschland. "Davon gehen allerdings noch die Steuern ab und bei niedergelassenen Ärzten die Kosten für die Praxis und die Mitarbeiter", sagt Sander. Ungefähr 5000 Euro netto im Monat blieben da übrig, die Altersvorsorge nicht mit eingerechnet. Der Allgemeinmediziner ist dennoch guter Dinge, dass es mit dem Nachfolger klappt. Findet sich niemand, würde er erst einmal weiterarbeiten: "Damit die Patienten nicht vor verschlossener Tür stehen." Ein finanzieller Verlust wäre es allerdings auch, denn der Verkauf der Praxis ist fest in die Altervorsorge mit eingeplant. "Dann würde ein Standbein wegbrechen", sagt der 66-Jährige.

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