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Amerikas neue Heroin-Epidemie: Sie spritzte, dealte, strippte, klaute - und rettete sich am Ende selbst

Alex ist eines der Gesichter der neuen Heroin-Epidemie, die durch Amerikas weiße Vorstädte tobt. Angefangen hat die 26-Jährige wie viele mit Schmerzmitteln, dann spritzte sie, dealte, strippte, klaute. Am Ende rettete sie sich selbst.

Alex konnte nur high als Stripperin tanzen: Zuvor rauchte sie Heroin oder setzte sich mehrfach Spritzen

Alex konnte nur high als Stripperin tanzen: Zuvor rauchte sie Heroin oder setzte sich mehrfach Spritzen

Nett sieht sie aus. Ein bisschen dünn vielleicht und ein bisschen blass. Lange blonde Haare, ein offenes Lächeln. Müde Augen. Alex, 26, aus in Maryland hat eine anstrengende Schicht hinter sich, zehn Stunden kellnern, für 3,65 Dollar die Stunde plus Trinkgeld, zehn Stunden rennen, putzen, bringen, holen. Zehn Stunden freundlich sein, damit wenigstens das Trinkgeld den mageren Lohn aufbessert.

Wie geht dieser Witz noch mal? Der American Dream heißt deswegen Amerikanischer Traum, weil man die Augen fest geschlossen halten muss, um daran zu glauben. Alex presst die Augen zusammen und grinst. Sogar der Witz ist müde. Alex würde so gern lernen, zum College gehen, allein, um von dem Scheiß-Job wegzukommen, aber das College kann sie sich nicht leisten, weil der Scheiß-Job nicht genug abwirft. Hängt alles mit allem zusammen.

Die neuen Junkies in Amerika sind weiß

Alex hat noch anderes hinter sich: 25 Gerichtsverfahren nämlich, sieben Knastaufenthalte, fünf Jahre auf . Und viele schlechte Nachrichten: Allein in den vergangenen vier Wochen sind sechs, die sie kannte, an einer Überdosis gestorben.

Leute wie sie. Vier Frauen, ein Mann, einer fast noch ein Kind. Jung, weiß, aus Rockville, , derselben Kleinstadt, in der sie lebt. Junkies, wie sie einer war. Junkies, die man als solche nicht erkennt, jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Eine neue Heroin-Epidemie grassiert in Amerika. Nicht unter den Schwarzen wie damals in den Siebzigern. Nicht in den Städten, wie in den späten Achtzigern. Die neuen Junkies in Amerika sind weiß, sie leben vor allem in den Vorstädten, in der Provinz, auf dem Land. Sie sind erschöpft, desillusioniert, abgehängt. Und sie sind viele.
Alex war 17, als sie das erste Mal Heroin probierte. Was sie nie wollte und dann wieder doch. Alle machten es. Es war billiger als die Pillen, die sie bis dahin schluckte, jedenfalls am Anfang, und für eine 17-Jährige einfacher zu bekommen als der Alkohol, an dem ihr Vater zerbrach.


Alex' Vater ging, als sie neun war

Nicht alle, die eine beschissene Kindheit haben, die in Amerikas Armut und Perspektivlosigkeit hineinwachsen, werden Junkies. Aber fast alle, die Junkies werden, hatten eine beschissene Kindheit. Alex ist im Montgomery County geboren und aufgewachsen, im Speckgürtel von Washington, nur dass vom Speck bei ihr nicht viel angekommen ist. Dass die Mutter sie, als sie klein war, "mein Wunderkind" genannt hat, weil sie eigentlich nicht schwanger werden konnte, ist eine der kostbarsten Erinnerungen, die sie hat. Dass der Vater einmal mit ihr Schlittenfahren war, eine andere. Ein Mal.

Vor allem aber erinnert sie sich daran, dass das Geld immer knapp war. Und dass sie dauernd umziehen mussten, weil die Miete nicht bezahlt war; ständig flogen sie irgendwo raus. Ihr Vater war Arbeiter, immer auf Jobsuche. Er ging, als Alex neun war, und ließ nichts zurück außer Schulden. Alex hat bis zur neunten Klasse 13 verschiedene Schulen besucht und in ungefähr doppelt so vielen Wohnungen gelebt. Dann hörte sie auf, regelmäßig zur Schule zu gehen. Als sie zwölf war, heiratete die Mutter neu.

Eine Freundin hatte ihr gesagt, mit Opiaten fühle sich das Leben leicht an. Am Ende nahm Alex das Zeug nur, um sich abzuschalten

Eine Freundin hatte ihr gesagt, mit Opiaten fühle sich das Leben leicht an. Am Ende nahm Alex das Zeug nur, um sich abzuschalten


Oft begann es mit Schmerztötern

Alex fing an, sich zu ritzen, lief von zu Hause fort. Alex wollte keinen neuen Vater, der ihr die Mutter wegnahm. "Sie war alles, was ich hatte" , sagt Alex. "Es tat so weh." Sie begann damit, alle möglichen Pillen zu schlucken, Schmerzmittel, Opiate. "Die gab es damals an jeder Ecke. Eigentlich fand ich gar nicht so toll, was passierte, wenn man drauf war. Eigentlich wollte ich bloß Aufmerksamkeit."

Wie sie auf die Idee kam? "Die anderen Kids waren alle schon dabei, Pillen zu schlucken, sie zu stehlen, damit zu handeln, ich habe einfach mitgemacht. Die Freundin, die ich damals hatte, sagte, wenn man das Zeug nimmt, dann tut nichts mehr weh. Dann fühlt sich das Leben leicht an, so leicht, als ob man schwebe." Pillen. Painkiller. Schmerztöter. Nicht alle, die opiatbasierte Schmerzmittel nehmen, werden Junkies. Aber 80 Prozent derer, die heute Junkies sind, haben mit Painkillern begonnen. Die um sich greifende Schmerzmittelabhängigkeit war in den USA die stille Epidemie der Nullerjahre. Eine Nation betäubte sich. Es war eine Seuche, über die keiner sprach. Es war die Epidemie vor dem Heroin.

Die Junkies von heute sind anders

Opiatbasierte Schmerzmittel gab es jahrelang überall. Sie wurden verschrieben, sie wurden gehandelt, und viele, die keine Krankenversicherung hatten, aber trotzdem Schmerzen, gaben das Geld lieber direkt für Pillen aus als erst für einen Arzt und dann für die Pillen. Über die Risiken der schnellen Abhängigkeit wussten viele nicht Bescheid. Sie spürten nur, dass sie ohne nicht mehr klarkamen. Als die Schmerzmittelabgabe aufgrund der rasant zunehmenden Abhängigkeit und des wachsenden Schwarzmarktes in vielen Bundesstaaten gesetzlich eingeschränkt wurde, brauchten die Opiatabhängigen einen Ersatz. Und fanden ihn bei den Heroindealern auf der Straße.

Das erklärt, warum die Junkies von heute so anders sind als die der letzten Heroin-Epidemien. Es sind viele in ihren Zwanzigern und Dreißigern, weiße Normalos, Leute, die schon ein Leben hatten, einen , nicht selten Kinder, bevor irgendetwas sie aus der Bahn warf. Nicht selten einfach eine Krankheit.

2016: Alex feiert den dritten Jahrestag ihres neuen Lebens ohne Heroin mit Freunden in Maryland

2016: Alex (M) feiert den dritten Jahrestag ihres neuen Lebens ohne Heroin mit Freunden in Maryland 


Selbst zum Sterben zu schwach

Billiger ist Heroin allerdings nur am Anfang der Sucht. Alex schwor sich, niemals mit Heroin zu dealen. Bis sie es dann tat. Die stand vor der Tür, einmal, dann öfter, bis es dem Vermieter zu viel wurde. Sie und die Mutter verloren die Wohnung. Die Mutter hatte inzwischen wieder einen neuen Freund, bei dem sie unterkam, Alex hatte nur eine Tasche mit Klamotten, die sie hin und wieder bei der Mutter wusch. Sie schlief mal hier und mal dort. Hatte ein Zimmer, mal für ein paar Tage, mal für ein paar Wochen, dann wieder nicht. Sie brauchte bis zu 200 Dollar am Tag für Heroin. Sie stahl, sie dealte, dann kam sie das erste Mal in den Knast.

Es war Dezember. Alex fror. Das Bett aus Stahl fühlte sich an wie Eis. Die Decke war dünn. Essen war knapp. Niemand besuchte sie, niemand schickte ihr etwas Geld. Im Gefängnis wusste man, dass sie heroinabhängig war, aber man überließ sie sich selbst. Kalter Entzug. "Du hast unerträgliche Schmerzen, du kotzt, du willst nur noch sterben, aber nicht mal dazu hast du noch Kraft", sagt Alex. Als sie nach eineinhalb Monaten rauskam, war sie clean. Aber sie wusste nicht, wohin. Sie kannte nur noch Junkies, also ging sie zu denen. Und war wieder drauf.

Drogen, Strip-Club, Diebstähle

Alex begann in Baltimore, 40 Meilen von Rockville entfernt, in einem Strip-Club zu arbeiten. An der Stange rekeln, sich ausziehen, sich beglotzen lassen, auch begrapschen, ab und zu für ein paar Extra-Dollar Sex. Um die Angst und den Ekel zu besiegen, brauchte sie die Droge, um die Droge zu bezahlen, brauchte sie den Job im Strip-Club. Für die Drinks, die ihre Gäste gelegentlich ausgeben wollten, war sie zu jung. Für die Prostitution nicht.

Nicht immer verdiente sie im Club genug. Dann ging sie wieder stehlen, einbrechen, allein oder mit "Freunden". Jahrelang lebte sie im Kreis: Drogen, Strip-Club, Diebstähle oder Einbrüche, Knast, Entzug, Strip-Club, Drogen. Immer wenn sie das Gefängnis verließ, ging sie zurück nach Baltimore, nahm wieder Heroin, bis zum nächsten Mal. Von ihrem Leben bekam sie fast nichts mehr mit.

Irgendwann brachte sich ihre Mutter um

Hübsch sieht es aus, dieses Rockville, wo Alex wohnt. Verwaltungssitz des Montgomery County im US-Bundesstaat Maryland, zwischen Baltimore und Washington. Ein nettes Zentrum mit ein paar Restaurants und Läden, einem Kino, Fast-Food-Restaurants, drum herum breite Straßen, gepflegte Häuser hinter niedlichen Vorgärten, jedenfalls wirkt es so, wenn man mit dem Auto einigermaßen schnell daran vorbeifährt. Je weiter man das Zentrum hinter sich lässt, desto schlechter werden die Häuser, die Straßen, die Schulen, die Jobs.

"Es wird verdammt schnell dunkel in Rockville" , sagt Alex und gibt lieber Gas. Wir fahren zu einem Treffen der Anonymen Narkotiker, die Alex seit drei Jahren besucht. Aber vorher will sie uns noch schnell das Haus zeigen, in dem ihre Mutter sich erhängt hat. Die Mutter, deren Wunderkind sie mal war, rutschte in eine tiefe Depression, hatte aber kein Geld für eine Behandlung. Die Mutter, die für Alex der einzige Grund war, ein bisschen noch auf sich aufzupassen. Irgendwann wollte sie nicht mehr und brachte sich um in der Garage ihres Freundes, der keiner war.

"Als sie weg war, gab es niemanden mehr"

Alex wollte an diesem Tag ein paar Sachen bei ihr waschen. Sie rief an und rief an, aber niemand antwortete. Dann ging der Freund ihrer Mutter ans Telefon und sagte: Sie ist tot, du brauchst nicht mehr herkommen, fahr ins Krankenhaus, sie zu identifizieren.

"Meine Mutter war die einzige Person, die überhaupt noch wusste, dass es mich gibt" , sagt Alex. "Sie war die Einzige, die übrig war, der ich ein bisschen bedeutet habe. Der nicht egal war, ob ich sterbe oder am Leben bleibe. Und als sie weg war, gab es niemanden mehr und keinen Grund mehr, zu überleben, kein Stoppschild mehr für meine Sucht, und es war auch meine Entschuldigung für alles."

Ein Land, in dem man besser nicht arm oder krank ist

Wir erreichen ein kleines Häuschen der Kirche inmitten gepflegter Parks und Villen in einer besseren Gegend von Rockville. Knapp 30 Leute sitzen im Kreis, Menschen zwischen 20 und Mitte 40, alles Junkies, die versuchen, clean zu bleiben, manche erst Tage, manche schon Jahre. Sie erzählen ihre Geschichten, und auf eine gewisse Art ähneln sich alle. Es sind Geschichten, die immer harmlos anfangen und immer im Albtraum enden, Geschichten vom täglichen Kampf, erst um Jobs, um Ausbildung, um eine Familie, dann um die Drogen, dann gegen die Drogen. Geschichten vom gescheiterten weißen Amerika. Einem Amerika, das Fehler nicht verzeiht und auch kein Unglück, einem Amerika, in dem man besser nicht allein ist, nicht schwach, arm oder krank.

Ein Fabrikarbeiter erzählt von seinen Kindern, von seinem Job, dann ein Unfall, unerträgliche Schmerzen, kein Geld für den Arzt, Schmerztabletten, immer mehr, dann Heroin. Alles verloren, Familie, Job, Haus, Führerschein, nur die Schmerzen sind immer noch da. "Thank you for sharing", sagen die anderen im Chor, danke, dass du das mit uns geteilt hast.

Das Gefühl, dass man nicht alleine ist

Der Nächste im Kreis ist ein junger Mann, Billy, er redet ohne Anfang und Ende, nur dass er 14 war, als seine Mutter das erste Mal mit ihm Heroin geraucht hat, jetzt ist er 22. Sie umarmen sich, sie danken sich, sie loben sich für kleine Fortschritte, sie erzählen, als ob es kein Morgen gäbe. Viel zu lange hat sie niemand umarmt. Viel zu lange hat ihnen niemand zugehört. Was das bringt? "Das Gefühl, dass man nicht allein ist. Dass 'es' überall vorkommt. Ich habe diese ganzen Geschichten Hunderte Mal gehört", sagt Alex. "Es ist nichts Neues, aber ich habe Angst vor dem, was ich tue und was passiert, wenn ich diese Treffen hier nicht mehr habe."

Den "Larry Flynt’s Hustler Club" in Baltimore, in dem Alex gearbeitet hat, gibt es immer noch. Die gleichen roten Teppiche auf den Stufen in den Saal, die aufreizenden Fotos an den Wänden, die gleichen Mädchen mit gelangweiltem, abwesendem Blick. Die Tanzfläche mit den Stangen, die jedes Mädchen erst einmal mit Sprühdesinfektion bearbeitet und einem Haushaltstuch, bevor es sich daran entlangrekelt. Ein paar Dollar Eintritt, die Getränke sind erstaunlich preiswert. Der Barkeeper erinnert sich an Alex und lässt Grüße bestellen. Drogen will er in dem Laden nie gesehen haben, obwohl laut Alex mindestens die Hälfte der Mädchen abhängig war.

Reden ist das, was das eigentliche Geld bringt

Es ist dunkel hier und kühl, an den Tischen Luftballons mit Herzchen, die nach oben steigen. Jetzt am Nachmittag sind genau zwei Gäste da, ein "Mädchen" tanzt, das eher wie eine Hausfrau wirkt. Die Nachmittagsschichten bekommen die Anfängerinnen, und man fragt sich sofort, was diese Frau wohl dazu gebracht hat, in ihrem Alter als Stripperin anzufangen. Ein Gast wirft ein paar Ein-Dollar-Noten auf die Bühne. Die Frau setzt sich danach zu dem Gast und redet. Das bringt noch mal ein paar Dollar extra, reden kann sie besser als tanzen. Und Reden ist das, was das eigentliche Geld bringt.

Alex konnte nicht reden, wenn sie tanzte. Worüber sollte sie sprechen? Sie hatte keine Ahnung von Sport und Politik, manchmal wusste sie nicht einmal, wer eigentlich gerade das Land regierte. Mit ihrem Leben hatte das alles sowieso nichts zu tun. Ihr einziges Thema waren die Drogen, für die sie tanzte und die sie brauchte, nicht einmal um high zu sein, sondern nur noch, um sich nicht sterbenselend zu fühlen.

Der Richter stellte Alex vor die Wahl

Baltimore ist seit den 60er Jahren eine Drogen-Metropole. Die Dealer stehen heutzutage nicht mehr an den Ecken und warten auf Kundschaft, sie agieren per Smartphone, sie liefern auch nach Hause, man nimmt sie kaum wahr. Nur die Junkies sind im Stadtbild nicht zu übersehen, mit ihren verschleierten Augen, den seltsamen Posen, in denen sie verharren, wenn der Rausch von ihnen Besitz ergreift. Geschätzte zehn Prozent der Bevölkerung von Baltimore, dieser einst stolzen Hafen- und Industriestadt, sind drogenabhängig. Ein guter Grund für Alex, um sich von hier fernzuhalten.

Beim letzten Gerichtsverfahren hatte Alex Glück. Wegen organisierten Einbruchs bekam sie drei Jahre. Aber der Richter, der sich in ihre Geschichte vertieft hatte, stellte sie vor die Wahl: Statt Knast bot er ihr an, ein dreijähriges Rehabilitationsprogramm zu machen mit strengen Auflagen – Entzug, Therapie, drei- bis viermal wöchentlich Drogentests. Sie musste sich einen regulären Job suchen, sie musste zu den Treffen der Anonymen Narkotiker, sie musste mindestens einmal pro Woche vor Gericht erscheinen und dem Spezialrichter einer Drogenkammer von ihren Fortschritten berichten. Hätte sie gegen eine dieser Bewährungsauflagen verstoßen, hätte sie die Haftstrafe antreten müssen.

Sie sucht jetzt nach ihrem Vater

Drei Jahre hat sie jetzt durchgehalten. Sie hat Schulden getilgt, offene Straf- und Bußgelder bezahlt, sie ist zu allen Treffen gegangen. Und sechs Tage die Woche geht sie zu ihrem Job, obwohl "ich augenblicklich deprimiert bin, sobald ich da reingehe". Aber sie braucht den Job. Der Chef kennt ihre Geschichte und hat ihr trotzdem eine Chance gegeben. Das machen nicht viele.

Sie sucht jetzt nach ihrem Vater. Er weiß nicht, dass Alex' Mutter gestorben ist, er weiß nichts von dem, was in ihrem Leben passiert ist, und sie weiß nichts von ihm. "Keine Ahnung, ob das irgendwelche Probleme lösen wird, aber es wird vielleicht ein paar Fragen beantworten, die ich habe" , sagt Alex.

Was für Fragen? "Wie kann man eine Familie einfach mit Schulden zurücklassen und sich nie wieder kümmern? Wie kann man über 15 Jahre nicht mit seiner Tochter sprechen, die man als Kind verlassen hat, und denken, das ist okay?" Alex macht sich keine Illusionen, aber sie sagt, sie brauche eine Antwort auf diese Fragen für ihr Selbstwertgefühl. Sie weiß in zwischen, dass ihr Vater zuletzt wegen Scheckbetrug im Knast war und dass er auf Bewährung draußen war und dass es einen Haftbefehl gibt, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat.

"Es ist keine Parallelwelt mehr"

Oft, wenn sie so müde ist, denkt sie an den Strip-Club in Baltimore und an das Geld, das sie dort verdient hat. Und wie es wäre, wenn sie wieder so viel Geld verdienen und es einfach nicht für Drogen ausgeben würde.

Es ist hart, sich aus der Abhängigkeit zu lösen, sagt Alex, aber es ist möglich. Man braucht Willen, man braucht Unterstützung, man braucht eine Chance. Aber die bekommen viele nicht.

56.000 Amerikaner starben 2015 den Drogentod, fast doppelt so viele wie durch Waffen. Die Generation Alex ist die erste amerikanische Generation seit dem Vietnamkrieg, deren Lebenserwartung im Vergleich zur Vorgeneration gesunken ist, und das liegt an den vielen Drogentoten. Nur langsam wird das Ausmaß der Epidemie der Öffentlichkeit bewusst. "Es sind nicht mehr irgendwelche anderen, die abhängig sind, es ist keine Parallelwelt mehr", sagt Danielle C. Ompad, die als Professorin am Institut für öffentliche Gesundheit der New York University forscht.

"Es betrifft uns alle, alle Schichten, aber besonders das abgehängte vergessene weiße Amerika jenseits der Metropolen." Der viel beschworene Krieg gegen die Drogen, den die USA mit großem finanziellem Aufwand und enormen Verlusten jahrzehntelang geführt haben, auch gegen die eigene Bevölkerung, ist auf ganzer Linie verloren gegangen. Und die Ursachen dafür liefert Amerika selbst.

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