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Ärger um unterirdische Passage Frankfurter Hauptbahnhof - Wo die Dealer Drogen verkaufen wie Brot

Eine S-Bahn fährt in den Frankfurter Hauptbahnhof ein
Eine S-Bahn fährt in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Viele Reisende empfinden die unterirdische Geschäftspassage in dem Bahnhof inzwischen als Zumutung.
© Marc Tirl/dpa
Drogenhändler und Süchtige machen sich mehr und mehr in der unterirdische Geschäftspassage am Frankfurter Hauptbahnhof breit. Mit Kontrollen geht die Polizei immer wieder gegen die Szene vor - mit mäßigem Erfolg.

In den Treppenabgängen vor dem Frankfurter Hauptbahnhof sitzen zugedröhnte Junkies. Einer macht gerade eine Crack-Pfeife fertig, ein anderer pinkelt an die Wand. Am Rande der Stufen sammelt sich Müll, es stinkt nach Urin. In der unterirdischen Geschäftspassage steht alle paar Meter ein Dealer. "Die sprechen jeden an, auch Kinder. Es ist furchtbar", sagt eine Ladeninhaberin in der sogenannten B-Ebene, die den Zug-Fernverkehr mit den S- und U-Bahnen verbindet. Ihren Namen will sie genauso wenig sagen wie ein anderer Geschäftsinhaber - aus Angst. "Die verkaufen Drogen wie Brot", sagt der Mann entsetzt. "Wir sind der Hauptbahnhof - die Eintrittskarte zur Stadt."

Umbau des Hauptbahnhofs Frankfurt soll helfen

Rund 450.000 Menschen durchqueren jeden Tag den Knotenpunkt in der Pendler- und Messestadt. Polizei, Stadt und Bahn bekommen die Lage - trotz regelmäßiger gemeinsamer Gespräche - nicht in den Griff, schieben sich mitunter gegenseitig oder der Justiz den Schwarzen Peter zu. Das Ordnungsdezernat und die Bahn hoffen auf den bis 2022 geplanten Umbau des Hauptbahnhofs samt Modernisierung der B-Ebene. Anfang 2017 soll es losgehen, wie ein Bahn-Sprecher sagt. "Wir wissen aber auch, dass das alleine die Probleme noch nicht löst."

Die Bundespolizei ist im Einsatz. Die Möglichkeiten seien aber begrenzt, die Beamten haben im Bahnhof mit Bettelbanden, Diebstählen, Gewalt und Schwarzfahrern schon viel zu tun, wie Sprecher Michael Roßberg sagt. In der B-Ebene habe zudem bei Straftaten im Zusammenhang mit Drogendelikten die Landespolizei die Federführung.

"Es ist verzwickt", sagt Hauptkommissar Matthias Block-Löwer über die Zuständigkeiten von Landes- und Bundespolizei in der unterirdischen Passage.

Die Landespolizei hat die Szene mit mehr als 140 Kontrollen und regelmäßigen Razzien seit Jahresbeginn aufgemischt und dabei auch Drogenhändler überführt. So wie bei einer Razzia am Donnerstagabend, als rund 40 Bereitschaftspolizisten - unterstützt von der Stadtpolizei und Zivilkräften - mindestens 50 Menschen in der B-Ebene und den angrenzenden Brennpunkten im Bahnhofsviertel kontrollieren.

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Allerdings sind die Dealer, die immer nur kleine Mengen bei sich haben, nach Polizeiaktionen meist schnell wieder zurück und verkaufen weiter ihre Drogen. Zudem haben sie inzwischen ein gutes Alarmsystem entwickelt und warnen sich über soziale Medien, mit Pfiffen und Handzeichen, sobald sie Polizisten sehen.

2000 Haftbefehle pro Jahr

Häufig ist der Vorwurf zu hören, die Frankfurter Justiz sei zu lasch. Das weist der Präsident des Oberlandesgerichts, Roman Poseck, allerdings zurück. Das oberste Gericht Hessens ist auch für die mehr als 1200 Richter in der gesamten Justiz zuständig. Die Frankfurter Richter erließen jedes Jahr rund 2000 Haftbefehle, darunter seien auch viele Fälle von Drogenkriminalität.

 "Untersuchungshaft ist keine vorweggenommene Bestrafung", betont Poseck. Die Voraussetzungen eines Haftbefehls müssten in jedem Fall geprüft werden. "Der Erlass eines Haftbefehls setzt nach dem Gesetz einen dringenden Tatverdacht, einen Haftgrund wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr und die Wahrung der Verhältnismäßigkeit voraus."

 Die Dealer-Szene habe sich verändert, es seien aggressivere Händler unterwegs, sagt Polizeisprecher Alexander Kießling. Die Sanierung des berüchtigten Bahnhofsviertels habe zudem dazu geführt, dass die Szene sich auf wenige Stellen konzentriere - wie die B-Ebene. "Die Dealer ziehen die Junkies an - nach dem Prinzip der kurzen Wege", ergänzt Bundespolizei-Sprecher Roßberg.

 "Die Junkies sind harmlos", sagt die Ladenbesitzerin aus der B-Ebene. "Aber die Dealer streiten sich ums Geld und schlagen sich." Ihr Kollege spürt das auch am Umsatz seines Geschäfts: "Viele meiner Kunden sind Frauen, und die haben Angst, durch die B-Ebene zu laufen."

"Ich dachte, Sie haben vielleicht Angst"

Das weiß auch die Bahn, die rund um die Uhr mit mindestens einer Streife unterwegs ist und auch eine Hundestreife im Einsatz hat. "Soll ich Sie hinaufbegleiten?", fragt ein Bahn-Mitarbeiter eine Frau, die in der B-Ebene vor einem Treppenaufgang, auf dem mehrere Junkies sitzen, fragend um sich blickt. "Ich dachte, Sie haben vielleicht Angst." Polizeibefugnisse haben die Sicherheitsmitarbeiter der Bahn, die in Uniform und in Zivil unterwegs sind, allerdings nicht. Sie können aber Verdächtige bis zum Eintreffen der Polizei festhalten und Platzverweise aussprechen. Da die B-Ebene einem zehn Jahre alten Gerichtsbeschluss zufolge als öffentlicher Raum gelte, blieben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs ohne Erfolg, heißt es bei der Bahn.

Was bleibt zu tun? "Wir müssen alle an einem Strang ziehen", mahnt Polizei-Sprecher Kießling. Denn: "Selbst wenn es nur kleine Mengen Rauschgift sind, ist die Gesamtmenge ein großes Problem."

anb/Ira Schaible DPA

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