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Corona-Pandemie 40 Prozent der Weltbevölkerung sollten bis Ende des Jahres geimpft werden. Das Ziel wird verfehlt – aber warum?

WHO-Impfziel: Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens impft einen Mann
In Uganda wird ein Mann gegen das Coronavirus geimpft. Vor allem in Afrika verfehlen viele Länder das von der WHO gesteckte Impfziel
© Hajarah Nalwadda / XinHua / DPA
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bis Ende des Jahres weniger als 40 Prozent der Weltbevölkerung gegen das Coronavirus geimpft sein. Das hat verschiedene Gründe.

Häufig beklagt und im Vergleich doch fortschrittlich: In Deutschland sind 70 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger doppelt geimpft, etwas mehr ein Drittel der vollständig Geimpften hat bereits die dritte Impfdosis erhalten. Vor gut einer Woche verkürzte die Stiko die Zeit zwischen dem zweiten und dem dritten Piks. Jetzt soll letzterer bereits nach drei Monaten möglich sein. Ein Blick nach Israel zeigt: Auch damit wird es nicht getan sein. Mindestens eine vierte Impfung wird folgen. Das Land testet dies derzeit in einer Studie. Zudem wird die vierte Impfung bereits für Menschen über 60 Jahren empfohlen.

Obwohl vielfach über das schleppende Impftempo hierzulande geklagt wird, zeigen Zahlen aus anderen Ländern, dass es deutlich schlechter geht. Dutzende Länder vor allem in Afrika werden das Ziel von 40 Prozent Corona-Geimpften bis Ende dieses Jahres verfehlen. Dieses Ziel hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Sommer ausgegeben. Kurz vor Weihnachten waren nach ihren Angaben in circa der Hälfte der 194 Mitgliedsländer noch keine 40 Prozent der Bevölkerung geimpft. In rund 40 Ländern waren es noch nicht einmal zehn Prozent.

Der Geldbeutel bestimmt die Impfquote

Weltweit wurden bis Dienstag mehr als 8,6 Milliarden Impfdosen verabreicht, dies allerdings überwiegend in Ländern mit hohen Einkommen, die eigene Verträge mit Impfstoffherstellern hatten. Dutzende Länder waren auf die Belieferung durch das von der WHO mitgegründete solidarische Programm Covax angewiesen.

Covax hatte monatelang zwar von den reichen Ländern Geld erhalten, um Impfstoffe zu kaufen, doch hatten die Staaten zunächst einen Großteil der Impfstoffproduktion für sich gesichert. In den vergangenen Wochen zog die Auslieferung über Covax an. Bis kurz vor Weihnachten hatte Covax 722 Millionen Impfdosen ausgeliefert.

Während in Deutschland nach aktuellen WHO-Zahlen von Dienstag rund 171 Impfdosen pro 100 Einwohner verabreicht worden waren, waren es in Madagaskar erst knapp 2,7 und in der Demokratischen Republik Kongo 0,32. In den meisten Ländern Afrikas liegt die Zahl höchstens im niedrigen zweistelligen Bereich.

Verfehltes WHO-Ziel: Ist die Impfskepsis Schuld?

Nach Überzeugung der Pharmaindustrie ist nicht ein Mangel an Impfdosen dafür verantwortlich. Die Industrie hat nach Schätzungen des Pharmaverbandes IFPMA im Dezember rund 1,4 Milliarden Impfdosen hergestellt. Vielmehr sei die Impfskepsis in vielen Ländern groß, und viele hätten ein Problem, die Impfstoffverteilung zu organisieren. Die WHO sagt dagegen, Dutzende Länder wären bereit, wenn sie die Impfdosen bekämen.

Viele reiche Länder haben zusammen mehr als eine Milliarde Impfdosen als Spende versprochen. Allerdings ließen die Lieferungen nach Angaben der WHO oft lange auf sich warten. Einiges an Material habe zudem nur noch wenige Wochen bis zum Ablaufdatum, was eine zeitgerechte Verteilung kompliziert mache.

Das Vetorecht der Impfstoffhersteller

Berechnungen der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zufolge, drohen etwa in Österreich zehn Millionen Impfdosen zu verfallen. Selbst wenn bis zum März sämtliche Bürger geimpft würden, würde noch ein Großteil der Impfdosen übrig bleiben, berichten österreichische Medien übereinstimmend. Eine Weitergabe der ungenutzen Dosen sei aber deshalb kaum möglich, weil sich die Hersteller ein Vetorecht gesichert haben.

Das Problem haben auch andere EU-Länder. Der Grund: Die Verträge, die die EU-Kommission mit den Impfstoffherstellern geschlossen hat, bieten den Firmen ein Vetorecht bei der Weitergabe von Impfstoffen an Drittländer. Bevor ein Land überschüssige Impfdosen weitergeben kann, muss der Hersteller erst einen entsprechenden Abgabevertrag unterzeichnen.

Im Oktober stand Deutschland bereits vor diesem Problem. Damals hatte die Bundesregierung angekündigt, überschüssige Impfdosen im Rahmen der Covax-Initiative zu spenden. In einem Schreiben des Staatssekretärs Thomas Steffen vom Bundesgesundheitsministerium, das dem ARD-Politikmagazin Kontraste vorlag, kritisierte er das Verhalten der Impfstoffhersteller. "Wir werden demnächst vor einer Situation stehen, in der einige Länder große Mengen an Impfstoff vernichten müssen, der anderswo dringend benötigt wird", kritisierte Steffen. Für den wirtschaftlichen Gewinn würden die Firmen dieses Vetorecht ausnutzen. So werde versucht, die Verteilung der Impfstoffe durch internationale Organisationen zu verbieten.

Anfragen dazu ließen die Pharmafirmen dem Bericht zufolge weitestgehend unbeantwortet. Moderna wollte sich zu "möglichen oder tatsächlich laufenden Gesprächen mit Behörden und Regierungsstellen grundsätzlich nicht" äußern, zitiert die Tagesschau aus einer Antwort.

Quellen: "Der Standard", "Die Presse", Tagesschau.de, ZDF heute, AFPa

cl

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