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Corona-Krise: Warum sterben in Deutschland verhältnismäßig wenig Menschen an Covid-19?

In Spanien und Italien sterben innerhalb von 24 Stunden 800 Covid-19-Erkrankte. In Deutschland sind es nun über 100. Was ist hier anders? Experten haben Antworten, aber nicht nur positive.   

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"Die Corona-Krise hat Deutschland mit voller Wucht getroffen. Die Infektionen nehmen rapide zu, in einem Punkt aber erweist sich das Land als bemerkenswert widerstandsfähig: Im Vergleich zu den Infektionen ist die Zahl der Todesfälle bislang winzig." So beschreibt die britische "Financial Times" (Bezahlschranke) die derzeitige Situation halb ver-, halb bewundernd. Je nach Zählweise sind in Deutschland 106* (Johns-Hopkins-Universität) beziehungsweise 55 Menschen (Robert-Koch-Institut) an den Folgen Infektion gestorben. Zum Vergleich: In den vergangenen 24 Stunden haben allein in Spanien und Italien je 400 Menschen den Kampf gegen das Coronavirus verloren. Was, fragt die Zeitung weiter, läuft hier so anders?

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Geringe Sterblichkeit - Experten (etwas) ratlos

Gute Frage, komplizierte Antwort(en): "Wir haben dafür keine wirkliche Erklärung. Es ist wahrscheinlich eine Kombination aus verschiedenen Faktoren", sagt Richard Pebody von der Weltgesundheitsorganisation dazu. Mehrere Gründe kommen in Frage:

  • 1. Die Corona-Epidemie steht in Deutschland noch am Anfang. "Besonders zu Beginn des Ausbruchs haben wir viele Fälle im Zusammenhang mit Menschen gesehen, die von Skiausflügen und ähnlichen Ferien zurückgekehrt sind", sagte Matthias Stoll, von der Uni Hannover zur "Financial Times". "Dies sind überwiegend Personen, die jünger als 80 Jahre sind und fit genug sind, um Ski zu fahren oder ähnliche Aktivitäten auszuführen. Ihr Sterberisiko ist vergleichsweise gering."
  • 2. In Deutschland wird überproportional viel getestet. Wie der stern jüngst berichtete, erhöht sich die Quote der entdeckten Infektionen mit der Zunahme an Untersuchungen, gleichzeitig sinkt die Anzahl der nicht erkannten Fälle, die oft zitierte Dunkelziffer. Dadurch könnten Betroffene, vor allem aus Risikogruppen, besser behandelt werden. Rund 160.000 Tests werden schätzungsweise pro Woche durchgeführt, die Labore arbeiten am Rand ihrer Kapazitäten. Allerdings würden derzeit auf Tiergesundheit spezialisierte Einrichtungen auf Coronavirus-Kontrollen umgestellt.
  • 3. Die Bettenkapazität: In Italien, wo weltweit mit die meisten Corona-Todesfälle registriert werden, hat europaweit in den Krankenhäusern eine der niedrigsten Betten-Pro-Kopf-Raten: 318 Intensivbetten stehen dort pro 100.000 Einwohner zur Verfügung, in Deutschland sind es 800. Sogar mit steigender Tendenz. Denn im ganzen Land würden die Intensiv-Kapazitäten erweitert, die Anzahl der Mitarbeiter erhöht sowie die Ausrüstung aufgestockt. Zuletzt hatte die Bundesregierung weitere 10.000 lebensrettende Beatmungsgeräte bestellt, zusätzlich zu den 25.000, die bereits in Krankenhäusern im ganzen Land vorhanden sind.

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Vorläufiges Fazit: Deutschland scheint in der Corona-Krise einiges richtig zu machen. Aber gleichzeitig gilt auch: "Der überwiegende Anteil der Patienten wurde erst in den letzten ein, zwei Wochen infiziert, und wir werden wahrscheinlich in Zukunft schwerere Fälle sowie eine Veränderung der Todesrate sehen", wie der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich sagt.

Quellen: FT, Johns-Hopkins-Universität, RKI, DPA, AFP

*Update, 12 Uhr, 23. März 2020: Zuvor war an dieser Stelle von 93 Todesfällen die Rede. Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität ist die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus in Deutschland auf 106 gestiegen. Wir haben den Artikel entsprechend aktualisiert.

nik

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