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Modellrechnung von Experten Weihnachten zu Oma und Corona im Gepäck? Wie sich die Feiertagslockerungen auswirken könnten

Sehen Sie im Video: Neue Corona-Regeln – diese Verordnungen gelten ab Dezember.






Bund und Länder verschärfen angesichts der anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen den Kurs in der Pandemie. Kanzlerin Angela Merkel und die 16 Ministerpräsidenten beschlossen am Mittwochabend nach mehr als siebenstündigen Beratungen, dass Gastronomie, Freizeit- und Kultureinrichtungen bis zum 20. Dezember geschlossen bleiben müssen. Zudem dürfen sich Menschen bis dahin nur noch zu fünft treffen und aus zwei Halshalten stammen. Vom 23. Dezember bis zum 1. Januar sollen "Treffen im engsten Familien- oder Freundeskreis" bis maximal zehn Personen erlaubt sein. Kinder bis 14 Jahre seien in beiden Fällen ausgenommen. "Der exponentielle Anstieg der Infektionszahlen ist gebrochen. Aus der steil ansteigenden Kurve ist ein flacher Verlauf geworden. Aber das ist nur ein Teilerfolg." Deswegen würden ab dem 1. Dezember zudem Regelungen für den Einzelhandel eingeführt, um eine Überfüllung der Läden vor allem im Weihnachtsgeschäft zu vermeiden. Außerdem einigte man sich auf eine neue Strategie für Corona-Hotspots, in denen es mehr als 200 Fälle auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen gibt. Dort sollen zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, "um kurzfristig eine deutliche Absenkung des Infektionsgeschehens zu erreichen". Merkel sagte dazu: "Und dass wir immerhin 62 Landkreise plus Berlin haben, die eine sehr hohe Inzidenzrate haben, zeigt ja auch, dass man da nochmal schärfer rangehen muss. Das freut mich, dass wir das getan haben, und ich hoffe das nutzen und setzen jetzt auch alle um." Was diese zusätzlichen Maßnahmen beinhalten, wurde nicht klar formuliert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach von Ausgangsbeschränkungen und einem Alkoholverbot im Freien. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier negierte die Annahme, dass es in Corona-Hotspots zu Shutdowns kommen werde. Einen Automatismus nach dieser Zahl gebe es nicht, sagte er. Vor Weihnachten wollen Bund und Länder eine weitere Bewertung der Lage vornehmen. Bei den Schulen einigte man sich auf den 19. Dezember als Ferienbeginn. Die Länder wehrten Forderungen des Bundes nach einer starken Ausweitung des Unterrichts zu Hause oder die Trennung von Klassen weitgehend ab. Nur in Hotspots soll ab der 8. Klasse ein hybrider oder Wechsel-Unterricht eingeführt werden. Ein generelles Böllerverbot zum Neujahrsfest soll es nicht geben. Öffentliche Feuerwerke werden aber untersagt, um Massenansammlungen in der Silvesternacht zu vermeiden. Zudem bekräftigte Merkel, dass es keinen Skiurlaube bis zum 12. Januar in Europa geben solle. Italien und Frankreich hätten die Bundesrepublik darum gebeten, die Ski-Ferien abzusagen, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Der Bund sagt zu, dass er weiter für die angeordneten Schließungen von Gastronomie und anderen Einrichtungen zahlt. Die Hilfen sollen im Dezember "auf Basis der Novemberhilfe verlängert und das Regelwerk der Überbrückungshilfe III entsprechend angepasst" werden.
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Wenn Stefan Mathias Fuchs an Weihnachten denkt, ist er skeptisch. "Wir könnten ein normales Fest feiern, wenn alle diszipliniert wären", sagt der Allgemeinmediziner, der in Karlsruhe eine Corona-Schwerpunktpraxis betreibt. Nur: So ganz glaubt er nicht daran. Als soziale Wesen wollten Menschen feiern, das sei verständlich, sagt Fuchs. "Wenn jetzt irgendwo ein Ventil geöffnet wird, wird erstmal nachgeholt, was acht Wochen unterdrückt wurde."

Am Mittwoch haben Bund und Länder festgelegt, was offiziell erlaubt sein wird: Im engsten Familien- und Freundeskreis darf vom 23. Dezember bis zum 1. Januar mit maximal zehn Menschen gefeiert werden, Kinder bis 14 Jahre nicht eingerechnet. Schleswig-Holstein hat eigene Regeln.

Experten befürchten verstärkte Corona-Verteilung im Land

Wie sich solche Lockerungen auf den Verlauf der Pandemie auswirken, haben Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und des Frankfurt Institutes for Advanced Studies in Modellrechnungen simuliert.

Im besten Fall bliebe die Kontaktrate – also wie viele Menschen jemand in einem bestimmten Zeitraum trifft – über Weihnachten konstant, weil zum Beispiel wegfallende Kontakte im Arbeitsleben oder in Schulen einen geringen Anstieg durch Familienbesuche ausgleichen. Die Forscher nehmen an, dass die Fallzahlen durch die geltenden Beschränkungen zunächst sinken. Für den Fall, dass fast alle Maßnahmen nach dem 20. Dezember aufgehoben werden, würden die Zahlen im Januar ein Niveau wie Ende Oktober erreichen – das heißt im Schnitt etwa 20.000 Neuinfektionen täglich.

Für den "Worst Case" haben die Wissenschaftler eine Zunahme dieser Kontaktrate um 50 Prozent angenommen. Dann würden die Zahlen im Januar die Marke von täglich 25.000 Neuinfektionen reißen. Die Forscher sprechen von einem "Weihnachtseffekt", einem Anstieg wie es ihn beispielsweise durch Reiserückkehrer in den Sommerferien gab. 

Doch damit nicht genug: "Die Ausweitung der Kontakte durch Besuche von Familien und Bekannten, womöglich über das ganze Land hinweg, könnten zu einer verstärkten geografischen Verteilung der Infektion führen", schreiben sie. "Damit wären auch Regionen mit niedriger Inzidenz wieder verstärkt exponiert, was dann auch insgesamt zu einem stärkeren Anstieg der Neuinfektionen führen würde."

"Das öffnet den Viren ganz neue Wege"

Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sagt: "Die Feiertage sind wirklich eine Herausforderung." Neben Reisen durch die halbe Republik träfen zu Weihnachten und Silvester unterschiedliche Gruppen – einmal Familien- und einmal Freundeskreise aufeinander. Hier entstünden Verbindungen. "Das öffnet den Viren ganz neue Wege, die sie sonst nicht hätten." Zudem mischen sich an Weihnachten vermehrt jüngere Menschen mit älteren, die anfälliger für einen schweren Krankheitsverlauf sind.

Um das Risiko einer Corona-Infektion zu den Festen zu senken, müsse die Ausbreitung der Pandemie zuvor deutlich stärker eingedämmt werden, mahnte Priesemann an. Im Moment reichten die Testkapazitäten nicht aus, weshalb nur bestimmte Gruppen getestet würden. Damit steige die Dunkelziffer: Einer Modellrechnung zufolge sind derzeit bis zu zweimal so viele Infektionen unentdeckt wie bekannt.

"Situation ist angespannt, aber noch beherrschbar"

Wie ernst die Lage jetzt schon im Gesundheitssystem ist, machen Vertreter von Ärzteschaft und Kliniken deutlich. Der Präsident der Deutsche Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagt: "Wir werden im Laufe des Dezember voraussichtlich 5000 bis 6000 Intensivpatienten haben, die Situation ist angespannt, aber noch beherrschbar." Momentan liegen knapp 4000 Corona-Patienten auf der Intensivstation. 

Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, verweist auf das Personal insbesondere in den Notaufnahmen sowie auf den Intensiv- und Infektionsstationen, das seit Wochen massiv belastet sei. "Die Notbremse hat gewirkt, das exponentielle Wachstum ist vorerst gebrochen. Das kann aber kein Ruhepolster sein." Beide begrüßen daher, dass die Beschränkungen im Teil-Lockdown fortgeführt werden. 

Hausarzt: "Irgendwann sind die Kräfte weg" 

Für Weihnachten appellieren sie an die Vernunft der Bürger. "Ich glaube auch, dass die Menschen so verantwortungsvoll handeln, dass die Feiertage nicht völlig unkontrolliert verlaufen und damit all das, was wir durch den Lockdown erreicht haben, wieder konterkarieren", sagt Krankenhaus-Vertreter Gaß. 

Wie brenzlig die Lage um die Feiertage herum werden könnte – ob mit oder ohne "Weihnachtseffekt" im Pandemieverlauf –, macht der Karlsruher Hausarzt Fuchs deutlich: Der ärztliche Bereitschaftsdienst sei in dieser Zeit eh schon "heillos überlaufen", sagt Fuchs und betont: "Ein Kollege vertritt neun andere." 

Trotzdem hat er sich fest vorgenommen, auch seine Praxis über Weihnachten zu schließen. Er wolle sich und seinen Mitarbeitern die paar Tage zur Erholung gönnen. Seit Beginn der Pandemie seien sie im Einsatz, hätten alles gegeben. "Irgendwann sind die Kräfte weg."

mad / Marco Krefting, DPA

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