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Interview

Reisen in Corona-Zeiten: Gestrandet auf Madagaskar – die fast unendliche Geschichte einer Rückholaktion

Rund 120.000 Urlauber, die wegen des Coronavirus im Ausland festsaßen, sind inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt. Bei manchen dauerte es etwas länger. Der 37-jährige Michael Luckner spricht im stern-Interview über eine Rückholaktion mit Hindernissen.

Corona-Rückholaktion

Michael Luckner, 37, wurde auf Madagaskar von der Coronavirus-Krise eingeholt

Die Bundesregierung hat gemeinsam mit Reiseveranstaltern und der Lufthansa inzwischen rund 120.000 wegen der Corona-Krise im Ausland gestrandete Deutsche zurückgeholt. "Wir haben den Rückfluss aus den Haupturlaubsgebieten weitestgehend abgeschlossen und widmen uns jetzt ganz besonders Ländern auch in weiterer Entfernung", sagte Außenminister Heiko Maas nach einer Videoschalte mit seinen EU-Amtskollegen. Es sei davon auszugehen, dass es bei der Aktion um mehr als 200.000 Deutsche im Ausland gehe.

Zu den Deutschen in weiterer Entfernung zählte auch Michael Luckner, den die Coronavirus-Krise auf Madagaskar einholte. Der 37-Jährige, Risikoingenieur und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, berichtet im stern-Interview von seinen Erfahrungen bei der Organisation eines rechtzeitigen Rückfluges.

Die Odyssee einer Corona-Rückholaktion

Herr Luckner, Sie waren mit ihrer Partnerin als Teil einer zehnköpfigen Reisegruppe auf Madagaskar gestrandet. Wie ist das passiert?

Michael Luckner: Wir waren auf achttägiger Rundreise auf Madagaskar – Start und Ende jeweils in der Hauptstadt Antananarivo. Im Anschluss war noch eine weitere Woche auf Madagaskar beziehungsweise Mauritius geplant. Doch schon bei unserer Rückkehr nach Antananarivo teilte uns die Reiseleitung mit, dass eine Weiterreise an die Badedestinationen nicht erfolgen könne, da diese bereits geschlossen seien.

Wie ist die Kommunikation mit der deutschen Botschaft abgelaufen? 

Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine offiziellen Informationen der deutschen Bundesregierung erhalten und uns deshalb eigenständig auf den Weg zur Botschaft gemacht. Die Erfahrung war ernüchternd: Die Sachbearbeiterin teilte uns eindeutig mit, dass die durch den Reiseveranstalter geplante Rückreise am 19. März über Mauritius nicht stattfinde, und dass, wenn wir das Land nicht bis zum 19. März um 23.59 Uhr verlassen würden, für 30 Tage kein Flieger mehr in Madagaskar starten und landen werde.

Wie beruhigend.

Sie hat uns noch darauf hingewiesen, dass das Gesundheitssystem in Madagaskar das Zweitschlechteste der Welt wäre und hier keinerlei Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen – und dass uns das hoffentlich schon bei der Buchung bewusst gewesen sei.

Lufthansa reagiert auf Ausbreitung von Coronavirus

Wie ging es weiter?

Als sie unsere Reaktion bemerkte, wurde sie tätig und hat sich darum gekümmert, uns die beiden – ihres Erachtens – letzten sicheren Flüge aus dem Land zu organisieren: einen mit Ethiopian Airways und einen anderen mit Turkish Airlines über Istanbul. Daraufhin sollten wir uns in ein Taxi setzen, um die Tickets in einem lokalen Reisebüro abzuholen und zu bezahlen – Kosten fast 6000 Euro.

Sie haben fast 6000 Euro für zwei Flugtickets bezahlt?

Nein. Als wir im Reisebüro ankamen, war die Buchung über Ethiopian Airways gecancelt. Wir haben uns schließlich entschieden, lieber als Paar und mit der Reisegruppe zusammenzubleiben, bevor einer von uns irgendwo auf der Welt alleine strandet. Wir haben lieber weiterhin auf die Buchung durch den Reiseveranstalter vertraut.

Sie harrten also weiter im Hotel aus. Wie war die Stimmung unter den Betroffenen?

Zunächst gut. Der lokale Reiseveranstalter kümmerte sich recht gut, war aber auf Hörensagen angewiesen. Eine offizielle schriftliche Information vom deutschen Reiseveranstalter war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfolgt, und zumindest im Internet standen die Flüge auch noch als "scheduled" (vorgesehen, Anm. d. Red.). 

Wer hielt Sie über die aktuelle Entwicklungen nun auf dem Laufenden?

Nur der lokale Reiseveranstalter.

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt noch an einen rechtzeitigen Rückflug geglaubt?

Ich rechnete damit, noch mindestens eine weitere Nacht im Hotel zu verbringen – denn es folgte die Bestätigung, dass der Flieger, der uns nach Mauritius bringen sollte, zwar in Madagaskar landen, aber leer zurückfliegen würde. Wir mussten also weiter warten.

Und in der Reisegruppe kam immer noch keine schlechte Laune auf?

Am späten Nachmittag kam der Reiseleiter noch einmal ins Hotel und teilte uns mit, dass es nach derzeitigem Stand keine Möglichkeit zur Ausreise für uns gebe. Deshalb würde er am folgenden Tag mit uns zur Botschaft fahren, damit wir uns dort registrieren könnten. Außerdem hieß es, dass bereits seit der vergangenen Nacht keine weiteren Flieger aus Madagaskar starteten. In dem Moment schlug die Stimmung in der Gruppe um – teilweise in Wut, da diese Aussage für uns nicht nachzuvollziehen war. Schließlich konnten wir im Internet nachlesen, dass offenbar noch Flüge zur Verfügung standen. Wir forderten daraufhin ein Telefonat mit dem Geschäftsführer ein. 

Aus Verzweiflung?

Wir hatten das Gefühl, dass die Betreuung durch die Reiseagentur sukzessive heruntergefahren wurde. Dieser Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass die von der Reiseagentur übernommenen Leistungen wie Mahlzeiten und weitere Übernachtungen nicht mehr fortgeführt wurden. Es flossen Tränen, weil man sich einfach nur noch hilflos fühlte. Sämtliche Versuche, die deutschen Ansprechpartner des Reiseveranstalters zu kontaktieren, blieben erfolglos. Die Telefonleitungen hatten "eine technische Störung" und auf E-Mails kamen nur standardisierte Antworten.

Haben Sie irgendwann trotzdem jemanden erreicht?

Wir erhielten schließlich ein elektronisches Schreiben der deutschen Botschaft, welches die uns bereits bekannten Informationen bestätigte und erwähnte, dass es am 23. März eine letzte Ausreisemöglichkeit mit Air France gäbe. Versuche von Mitreisenden, sich danach bei Elefand (Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes, Anm. d. Red.) zu registrieren, schlugen fehl, da die Seite nicht erreichbar war. Ich hatte dies glücklicherweise ja bereits getan. 

Am nächsten Tag wurden Sie mit anderen deutschen Gästen Ihres Hotels zur Botschaft gebracht. Was wurde Ihnen dort mitgeteilt?

Uns wurde erklärt, dass eine Air-France-Maschine nach Madagaskar käme. Die deutsche Botschaft wollte daher eine entsprechende Meldung über deutsche Gestrandete an die französische Botschaft weitergeben. Letztlich läge die Entscheidung dann aber bei Air France, wer mitfliegen dürfe.

Wie liefen die Formalitäten ab?

Wir sollten Gründe angeben, die für eine unmittelbare Rückreise sprächen – zum Beispiel schwere Krankheiten, Verantwortlichkeiten, aber auch der eigene "Wert" in der Corona-Krise, ob man also beispielsweise zum medizinischen Personal zählt. In dem Moment entwickelte sich eine kämpferische Stimmung, nicht innerhalb der Gruppe, sondern allgemein: Jeder wollte für sich das Beste rausholen – aber nicht im Vergleich zu den Mitreisenden, sondern einfach nur, um einen der Plätze im Flieger zu erhalten. 

Und wie sind Sie daraufhin mit der Botschaft verblieben?

Die Sachbearbeiterin klärte uns darüber auf, dass die Chancen auf einen Platz im Flieger äußerst gering wären – stattdessen sollten wir uns doch lieber in der nächsten Apotheke nach Generika für Medikamente erkunden, die man unbedingt benötigen würde und die man natürlich nicht für 30 Tage dabei hatte. 

Dann ging es zurück ins Hotel?

Auf der Rückfahrt hat jeder von uns im Supermarkt den Einkauf für die nächsten Tage erledigt. Außerdem wurde bereits mit dem Hotel geklärt, welche Kosten uns für die nächsten 30 Tage erwarten würden. Hier möchte ich mich einmal bei dem sehr netten und hilfsbereiten Hotelmanager bedanken.

Hatten Sie sich zu dem Zeitpunkt mit Ihrer Lage abgefunden?

Zurück im Hotel entwickelte sich die Lage dann plötzlich sehr dynamisch. Auf einmal sollte es noch einen Flug am kommenden Tag um 1.45 Uhr geben. Ich schaute sofort unter unserer alten Buchungsnummer nach und stellte fest, dass wir hierfür bereits eine Buchung hatten und einchecken konnten. Der Reiseleiter bestätigte, dass die Reiseagenturen dabei seien, uns auf diesen Flug umzubuchen. Parallel dazu erhielt ich noch eine E-Mail der Botschaft, in der dieser Flug ebenfalls erwähnt wurde.

Eine überraschende Wende zum Guten.

Als die Fragen der Kostenübernahme geklärt waren, machten wir uns hoch motiviert ans Packen. Es gab noch ein gemeinsames Abendessen, bevor wir um 20.30 Uhr zum Flughafen fuhren. Die Einkäufe haben wir den Hotelmitarbeitern überlassen.

Die Erleichterung muss groß gewesen sein.

In die Freude mischte sich in dem Moment auch die Gewissheit, dass mit unserer Abreise das Hotel für die nächsten 30 Tage leer stehen und die Lebensgrundlage der Mitarbeiter wegfallen würde. Dieses Gefühl hatten wir auch schon unmittelbar nach der Rundreise: dass die Krise Deutschland zwar schwer trifft – aber wie schwer trifft sie erst ein so armes Land wie Madagaskar? Unsere Reiseführer bestätigten, dass ihnen für die nächsten 30 Tage keine Buchung vorliegen würde.

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Auch wenn das Coronavirus der Auslöser für die Situation war, dürften Sie die ganze Zeit kaum Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken.

Auf der Fahrt zum Flughafen erfuhren wir, dass am gleichen Tag drei Corona-Fälle in Madagaskar bestätigt wurden. Uns überkam deshalb ein mulmiges Gefühl, was uns wohl am Flughafen erwartete. Würden dort viele Menschen versuchen, noch einen letzten Platz im Flieger zu bekommen? Würden wir noch einmal auf Fieber getestet und könnte eine stressbedingt erhöhte Temperatur dafür sorgen, dass es für einen selbst, für den Partner oder gleich für die ganze Gruppe doch nicht nach Hause geht?

Und am Ende kam alles ganz anders?

Das Gegenteil trat ein: Das Einchecken verlief sehr koordiniert und problemlos und wir wunderten uns schon – das konnten doch nicht alles sein?! Aber tatsächlich war der Flieger nicht komplett voll. Wir können es uns nur so erklären, dass nicht jeder potenzielle Mitflieger von dem Flug erfahren hatte.

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