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Rund um die Reeperbahn Fast 70 Prozent unbrauchbar: Stichprobe zu Corona-Kontaktlisten zeichnet verheerendes Bild

Die Große Freiheit in Hamburg während der Coronavirus-Pandemie
Die Große Freiheit im Stadtteil St. Pauli ist einer der Hotspots des Hamburger Nachtlebens – auch während der Coronavirus-Pandemie
© Daniel Bockwoldt / DPA
Eine Stichprobe des Bezirksamtes Hamburg-Mitte zeigt besorgniserregende Zustände bei den Coronavirus-Kontaktlisten in der Gastronomie. Die Nachverfolgung von Infektionsketten wird so teils unmöglich.

Der Fall sorgte in Hamburg für eine Überraschung der negativen Art: Nach dem Coronavirus-Ausbruch in der Bar "Katze" im Schanzenviertel im Bezirk Altona stießen die Behörden auf Probleme, alle Gäste über die möglichen Gesundheitsgefahren zu informieren.

Der Grund: Rund 100 der "Katze"-Besucherinnen und -Besucher der drei betroffenen Abende haben auf den Kontaktlisten zur Nachverfolgung falsche Daten angegeben, darunter Fantasienamen wie Lucky Luke, Benjamin Blümchen oder Darth Vader – Kontaktnachverfolgung unmöglich (der stern berichtete).

Wie valide sind die Daten auf den Coronavirus-Kontaktlisten?

Das Verschleiern der Identität ist offenbar kein Einzelfall. Weil er es das Ausmaß genau wissen wollte, hat der Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte, Falko Droßmann (SPD), am vergangenen Wochenende zu einer ungewöhnlichen und bundesweit womöglich einmaligen Maßnahme gegriffen: In etlichen Bars, Diskos und Kneipen im Vergnügungsviertel St. Pauli rund um die Reeperbahn und die Große Freiheit sammelte er persönlich gemeinsam mit Ärzten und der Polizei die Kontaktlisten ein und ließ sie von seiner Behörde händisch auf Plausibilität überprüfen. Droßmanns Ziel: Erstmals Klarheit darüber schaffen, wie valide die angegebenen Daten sind.

Falko Droßmann (SPD), Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Mitte
Falko Droßmann (SPD), Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Mitte
© Markus Scholz / DPA / Picture Alliance

Noch sind nicht alle Daten ausgewertet, doch schon das Zwischenfazit fällt mehr als ernüchternd aus: Zwei von drei Einträgen sind vollkommen unbrauchbar. Die Boulevardzeitung "Hamburger Morgenpost" spricht von einem "Corona-Chaos".

Bis zum Dienstagabend haben die Bezirksamtsmitarbeiterinnen und -Mitarbeiter knapp 1500 von rund 2500 Datensätzen überprüft, berichtete Droßmann am Dienstagabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". Dabei zeigte sich: Nur 478 der Menschen, also 32 Prozent, hätten im Ernstfall erreicht werden können. Zwei Drittel der von den Gästen angegebenen Daten waren unvollständig, unleserlich oder schlicht falsch.

Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Mitte zeigt sich alarmiert

Die Aktion des Bezirksamtsleiters ist nur eine nicht repräsentative Stichprobe. Doch es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass die Zahlen andernorts ähnlich sind. Droßmann spricht im "Hamburger Abendblatt" von einem "Alarmsignal". "Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Gäste im Fall einer möglichen Infektion sehr schnell erreichen können."

Über Ursachen für die Verantwortungslosigkeit der Gäste kann bisher nur spekuliert werden. Nehmen sie die Gesundheitsgefahren nicht ernst? Gibt es Datenschutzbedenken, weil die Kontaktlisten mitunter rechtswidrig offen ausliegen? Sorgt es für Unsicherheit, dass die Polizei in einigen Bundesländern Einsicht in die Listen genommen hat, um Straftaten aufzuklären? 

Erhebungen zu den Gründen gibt es nicht – und fertige Lösungen, um des Problems Herr zu werden, auch noch nicht. Für Falko Droßmann zeigt die Untersuchung jedenfalls, "dass wir innovative Konzepte für unser öffentliches Leben brauchen". Wie die aussehen könnten, ist offen. Denkbar wäre es, die Gastronominnen und Gastrononen stärker bei der Kontrolle der Daten in die Pflicht zu nehmen oder auf digitale Lösungen zu setzen.

Das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Kontaktnachverfolgung ist bei den Nachtschwärmerinnen und -schwärmer jedoch offenbar da: Nach dem öffentlichen Aufruf der Hamburger Gesundheitsbehörde an die Gäste der "Katze", sich zu melden, standen die Telefone der Gesundheitsämter in der Hansestadt laut Droßmann nicht mehr still. Es meldeten sich die Lucky Lukes, Benjamin Blümchens und Darth Vaders in Sorge über eine mögliche Coronavirus-Infektion.

Quellen: Gesundheitsbehörde Hamburg"Hamburger Morgenpost", "Hamburger Abendblatt", "Markus Lanz", Hamburgische SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung


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