Impfstoff erstmals an Menschen getestet Wie ich am Ebola-Experiment teilnehme


Nick Owen arbeitet bei "Ärzte ohne Grenzen". Im Kampf gegen Ebola testet er in einer Studie eine noch nicht zugelassene Impfung. Wie fühlt es sich an, wenn Teile des tödlichen Virus im Blut kreisen?

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn ich mir vorstelle, dass Bruchstücke eines der weltweit tödlichsten Viren durch meine Venen zirkulieren. Ein Virus, das so tödlich ist, dass bis zu 90 Prozent derjenigen, die es sich einfangen, sterben. Momentan wütet dieses Virus in Westafrika - in Liberia, Sierra Leone und Guinea - und reißt in seinem Gefolge Tausende Familien auseinander. Und es ist in meinem Blut. Auch wenn Bruchstücke des Virus in meinem Körper sind, laufe ich zum Glück nicht Gefahr, mir dieses einzufangen. Ich habe eine Ebola-Impfung bekommen, die erste dieser Art.

Ich komme gerade vom Jenner Institut an der Universität Oxford zurück, wo die erste klinische Studie zu einer Ebola-Impfung stattfindet. Sechzig Freiwillige nehmen daran teil. Das Ziel: Die Sicherheit der Impfung testen, bevor diese großflächig eingesetzt wird.

Meine Freunde und meine Familie haben mich wegen der Teilnahme als verrückt bezeichnet, aber ich sehe das Problem nicht. Während ich das hier schreibe, sind zehn meiner lokalen Kollegen von "Ärzte ohne Grenzen" gestorben, zusammen mit Hunderten anderer Pflegekräfte in Westafrika. Aus meiner Sicht ist es ein relativ kleines Opfer einen schmerzenden Arm zu haben und sich ein wenig "vergrippt" zu fühlen - wenn das bedeutet, dass in der Zukunft Leben gerettet werden und meine Kollegen vor Ort ihre Arbeit tun können, ohne sich selbst in große Gefahr zu begeben.

Dieser Blog ist eigentlich dafür da, dass Mitarbeiter von "Ärzten ohne Grenzen" über ihre tägliche Arbeit berichten, über ihre Patienten und die Krankenhäuser, in denen sie vor Ort sind. Kollegen wie Martin und Patricia, die bereits in Westafrika unterwegs waren oder es momentan sind. Dennoch hat es mir die liebenswerte Clare Storry, die diese einzigartige Seite verantwortet, erlaubt, hier einen Versuch zu starten und davon zu erzählen, wie Ebola abseits der Krisengebiete bekämpft wird.

Die Ebola-Impfung

Die Impfung, die ich bekommen habe, trägt den Namen ChAd3. Sie baut auf einem einzigen gutartigen Protein des Ebola-Virus auf, um eine Immunantwort hervorzurufen. Dieses wird durch einen sogenannten Vektor in meinen Körper gebracht, in diesem Fall ein Affen-Adenovirus - oder eine herkömmliche Erkältung. Ich habe bewusst ein Virus erhalten, da dieses in die Zellen vordringt und so eine bestimmte Art der Immunität hervorruft. Es ist speziell ein Affenvirus, da wir Menschen gegen die herkömmlichen Erkältungserreger oftmals immun sind - was bedeuten würde, dass die Impfung keine Chance hätte zu wirken. Im Grunde wird (durch die Impfung, Anm. der Red.) mein Immunsystem ausgetrickst, indem ihm eine Infektion vorgegaukelt wird.

Die Impfung selbst hat eine unerwartete Geschichte. Sie ist das Produkt eines Jahrzehnts gemeinschaftlicher Forschungsanstrengungen des US-National-Instituts für Allergien und infektiöse Krankheiten und einer italienischen Biotechnologiefirma mit dem Namen Okairos, die gerade von Glaxo-Smith-Kline aufgekauft wurde. Nach dem Anthrax-Anschlag in Florida 2001 war die US-Regierung hinsichtlich bioterroristischer Anschläge alarmiert, wobei Ebola als eine potenzielle Gefährdung wahrgenommen wurde. Die Forschungsbemühungen wurden schnell hochgefahren, um eine Impfung gegen die Krankheit zu finden.

Bevor ich die Impfung bekam, gab es noch ein paar Fragen, die ich beantwortet bekommen wollte. Ich traf daher Professor Adrian Hill, den Direktor des Jenner Instituts, der die Studie leitet.

"Die große Frage ist: Wird die Immunantwort, die wir durch die Vakzine hervorrufen, stark genug sein? Diese Frage stellt sich bei neuen Impfungen immer wieder", sagt Professor Hill. Für die Studie wurden die Freiwilligen in drei Gruppen unterteilt, wobei jede dieser drei Gruppen entweder eine geringe, eine mittlere oder eine hohe Dosis der Impfung erhielt. Ich bin in der Gruppe, die die hohe Dosis verabreicht bekam. Ich war verwundert darüber, wie schnell die Impfung möglicherweise eingesetzt werden könnte. Berichten zufolge ist es möglich, dass sie noch Ende Dezember Anwendung findet, wobei ich sechs Monate an der Studie teilnehme - bis März.

"Das Team der klinischen Studie wird Ende Oktober, Anfang November erste Resultate hinsichtlich der Immunologie vorliegen haben, diese Richtwerte lassen es zu, dass man entscheidet, ob die Impfung in Liberia, Sierra Leone und Guinea eingesetzt werden kann", erklärt Professor Hill. "Wir überwachen die Menschen länger, da wir soweit wie möglich die Sicherheit belegen wollen. Bei jeder Impfung ist es am wichtigsten, zuerst zu schauen, dass sie sicher ist. Wenn sie nicht sicher ist, kann man es vergessen."

Wichtig ist auch die Frage der Herstellung. Bevor die Sicherheitstests überhaupt beginnen können, kann es Monate dauern, bis eine Vakzine hergestellt ist. "Der große Vorteil war in diesem Fall, dass einige Dosen bereits produziert waren (durch die Forschung, die 2001 begann). Es gab also genug Impfstoff, um einige Tests durchzuführen, aber nicht genug, um sie dem Pflegepersonal zu geben, unserer Zielgruppe. Momentan sind 15.000 bis 20.000 Dosen in der Mache. Die Hersteller lassen die Produktion auf Hochtouren laufen."

Eine Impfung gegen alle Ebola-Stämme?

Wissenschaftlich unerfahren wie ich nun mal bin, war ich mir nicht sicher, ob die Impfung gegen alle Ebola-Stämme helfen würde. Es gibt fünf davon: Bundibugyo, Elfenbeinküste (heute Taï-Forest, Anm. der Red.), Reston, Sudan und Zaire, benannt nach der Region ihres Auftretens. Wie sich herausstellte, ist eine Serie an Zufällen dafür verantwortlich, dass wir im Dezember dieses Jahres eine anwendbare Impfung gegen Ebola haben könnten.

"Die Impfung wirkt gegen den Zaire-Stamm. Es ist Zufall, dass der Zaire-Stamm dem jetzt kursierenden Stamm sehr ähnlich ist. Dieser wird als "Guinea"-Variante bezeichnet. Wird das Genom sequenziert, besteht eine 97-prozentige Ähnlichkeit. Noch wichtiger: Das Virus scheint kreuzreaktiv zu sein (d.h. ein Antikörper bindet an zwei unterschiedliche Antigene, vereinfacht gesagt: die Oberfläche der Antigene ist ähnlich, An. d. Red.), daher ist es fast sicher, dass die Impfung, die gegen den Zaire-Stamm entwickelt wurde, auch gegen das Guinea-Virus hilft. Nahezu sicher ist allerdings, dass die nicht gegen den Sudan-Ebola-Stamm wirkt, da dieser nur 60 Prozent identisch ist.

"Als die Forscher in Amerika und ihre Mitarbeiter in Italien die Ebola-Impfung vor einigen Jahren entwarfen, zielten sie darauf ab, eine Vakzine zu entwickeln, die gegen jeden Ebola-Stamm eingesetzt werden kann. Sie brachten daher die Anzahl an Stämmen in die Impfung ein, von der sie dachten, dass sie sinnvoll sei. Sie nahmen zwei - den Sudan- und den Zaire-Stamm."

Hitzestabil?

Aus Sicht von "Ärzte ohne Grenzen" ist eine der wichtigsten Eigenschaften einer Impfung, dass diese hitzestabil ist. Das bedeutet, dass bei der Vakzine von der Herstellung bis zur Lieferung keine durchgängige Kühlkette eingehalten werden muss. Leider ist das bei der Ebola-Impfung nicht der Fall. Diese muss eingefroren werden, bis sie gespritzt wird.

"Offen gesagt, wir haben keine Zeit", sagt Professor Hill. Um die Impfung thermostabil zu machen, müssten die Herstellungsabläufe geändert werden, was Monate, wenn nicht gar Jahre in an Verzögerung bedeuten würde, bis die Impfung in großem Maßstab hergestellt und geliefert werden könnte. Es ist möglich, die Impfung wärmebeständig zu machen, aber nicht jetzt."

Doch wie funktioniert die Herstellung? "Zuerst entwickelt man eine kleine Menge im Literbereich", erklärt Hill. "Dann werden Hunderte von Litern produziert bis hin zu Tausenden. Bis man dahin kommt und dafür sorgt, dass die Qualität weiterhin stimmt, braucht es Zeit."

Obgleich meine Freunde bei "Ärzte ohne Grenzen" sicher enttäuscht sein werden, dies zu hören, so macht es doch Sinn. "Wir haben keine Zeit, den Prozess zu verändern", sagt Hill. "Wir müssen den Prozess beibehalten, den wir haben, und ihn ausbauen und effizienter machen. Es ist nicht sehr kosteneffektiv, aber es ist nun mal alles, was wir von dem Startpunkt aus machen können, an dem wir uns befinden."

Die gute Nachricht ist allerdings, dass die Impfung niemanden, der sie bekommt, etwas kosten wird. Momentan wird die Herstellung durch ein Stipendium dreier Organisationen aus dem Vereinigten Königreich finanziert: dem Medical Research Council, dem Wellcome Trust und dem Ministerium für Internationale Entwicklung. Die Resultate aus der Erforschung der Krankheit und die Ergebnisse der Studie werden ebenfalls alle öffentlich zugänglich sein.

Andere Krankheitserreger

Die letzte Frage, die ich Professor Hill stellte, war folgende: Wie fühlt es sich für ihn an, an einer solch grundlegenden Studie teilzunehmen?

"Ich bin aufgeregt", betont er. "Wir entwickeln eine Impfung, die Ende des Jahres eingesetzt werden könnte. Das ist motivierend für das ganze Team."

"Wir hoffen, dass dadurch die Ebola-Impfstoffforschung finanziell unterstützt wird, und die Aufmerksamkeit für andere Krankheitserreger mit Epidemiepotenzial steigt. Denken Sie daran, da draußen gibt es nicht nur Ebola. Es gibt die Marburg-Erreger, das Lassa-Fieber, das Rifttalfieber, MERS. Da sind viele Erreger unterwegs, gegen die wir keine Impfung haben. Wenn sich das ändern würde, wäre es fantastisch.

Was muss dafür passieren?

"Wir brauchen Vorräte dieser Impfungen. Hätten wir vor sechs Monaten eine Impfung nicht nur greifbar, sondern auch getestet gehabt, wäre ein Vorrat an sicheren Impfungen vorhanden gewesen. Diese wären dann in relevanten Regionen - etwa in Zentral- oder Westafrika - mit Ausbruch der Krankheit einsatzbereit gewesen. Dann hätten wir die Ausbreitung stoppen können."

"Garantieren können wirdas natürlich nicht, aber einen Versuch wäre es wert gewesen. Ich denke, soweit sollten wir beim nächsten Mal sein. Selbst wenn diese Impfung nicht schnell genug eingesetzt werden kann, um den momentanen Ausbruch zu stoppen, sollten wir beim nächsten Mal besser vorbereitet sein."

Ich hoffe, dass meine Teilnahme an dem Ebola-Experiment genau das bewirkt.

Den Original-Blogeintrag von Nick Owen finden Sie hier.

Übersetzung: Lea Wolz

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