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Experiment mit Ebola-Medikament: Kann das Serum die Epidemie stoppen?

Erstmals wurde ein nicht zugelassenes Ebola-Mittel Menschen gegeben: Zwei Amerikanern könnte es das Leben gerettet haben. Hilft es, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen? Experten sind skeptisch.

Von Mirja Hammer und Lea Wolz

Ebola ist eine lebensgefährliche Krankheit, die schnell zu körperlichem Verfall führen kann. Gegen das in mehr als der Hälfte der Fälle tödliche Virus gibt es kein zugelassenes Medikament und keine Impfung. Wie gefährlich Ebola ist, mussten auch der US-Arzt Kent Brantly und die Missionarin Nancy Writebol erfahren, die beide für eine Hilfsorganisation in Liberia arbeiteten und sich dort mit dem Virus infizierten.

Brantly konnte kaum noch atmen, er litt unter einem großflächigen Hautausschlag. Noch in der vergangenen Woche rief er seine Frau an, da er dachte, dass er sterben würde. Dann erhielt er ein Serum, das bis jetzt nur im Tierversuch getestet worden war. Sein Zustand soll sich daraufhin schlagartig verbessert haben. Auch Writebol wurde die experimentelle Substanz verabreicht, auch ihr ging es daraufhin allmählich besser.

Nun kursieren Berichte über eine angebliche Wunderheilung: "Ebola kann geheilt werden", jubeln Twitternutzer. Andere fragen sich, warum ausgerechnet zwei Amerikaner das "Secret Serum" erhielten – während Hunderte Menschen in Afrika an dem Virus sterben. Sie wittern eine Verschwörung. Doch um welches Serum handelt es sich eigentlich? Wie wirkt das Medikament? Und könnte es dabei helfen, die Epidemie in Westafrika zu stoppen? stern beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Um welches Medikament handelt es sich?

Bei dem Medikament, das die beiden Amerikaner erhielten, soll es sich um ZMapp handeln, berichtet der Sender "CNN". Die Substanz wird von der Firma Mapp Biopharmaceutical hergestellt, die ihren Sitz im kalifornischen San Diego hat. Vergangene Woche wurde das Serum dem Sender zufolge in das Krankenhaus nach Liberia geflogen, um die Amerikaner dort zu behandeln.

Wie funktioniert das experimentelle Serum?

Bei dem Serum handelt es sich um einen Cocktail aus drei Antikörpern, die aus mit Ebola infizierten Mäusen gewonnen wurden. "Diese Antikörper wurden so verändert, dass das menschliche Immunsystem gut mit ihnen klarkommt", sagt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg. "Darüber hinaus ist gelungen, diese mit Hilfe der Tabakpflanze Nicotiana benthamiana herzustellen." Ähnlich wie bei der körpereigenen Abwehr sollen die Antikörper die Zellen blockieren und ein bestimmtes Virus - in diesem Fall das Ebola-Zaire-Virus - davon abhalten, diese zu infizieren und sich zu vermehren.

Wie wurde das Medikament bis jetzt getestet?

ZMapp ist noch nicht zugelassen, an Menschen wurde es bis jetzt noch nicht getestet. Üblicherweise durchläuft ein neues Medikament verschiedene Teststufen, um sicherzustellen, dass es wirkt und dass keine Gefahr von ihm ausgeht. Der Antikörper-Cocktail wurde bis jetzt lediglich an Tieren getestet - unter anderem an Affen.

"Diese sind ein sehr gutes Tiermodell für Ebola", sagt Becker. Die Erkrankung verläuft bei ihnen ähnlich wie beim Menschen. "Der Antiköper-Cocktail hat sich bei den Primaten als wirksam erwiesen." Einer Studie zufolge, die 2012 in den "Proceedings of the National Academy of Science" erschien, überlebten vier von sechs mit Ebola infizierten Makaken die Krankheit, nachdem sie 24 oder 48 Stunden nach der Infektion das Serum erhielten. In einer Folgestudie verabreichten die Forscher um Larry Zeitlin, der auch Vorsitzender von Mapp Biopharmaceutical ist, das Medikament erst, nachdem das tödliche Ebola-Fieber bei den sieben mit dem Virus infizierten Tieren ausgebrochen war. Drei Affen überlebten - und damit mehr, als es unbehandelt wohl der Fall gewesen wäre.

"Die Studien zeigen, dass entscheidend ist, wann die Behandlung einsetzt", sagt Becker. "Je früher, desto besser." Bis zu zwei Tage nach Infektion könne man noch Erfolge erzielen. "Doch ob dies bei den Menschen genauso ist, ist unklar."

Reicht die Studienlage aus, um das Serum Menschen zu geben?

"Bei einem Ausbruch gerät man schnell in ein ethisches Dilemma", sagt Virologe Becker. "Der gesunde Menschenverstand sagt, man sollte doch nun alles in Afrika anwenden, was sich im Tierversuch als erfolgreich erwiesen hat, um den Menschen zu helfen." Doch das ist riskant, die Erkrankten, die es einnehmen, müssen sich über die Gefahren im Klaren sein.

Kent Brantly und Nancy Writebol könnten das Serum unter den Regeln des "Compassionate-Use-Programms" der US-Arzneimittelbehörde FDA erhalten haben. Diese erlauben, auch nicht zugelassene Medikamente außerhalb von klinischen Studien in speziellen Fällen einzusetzen. Die Patienten müssen allerdings darüber aufgeklärt sein, dass die Mittel noch nicht vollständig auf Sicherheit und Wirksamkeit geprüft wurden und sie müssen dem Einsatz zustimmen.

"Würden solche Medikamente großflächig in Afrika eingesetzt, könnte schnell der Vorwurf aufkommen, dass diese an der lokalen Bevölkerung ausprobiert werden", sagt Becker. Der Virologe ist daher überzeugt: "Solche Medikamente müssen rechtzeitig, in kontrollierten und von Ethik-Kommissionen genehmigten Studien getestet werden." Das Problem: Ebola verspricht für die Pharmafirmen keine großen Gewinne, lediglich kleinere Firmen engagieren sich in diesem Bereich. Doch diese können sich wiederum die teuren Studien nicht leisten. "Die bisherige Förderung der Regierungen reicht dafür nicht aus", sagt Becker.

Ist es das einzige Ebola-Medikament?

"Es gibt einige Medikamente, die auf dem Weg sind", sagt Virologe Becker. "Aber keines ist an Menschen getestet und zugelassen." Der kanadische Pharmaherstellers Tekmira etwa forscht an einem Medikament mit dem Namen TKM. Dieses zielt speziell auf das Zaire-Ebola-Virus ab - die gefährlichste Variante des Erregers. Anfang dieses Jahres wurde das Mittel an gesunden Menschen getestet. Wegen schwerer Sicherheitsbedenken hat FDA die Testreihe jedoch erst einmal gestoppt. Tekmira will darauf reagieren. Möglich gemacht hat die Entwicklung des Ebola-Medikaments ein 140 Millionen Dollar-Vertrag mit dem US- Verteidigungsministerium.

Bekommen nun auch andere Ebola-Patienten ZMapp?

Das dürfte aus mehreren Gründen nicht der Fall sein. Zum einen ist unklar, wie viele Dosen des Serums Mapp Biopharmaceutical überhaupt auf Lager hat. Es handele sich nur um wenige, sagte Anthony Fauci vom US-Forschungsinstitut für Allergien und ansteckende Krankheiten (NIAID) dem Sender CNN. Es dürfte schwierig sein, nun die Produktion so schnell hochzufahren. "In der Realität funktioniert das leider nicht wie in dem Hollywood-Film "Outbreak", wo aus einem kleinen Äffchen in kurzer Zeit hunderte Liter von Antiserum gewonnen werden können", sagt Becker.

Zudem: Eine großangelegte Bereitstellung eines unerprobten Medikaments würde enorme Risiken bergen. Noch ist unklar, ob das Serum tatsächlich wirkt, oder ob es mehr Schaden anrichtet als hilft. "Es macht Hoffnung, dass es den beiden Amerikanern offenbar besser geht", sagt Becker. "Doch es sind Einzelfälle." Ob wirklich die Antikörper für die Besserung gesorgt haben, könne noch nicht gesagt werden. Zudem lasse sich aus einem Erfolg nicht ableiten, dass das Serum anderen Menschen genauso helfe, und dass es sicher sei.

Auch Roman Wölfel vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München rät zur Vorsicht. Er schließt Nebenwirkungen nicht aus. "ZMapp ist bisher rein experimentell", sagte er der DPA. Das Immunsystem könne stark auf die Antikörper reagieren. "Da es bislang noch keine Daten oder Tests an Menschen gibt, sind die Aussagen über Nebenwirkungen von ZMapp schwierig. Theoretisch reicht die Bandbreite von leichtem Fieber bis hin zu Schockzuständen."

Wird ZMapp dabei helfen, den Ebola-Ausbruch zu beenden?

Virologe Becker glaubt dies nicht. "Dafür ist das Serum noch zu sehr im experimentellen Stadium." Für diesen Ausbruch gelte daher: "Man muss die Menschen vor Ort überzeugen und dafür sorgen, dass Infizierte isoliert werden. Bekommt man das nicht hin, wird der Ausbruch andauern."

Gibt es eine Impfung gegen Ebola?

"Es gibt sieben oder acht verschiedene Impfstoffe, die an Affen getestet wurden, und Erfolge gezeigt haben - teilweise auch nach der Infektion", sagt Virologe Becker. "Aber auch hier gilt: Noch fehlen uns Daten aus Tests an Menschen. Dass es im Ernstfall wenig hilfreich ist, experimentelle Arzneien im Regal auf Lager zu haben, haben wir durch den Ausbruch nun erst richtig verstanden."

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