Gentechnik Deutscher Forscher importiert Stammzellen


Der Stammzellen-Forscher Jürgen Hescheler wird eigenen Angaben zufolge embryonale Stammzellen nach Deutschland importieren. Die Zellen stammen aus Israel.

Der Kölner Stammzellen-Forscher Jürgen Hescheler wird eigenen Angaben zufolge auch im Januar embryonale Stammzellen nach Deutschland importieren. Hescheler sagte in Bonn, er habe in der vergangenen Woche vom Robert-Koch-Institut (RKI) telefonisch Bescheid erhalten, dass sein Antrag zur Einfuhr von Stammzellen gemeinsam mit dem des Bonner Wissenschaftlers Oliver Brüstle genehmigt worden sei. Ein Sprecher des RKI erklärte, der erste Bescheid zum Import der Zellen sei am Freitag an Brüstle ergangen. Dem Herzspezialisten Hescheler war ein Förderantrag für den Stammzellen-Import aus Israel von der deutsch-israelischen Forschungsförderungsgemeinschaft GIF (German Israelian Foundation) genehmigt worden. Zuvor hatte Brüstle im Januar grünes Licht von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bekommen.

Import aus Israel

Die Stammzellen, die Brüstle gezielt in Zellen des Nervensystems umwandeln will, stammen aus den Labors des Rambam Medical Center in Haifa. Das akademische Krankenhaus des dortigen Institute of Technology gehört zu den weltweit führenden Zentren der Stammzellforschung. Der Leiter der Labors, Prof. Joseph Itskovitz-Eldor, ist einer der Pioniere der Stammzellforschung. Ihm gelang es, aus embryonalen Stammzellen Insulin produzierende Zellen zu züchten, die denen in der menschlichen Bauchspeicheldrüse gleichen. Seinem Team soll inzwischen auch die Züchtung von Herzmuskeln aus Stammzellen gelungen sein. Im Mai vergangenen Jahres hatte der damalige nordrhein- westfälische Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) Brüstle und seinem Bonner Kollegen Otmar Wiestler bei einem Besuch in Israel seine Unterstützung für den Import der Stammzellen zugesagt und damit eine kontroverse Debatte ausgelöst.

Heilchancen für Nervenkrankheiten

Brüstle, einer der Pioniere der Stammzellenforschung in Deutschland, will voraussichtlich im Januar mit Arbeiten beginnen, die nach den Hoffnungen der Fachwelt zu Heilungsmöglichkeiten für Parkinson und andere Nervenkrankheiten führen können. Die Zellen, die aus dem israelischen Labor in Haifa stammen, sollen in den kommenden Tagen nach Deutschland transportiert werden. „In der Universität Bonn werden sich sehr ernstzunehmende wissenschaftliche Erkenntnisse ansammeln“, sagte Itskovitz in Haifa. In seinem Labor werden bereits seit Jahren die Stammzellen gezüchtet, auf die außer Brüstle und seinen Mitarbeitern noch drei weitere Forscherteams in Deutschland ein Auge geworfen haben. Über deren Anträge wird vom Robert-Koch-Institut (RKI) offenbar nicht mehr in diesem Jahr entschieden.

Embryonen für die Forschung

Die Stammzellen im Inkubator im 13. Stock des Rambam-Krankenhauses in Haifa, das zur Technischen Universität der nordisraelischen Stadt gehört, stammen von überzähligen Embryonen. Sie entstanden bei künstlichen Befruchtungen und sie wurden eingefroren, nachdem der Mutter bereits mehrere Embryonen eingepflanzt worden waren. „Zum Beispiel: Ein Paar hat schon drei Kinder, die Eheleute sind fünfzig Jahre alt und möchten keine weiteren Nachkommen. Sie wollen aber auch nicht, dass ihre Embryonen für alle Ewigkeit auf irgendeiner Abteilung eingefroren bleiben“, erklärt Michal Amit, Doktorandin bei Itskovitz. Erst nach der Erlaubnis der Eltern würden diese Embryonen statt zur Vernichtung für die Forschung freigegeben.

Schriftliche Genehmigung

„Im Judentum gilt ein Embryo, der nicht in die Gebärmutter aufgenommen wurde, noch nicht als Mensch“, sagt Itskovitz. Dies sei einer der Gründe, warum die Forschung an embryonalen Stammzellen (ES) in Israel weitaus weniger Einschränkungen unterliege als in Deutschland. Hier zu Lande dürfen nach dem Stammzellgesetz keine eigenen ES erzeugt, sondern nur importiert werden und auch nur solche Zellen, die vor Januar 2002 entstanden sind. Dafür sind ein positives Votum der Ethik-Kommission des RKI und eine schriftliche Genehmigung des Instituts notwendig.

Internationale Konkurrenz

Itskovitz hat auf Grund der deutschen Geschichte Verständnis für das strenge Verfahren, freut sich jetzt nach eigenen Worten um so mehr für seinen Kollegen Brüstle und trifft bereits die ersten Vorbereitungen für den Versand der Stammzellen nach Deutschland. Brüstle wiederum hofft, dass die Sendung mit den Zellen „nicht über die Feiertage hängen bleibt.“ Brüstle hatte über Jahre mit ansehen müssen, wie seine Kollegen aus dem Ausland ihre Forschungen vorantrieben, während ihm durch die deutsche Rechtslage die Hände gebunden waren. Dennoch sieht er seine eigenen Aussichten positiv: „Das Gebiet ist so groß, dass allen Beteiligten viele Wege offen stehen. Die Stammzellforschung wird ganze Generationen von Wissenschaftlern mit Aufgaben versorgen,“ sagte er. Der Neurobiologe will die ES aus Israel zunächst in unreifer Form vermehren und sie später zu Nerven- und Stützzellen des Gehirns und Rückenmarks ausreifen lassen. In einer zweiten Phase sollen die so genannten differenzierten Zellen dann im Tierversuch getestet werden.

Keine schnellen Versuchsergebnisse

Embryonale Stammzellen haben die Fähigkeit, sich in etwa 200 unterschiedliche Arten menschlicher Zellen zu differenzieren. Weltweit setzen Forscher deshalb in sie große Erwartungen: Sie hoffen unter anderem, eines Tages Krankheiten wie Diabetes heilen zu können. Der Israeli warnte davor, auf Schnellschüsse bei der Forschung zu hoffen. Frühestens in fünf Jahren halte er eine klinische Anwendbarkeit von Versuchsergebnissen in der ES-Forschung für möglich. Aber auch dieser Zeitrahmen sei nur Spekulation, betonte der Frauenarzt.


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