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Interview

Gesundheitsrisiko: Fleisch, Eier, Milch: Essen wir zu viel Eiweiß?

Es gibt Stimmen, die sprechen von Proteinmast, die sagen: Wir verzehren viel zu viel Fleisch, Eier, Käse, Milch. Ist das so? Wir befragten den Ernährungsmediziner Johannes Erdmann dazu.

Von Johanna Bayer

Gesundheitsrisiko Protein? Ein Ernährungsmediziner erklärt, ob zu viel Eiweiß aus Fleisch, Eiern oder Milch schadet

Gesundheitsrisiko Protein? Ein Ernährungsmediziner erklärt, ob zu viel Eiweiß aus Fleisch, Eiern oder Milch schadet

Die Deutschen essen durchschnittlich 60 Kilo Fleisch im Jahr, das sind rund 160 Gramm am Tag, ein kleines Steak. Essen wir zu viel Protein?

Nein. Wir leben ja immer länger und die Lebenserwartung steigt weiterhin – wir sind also offensichtlich gut versorgt. Dass Protein in größeren Mengen schaden kann, ist nicht belegt.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt nur halb so viel Fleisch.

Die Deutschen essen mehr, als die DGE empfiehlt, das heißt aber nicht, dass das gesundheitsschädlich ist. Die DGE zieht seit einigen Jahren auch ökologische Gründe heran und hat deshalb zu geringem Fleischverzehr geraten. Die ökologischen Gründe sind wichtig, medizinisch jedoch sind 160 Gramm am Tag normalerweise unbedenklich. International liegen wir in Deutschland mit dem Fleischverzehr gerade mal im Mittelfeld. Wenn man noch Reste, Abgeschnittenes und Weggeworfenes abzieht, sind es durchschnittlich nur rund 44 Kilo im Jahr, die tatsächlich gegessen werden. Das hat die Nationale Verzehrsstudie ergeben. Die großen Fleischesser-Nationen sind die USA, Brasilien, Argentinien, Australien, Kanada. Die kommen auf 120 Kilo im Jahr, also über 300 Gramm am Tag. Wenn man von "viel" sprechen will – das ist viel.

Zu viel?
Ja – zu viele Kalorien. Das Problem ist nicht das Protein, sondern das Übergewicht. Übergewicht macht Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt bis hin zu einer Fülle von Krebsarten. Wir brauchen eigentlich keine Studien zu einzelnen traditionellen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch, Käse. Man kann damit alt werden. Die Frage ist eher: Nach welchem Muster essen die Menschen diese Lebensmittel? Vielseitig oder einseitig, nur zu den Mahlzeiten oder ständig, vielleicht gar mit nächtlichen Gängen zum Kühlschrank? Da liegen die Probleme.

Es stellt sich auch die Frage, ob generelle Ernährungsregeln überhaupt sinnvoll sind. Ein bestimmtes Lebensmittel oder eine bestimmte Menge davon ist nicht für jeden gleich gut. Wir Menschen leben ja nicht wie die Versuchsratten in einem Labor. Es gibt viele Faktoren, die unsere Ernährung beeinflussen.

Dennoch warnen viele Vegetarier und Veganer vor Fleisch und Milch. Die Rede ist von einer "Proteinmast", die dem Körper schade, etwa den Nieren.

Als Facharzt kann ich sagen, dass das Unsinn ist. Rein medizinisch ist es unmöglich, gesunde Nieren mit Fleischessen und Milchtrinken zu schädigen. Was ein Mensch zu sich nimmt, ist immer eine Mischkost. Niemand isst reines Protein oder nimmt ausschließlich eiweißhaltige Lebensmittel zu sich. Selbst Leute nicht, die sich scheinbar einseitig ernähren. Beispiel Fast Food: Bei einem Burger haben Sie außer Fleisch auch Brot, Salatblatt, Zwiebeln und oft noch Pommes, also Kartoffeln. Das ist keine reine Proteinmahlzeit.

Außerdem ist unser Stoffwechsel, was Eiweiß angeht, enorm leistungsfähig. Er kann eine Menge davon verdauen, nämlich rund 260 Gramm Protein am Tag – das wäre ein Kilo Fleisch. Mit diesen Mengen an Eiweiß kommen gesunde Nieren also zurecht. Wir wissen das auch von Völkern, die einen sehr hohen Eiweißanteil in ihrer Nahrung haben, Hirtennomaden in Afrika zum Beispiel, oder Inuit am Polarkreis. Die leben von tierischen Produkten mit viel Fett und Eiweiß und haben nicht häufiger Nierenprobleme.

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Die DGE empfiehlt recht wenig Protein: für Erwachsene 0,8 Gramm pro Kilo Körpergewicht. Für eine 70 Kilo schwere Person sind das 56 Gramm Protein am Tag.

Diese gängige Empfehlung orientiert sich an der Erhaltungsdosis: So viel Protein braucht ein gesunder Erwachsener, damit kein Muskelgewebe abgebaut und die Organe und das Immunsystem nicht geschädigt werden. Auch in anderen Ländern wird diese Menge empfohlen. Das heißt aber nicht, dass mehr Protein schädlich ist, im Gegenteil. Kranke, Kinder im Wachstum, Schwangere und Stillende, aber auch alte Menschen sollten mehr Protein zu sich nehmen, etwa 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Es wird oft behauptet, dass Vegetarier und Veganer gesünder seien, weil sie weniger Protein zu sich nehmen, vor allem weniger tierisches Eiweiß.

Veganer sind nicht allgemein gesünder. Viele von ihnen sind sehr gesundheitsbewusst, sie trinken zum Beispiel wenig Alkohol oder machen viel Sport. Aber einer Studie aus Österreich zufolge haben Veganer besonders viele psychosomatische Beschwerden und psychische Probleme. Wobei die Ursache dafür nicht die Ernährungsform sein muss. Wahrscheinlich neigen Menschen mit Krankheiten oder Problemen von vornherein zu speziellen Ernährungsformen, weil sie sich davon Hilfe versprechen. Es werden also vielleicht Menschen zu Veganern, die nicht ganz gesund sind oder sonstige Störungen haben. So können solche Befunde zustande kommen.

Ansonsten ist tierisches Protein nicht mehr und nicht weniger gesund als pflanzliches. Man muss sich ansehen, in welchen Lebensmitteln Eiweiß steckt und welche sonstigen Vorteile sie haben: Fleisch, Eier, Milch einerseits, Hülsenfrüchte, Weizen, Kartoffeln andererseits. Alle diese Lebensmittel bringen außer Protein noch wichtige Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe, Fette mit. Alles andere ist abstrakte Rechnerei, die zu nichts führt.

Manche Fastenärzte oder Diabetologen vermuten eine Verbindung zwischen Eiweißzufuhr und Diabetes. Verursacht Protein Diabetes?

So pauschal ausgedrückt ist das falsch – Protein verursacht keinen Diabetes. Was stimmt: Der Insulinspiegel steigt nicht nur nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten an, sondern auch durch den Verzehr von Eiweiß – aber viel weniger als durch Kohlenhydrate, das ist entscheidend. Dass die Werte bei Diabetikern oft besser werden, wenn sie weniger Fleisch essen, fasten oder vegetarisch kalorienreduziert essen, liegt nicht an der Reduktion von Protein, sondern daran, dass sie in der Regel übergewichtig sind. Der Verzicht und die Kalorienreduktion tun ihrem kranken Stoffwechsel gut. Deshalb haben Diäten und Fastenkuren bei Stoffwechselproblemen schnell erste Erfolge.

Andere behaupten einen Zusammenhang zwischen Proteinzufuhr und Krebs – Grund soll die durch das Protein veranlasste Ausschüttung von Insulin und Wachstumsfaktoren sein.

Bei Kohlenhydraten wird sehr viel mehr Insulin ausgeschüttet als bei Protein. Insulin und Wachstumsfaktoren hängen in einem komplexen Kreislauf zusammen. Diese Zusammenhänge kennt man vor allem von Übergewichtigen, die Diabetes haben oder das metabolische Syndrom. Und da kommen wir zurück auf das Problem: das Übergewicht, in diesem Fall die Aktivität der Fettzellen der Patienten. Sie schütten tatsächlich hormonähnliche Stoffe aus, die unter anderem zu Insulinresistenz führen. Dann nehmen die Zellen weniger Zucker aus dem Blut auf, der Zuckerspiegel dort steigt an. Der Körper reagiert zunächst mit noch höherer Insulinausschüttung. Neben Insulin steigt auch die Konzentration bestimmter Wachstumsfaktoren im Körper an. Diese Wachstumsfaktoren sind gut für Zellen – auch für Tumorzellen. Denn sie fördern den Aufbau und die Zellvermehrung. Daher kommt die Vorstellung, dass eine hohe Menge an Wachstumsfaktoren Krebs auslöst. Insulin und Wachstumsfaktoren machen keinen Krebs. Aber wenn Tumorzellen im Körper entstanden sind, profitieren sie davon, wenn viele Wachstumsfaktoren vorhanden sind. Zu behaupten, dass Fleisch, Eiweiß oder Wachstumsfaktoren Krebs auslösen, ist jedoch definitiv falsch und unseriös.

Ist man auf der sicheren Seite, wenn man pflanzliches Protein bevorzugt, etwa aus Bohnen, Erbsen, Linsen, Soja, Tofu oder Getreide?

Man kann seinen Proteinbedarf mit diesen Lebensmitteln decken, ja. Aber man muss seine Ernährung dann auch sorgfältig planen. Eine rein pflanzliche Nahrung befürworten weder die DGE noch andere Mediziner. Dabei geht es nicht um den Mangel an Protein, sondern um fehlende Vitamine, Spurenelemente und Fette. Der Mensch ist ein Allesesser und kann seinen Bedarf am besten durch Vielfalt decken. Ideal ist eine Mischung aus pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln, die das Körpergewicht normal hält. Woher das Protein kommt, ist dabei unwichtig.



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