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Umweltschäden: Das gefährliche Erbe einer Chemiefabrik in Oberbayern

Das Gift von gestern wird zum Risiko für die Zukunft: "In Altötting wird das Grundwasser noch über Jahrzehnte die von der Trinkwasserkommission vorgegebenen Leitwerte überschreiten." Ein Lehrstück aus Oberbayern.

Von Nicole Simon

Altötting: Das gefährliche Erbe einer Chemiefabrik in Oberbayern

Die Chemie-Industrie entwickelt immer wieder Stoffe, die schwer abbaubar sind und von denen niemand weiß, ob sie sich als schädlich erweisen werden: "In Altötting wird das Grundwasser noch über Jahrzehnte die von der Trinkwasserkommission vorgegebenen Leitwerte überschreiten." (Symbolfoto)

Als das Rote Kreuz anfing, Blutspenden von Menschen aus einigen Nachbargemeinden abzulehnen, war für Frank Bremauer eine rote Linie überschritten. Damals, im Januar 2018, hatte sich die Substanz schon überall ausgebreitet, im Boden, im Wasser, in den Wildtieren, in der Muttermilch der Frauen und eben auch im Blut der Menschen, die in den Gemeinden des oberbayerischen Landkreises Altötting leben – rund um den größten Chemiepark der Region. Über 30 Firmen sind dort angesiedelt, darunter die Chemiefabrik Dyneon. Bis 2008 verwendete sie die chemische Substanz mit dem Kürzel PFOA, eine extrem langlebige und gesundheitsschädliche Verbindung, die von der Umwelt fast nicht abgebaut wird.

Von der Chemiefabrik breitete sich der Stoff über den Fluss Alz und über die Schornsteine der Anlage als Feinstaub aus. Bereits 2006 hatte Greenpeace vor Verschmutzungen in der Region gewarnt, doch Frank Bremauer glaubte damals noch, dass ihm die zehn Kilometer, die zwischen seinem Wohnort in Altötting und der Fabrik lagen, ausreichend Schutz böten. "Schließlich gab es auch vonseiten der Behörden nie eine Warnung."

Angst

Doch dann fanden sie PFOA auch in seinem Körper. 13,6 Mikrogramm pro Liter Blut. In München liegt der Wert im Schnitt bei 1,1 Mikrogramm. Bremauer hatte eine Blutprobe beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit abgegeben, so wie rund 900 weitere Anwohner. Bei fast allen wurde der Grenzwert für die chemische Verbindung überschritten, bei vielen sogar deutlich stärker als bei Bremauer. Was das für sie bedeutet, weiß niemand genau zu sagen. Beim Landesamt heißt es im Abschlussbericht 2018 recht sperrig: "Nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand sind auch die im Landkreis Altötting ermittelten erhöhten PFOA-Werte nicht mit einer Gesundheitsgefährdung gleichzusetzen." Bremauer sagt: "Trotzdem haben viele Menschen hier Angst, dass die Verbindung sie krank machen könnte."

Greenpeace-Aktivisten warnten bereits 2006 vor der PFOA-Belastung des Flusses Alz bei Burgkirchen. Mehr als zehn Jahre später wies man in Blutproben von Anwohnern überdurchschnittlich große Mengen der Chemikalie nach.

Greenpeace-Aktivisten warnten bereits 2006 vor der PFOA-Belastung des Flusses Alz bei Burgkirchen. Mehr als zehn Jahre später wies man in Blutproben von Anwohnern überdurchschnittlich große Mengen der Chemikalie nach.

Der Stoff in ihrem Blut gehört zu den per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz PFAS, einer Gruppe von Chemikalien, die aus Kohlenstoffketten bestehen, an denen Fluoratome hängen. Seit spätestens den 70er Jahren gelten sie in der Chemieindustrie als wahre Wunderstoffe, lassen sich mit ihnen doch Oberflächen erschaffen, an denen Wassertropfen, Öl oder Schmutz einfach abperlen. Auch Innovationen wie Teflon, medizinische Beschichtungen oder Outdoorkleidung sind ohne diese Stoffe kaum denkbar.

Zugleich aber sind sie ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Wunderstoffe erst gefeiert werden, bis sie irgendwann ausgemustert werden müssen, weil die gepriesenen Eigenschaften mitunter große Risiken bergen. So war es bei Asbest, jahrzehntelang als hervorragender Dämmstoff weltweit verwendet, bis sich herausstellte, dass das faserige Material Lungenkrebs verursachen kann und bis heute weltweit Millionen Menschen das Leben kostete. Auch das hochgiftige, aggressive Chlor und einige seiner Verbindungen erwiesen sich als extrem schädlich und waren doch Grundstoff für Produkte wie PVC, mit denen sich Milliardenumsätze machen ließen. Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, auch sie sehr beständig, verwendet lange Zeit etwa als Treibgas für Sprühdosen, fraßen ein mehr als 20 Millionen Quadratkilometer großes Loch in die Ozonschicht. Und polychlorierte Biphenyle (PCB), die Tausendsassas der Bauindustrie, breiten sich noch heute in der Umwelt aus und gelangen über die Atemluft in den menschlichen Körper. Zwar gilt die akute Giftigkeit von PCB als vergleichsweise gering. Mit der Zeit können einige der Substanzen aber wahrscheinlich Krebs hervorrufen.

Leitwerte in Altötting überschreiten

Beispiele wie diese gibt es viele und seit langer Zeit. Bereits im Jahr 1990 urteilte der Sachverständigenrat für Umweltfragen, "dass der dynamische Ausbau der Chlorchemie in den fünfziger und sechziger Jahren einen der entscheidenden Fehler in der industriellen Entwicklung des 20. Jahrhunderts darstellt".

Gelernt aber hat man aus diesen Fehlern der Vergangenheit nicht, sagt Martin Scheringer, Umweltchemiker an der ETH Zürich: "Genau in der Zeit, in der man die Schäden der Chlorchemie zu begrenzen versuchte, hat man die Produktion von PFAS massiv hochgefahren." Denn diese chemischen Verbindungen sind auch ungemein praktisch. Sie verbessern die Konsistenz, sind nicht brennbar und sogar noch langlebiger als Chlorverbindungen. Sie stecken in Hightech-Materialien der Medizin- und Labortechnik, in Outdoorjacken, Zelten, Schuhen, Skiwachs, Teppichen, Lebensmittelverpackungen, Farben, Löschschaum, Teflonpfannen – und einige Hersteller mischen sie sogar in Cremes.

Diese Stoffe aber sind alles andere als unbedenklich. "Die Bindung zwischen Kohlenstoff und Fluor gehört zu den stärksten chemischen Bindungen. Eine, die in der Natur so nicht vorkommt und sich von ihr auch nicht einfach trennen lässt", sagt Scheringer. Die Folge: Die Chemikalien sammeln sich seit Jahrzehnten in der Umwelt an, ohne dass sie sich abbauen würden. Einige Gegenden gelten als regelrecht verschmutzt, und zwar für viele Jahre.

"In Altötting wird das Grundwasser noch über Jahrzehnte die von der Trinkwasserkommission vorgegebenen Leitwerte überschreiten", sagt Frank Bremauer. Keine 150 Kilometer weiter ist der Schwellenwert für PFOS, eine weitere früher oft genutzte und seit 2008 verbotene Substanz, im Grundwasser teils 400-fach überschritten. Der Grund sind Löschschäume, die die Bundeswehr vor allem in Übungen jahrzehntelang auf dem Militärflugplatz in Manching eingesetzt hat. In angrenzenden Ortsteilen trauen sich Anwohner nicht mehr, ihre Gärten mit Brunnenwasser zu gießen. Wer in Manching ein Haus mit Keller bauen will, soll die belastete Erde als Sondermüll selbst entsorgen. Vermutlich sind mehr als ein Dutzend weitere deutsche Bundeswehrstandorte betroffen.

Massives Problem

Für die Gesundheit der Bewohner hat das womöglich Folgen. So zeigt eine Studie mit 656 Kindern, dass der langfristige Impferfolg gegen Diphtherie und Tetanus bei jenen Kindern vermindert war, die PFAS stärker ausgesetzt waren. Es gibt Hinweise auf eine verringerte Fruchtbarkeit, auch die hormonelle Entwicklung könnte beeinflusst werden. Und die Krebsagentur der WHO stuft zumindest PFOA als möglicherweise krebserregend ein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) senkte aufgrund neuer Erkenntnisse gerade erst die Grenzwerte für beide Substanzen. Vor allem der Einfluss auf Cholesterinwerte macht den Experten Sorgen, weil "selbst eine kleine Erhöhung über die Jahre das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht", so die Behörde.

Dafür muss man nicht einmal auf offensichtlich kontaminiertem Boden wohnen. "Bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung wird die wöchentlich tolerierbare Aufnahmemenge überschritten", sagt EFSA-Sprecherin Francesca Avanzini. Ab dem Jahr 2020 wird PFOA zwar verboten sein, doch viele Alternativen, die die chemische Industrie derzeit entwickelt, machen die Welt nicht weniger giftig. "In den meisten Fällen hat man die fluorierten Ketten einfach kürzer gemacht", sagt Martin Scheringer, der diese Verbindungen seit mehr als zehn Jahren erforscht. "So werden sie zwar in der Regel eher vom Körper ausgeschieden. Mit der kürzeren Kette nimmt jedoch die Wirksamkeit ab. Man braucht also mehr von ihnen, um den gleichen Effekt zu erreichen."

Auch für die Umwelt sind die kürzeren Ketten keine Entlastung. "Diese Stoffe werden genauso wenig abgebaut. Wir kommen vom Regen in die Traufe."

Zumal die chemische Industrie immer mehr dieser Stoffe hervorbringt. Im Mai vergangenen Jahres zählten Wissenschaftler über 4500. "Von den meisten haben wir noch überhaupt keine Ahnung, wie schädlich sie sind", sagt Scheringer. Aus der Stimme des bis dahin so abgeklärten Chemikers lässt sich Ärger heraushören. "Wir stehen hier vor einem massiven Problem. Eine Bewertung all dieser Einzelstoffe würde Jahrzehnte dauern. Zeit, in der erhebliche Mengen dieser Substanzen in die Umwelt gelangen und nicht mehr rückholbar sind."

Gemeinsam mit mehr als 30 Wissenschaftlern und Behördenvertretern aus 14 Ländern plädiert er dafür, diese Stoffe von vornherein überall dort zu verbieten, wo ihre Eigenschaften nicht unerlässlich sind.

Nicht gesetzlich reguliert

Etwa in Outdoorkleidung. Im beschaulichen Tettnang, nahe dem Bodensee, hat man schon vor Jahren begonnen, mit umweltverträglichen Alternativen zu arbeiten. Der Weg dorthin war für das Familienunternehmen Vaude gar nicht so einfach. "Als wir anfingen, die Verbände der Textil- und der chemischen Industrie auf das Problem der PFAS anzusprechen, und um Hilfe baten, wurden wir noch mit großen Augen angeschaut", sagt Hilke Patzwall, die sich bei Vaude um die Themen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung kümmert. Erst als Greenpeace 2011 seine Detox Outdoor Kampagnen startete und auch große Marken ein Reputationsrisiko für sich sahen, habe die Industrie angefangen, alternative Beschichtungen und Membranen für wetterfeste Kleidung zu entwickeln. "Danach haben wir viel ausprobiert. Manche Jacken und Hosen waren gut, andere haben überhaupt nicht funktioniert, da ist man einfach nass geworden. Zur Sommersaison 2018 dann war der erste große Schritt getan: Wir hatten zum ersten Mal wirklich alle Bekleidungsstücke fluorcarbonfrei ausgerüstet."

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Der Verzicht auf die Superchemikalien hat jedoch seinen Preis. "Die neuen Oberflächen sind nicht ölabweisend, Fett perlt nicht mehr ab", sagt Patzwall. Doch solche Eigenschaften werden eher von Profis bei der Feuerwehr oder der Seenotrettung gebraucht, nicht von Kunden, die am Wochenende wandern oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Auch manche Skiwachse und Imprägniermittel kommen mittlerweile ohne fluorierte Verbindungen aus. Die Coop-Gruppe in Dänemark will in ihren Geschäften keine Kosmetikprodukte, Cremes und andere Pflegeartikel verkaufen, die solche Chemikalien enthalten. Doch solange die Substanzen nicht gesetzlich reguliert sind und es den Anbietern selbst überlassen bleibt, ob sie der Umwelt und der Gesundheit zuliebe auf Gifte verzichten, drohen solche Beispiele eine Ausnahme zu bleiben.

Kontamination

Auch deshalb will Frank Bremauer weiterkämpfen. Er hat eine Facebook-Gruppe gegründet, aus der eine Bürgerinitiative entstanden ist, die schon manchen Erfolg errungen hat. So finanziert etwa die Firma Dyneon nun Filteranlagen für das Trinkwasser im Landkreis. Doch Bremauer und seine Mitstreiter geben sich damit nicht zufrieden. Sie fordern von allen Verantwortlichen die rückhaltlose Aufklärung der Ursachen und Folgen der Grundwasser-Kontamination. "Die Chemikalie ist ja schließlich immer noch in Seen und Flüssen, im Boden und im Grundwasser."

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Wissenscommunity

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(