Pilgern Die Erwanderung des Seelenfriedens


Pilger sind nicht immer gläubig und nicht jeder will gleich ganz nach Santiago de Compostela. Fünf stern-Autoren erzählen Geschichten über Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen den Weg zu sich selbst in Angriff genommen haben.

Rupp Doinet in Altötting
Es ist noch früh am Morgen, in Altötting, dem berühmtesten Wallfahrtsort in Deutschland. Aber vor der Gnadenkapelle stehen schon die ersten Hundertschaften frommer Fremder. Ein paar Dutzend Besucher in Rollstühlen warten darauf, vor die schwarze Madonna geschoben zu werden, Frauen mit Rosenkränzen in den Händen blinzeln in die Frühlingssonne, alte Männer haben ihre Hüte abgenommen und kneten sie nun fast verlegen. Drei Jugendliche mit WLW-Plaketten ("Wahre Liebe wartet") singen ein frommes Lied, brechen aber mittendrin ab, weil außer ihnen niemand mitsingt.

"Ein ruhiger Tag", sagt der Kapuzinerpater Bruder Narinus Parzinger,44, Sekretär in der Wallfahrtskustodie von Altöttinng. Die Kapuziner betreuen die Pilger, nehmen ihnen die Beichte ab, halten die Gottesdienste, lassen bei der Ankunft der Wallfahrer über ein Funksignal die Kirchenglocken läuten, weil dieser Gottesgruß die müden Wanderer "erfreut und motiviert".

Immer mehr Jugendliche und Familien

Aber heute werden keine offiziell angekündigten Wallfahrer erwartet, obwohl bestimmt wieder ein paar hundert, wenn nicht sogar tausend Pilger kommen werden. Seit Jahren beobachten die Kapuziner, dass eine zunehmende Zahl von Einzelpilgern und Kleingruppen, darunter besonders viele Jugendliche und Familien, die heiligen Orte besucht. Menschen, die "mit den Grundvollzügen des Glaubens immer weniger vertraut " und "kirchlich nicht beheimatet sind", wie der Pater das formuliert. Ihnen wollen die Padres in Zukunft verstärkt "Hilfen zur inneren Einkehr" anbieten, "vermitteln, was einem an einem Ort wie diesem geschenkt werden kann."

Birgit Olinski, 44, Qigong-Lehrerin aus Frankfurt ist eine dieser neuen Frommen. 1986 war sie aus der Kirche ausgetreten, obwohl sie sich auch danach als "gottesgläubig" empfand. Am 23. Dezember 2000, "dem Tag der Heiligen Victoria" erlebte die dunkelhaarige, schmale Frau eine "Spontanheilung von meinen schweren Depressionen". Seitdem hat sie sich Gott verschrieben, pilgert von einem Gnadenort zum nächsten. In Trier war sie, in Marburg, Bamberg, Speyer. Nach Lourdes will sie demnächst und "der Jakobsweg, der wäre natürlich auch schön". Sie geht all diese langen Wege dabei gerne für sich allein, möchte "meine Energie ungeteilt für mich behalten" und manchmal überlappen sich dabei der Glaube an Gott mit älteren Religionen und Mythen. Denn, so sagt Birgit Olinski: "Viele der Wallfahrtsorte gründen sich auf Kraftzentren aus der Keltenzeit oder aus noch älteren Kulturen und das ist bestimmt kein Zufall".

Tsunami-Opfer danken für ihr Überleben

Nach Altötting ist sie mit Christine, 65, gekommen, ihrer Mutter. Nun laufen sie langsam durch den Rundgang entlang der Gnadenkapelle im Herzen Altöttings, vorbei an den etwa 2000 Votivtafeln, die Pilger vor ihnen hier draußen an den Kirchenmauern und innen, im Gotteshaus, an die Wände genagelt haben. Manche der Bilder sind 500 Jahre alt, aber es gibt auch ganz neue. Eine Polizeiabteilung hat der Gottesmutter gedankt, dass bei einem Einsatz anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland beim Unfall mit dem Mannschaftsbus kein Mensch zu Schaden kam, Überlebende der Tsunami-Katastrophe im fernen Osten dankten für die wunderbare Errettung aus den Fluten.

Draussen vor der Kirche haben Pilger Kreuze zurückgelassen, die nun von denen, die nach ihnen kamen, durch den Rundgang getragen werden. Auch Birgit und Christine Olinski haben jeweils ein Kreuz geschultert, laufen langsam mit gemessenen Schritten eine Runde nach der anderen, bis Christine die Beine weh tun und sie sich in die Sonne setzt, während die Tochter in Gedanken versunken weiter läuft. Früher liefen Wallfahrer hier mit Erbsen in den Schuhen, um sich zu kasteien und Busse zu tun. Aber das, so sagt Bruder Marinus Parzinger von den Kapuzinern, ist "nicht erwünscht, ja sogar ungut", weil man sich bei einer Pilgerfahrt nicht quälen, sondern freuen soll.

Das wussten auch die früheren Pilger schon. Sie gelobten zwar, auf Erbsen zu wallfahren, kochten sie vorher aber vorsichtshalber ab.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich auch in Mecklenburg-Vorpommern nach Santiago de Compostela pilgern lässt.

Inka Schmeling in Mecklenburg-Vorpommern
Joachim Anders, 63, rubbelt seine Aufkleber so nachdrücklich an die Straßenschilder, als müssten sie genauso alt werden wie der Weg, den sie markieren: gut 650 Jahre. 1341 pilgerte die Heilige Birgitta von Schweden nach Santiago de Compostela - und ging dabei wohl auch durch das heutige Mecklenburg-Vorpommern. Ab Mai 2007 kann man ihr folgen: Einfach den Aufklebern mit der Jakobsmuschel nach, von Stralsund, wo Birgitta und ihr Mann Ulf mit dem Schiff anlegten, über die Mecklenburgischen Hügel und Seen nach Tempzin, wo sie in der Pilgerherberge übernachtet haben könnten. Könnten.

Die Markierung von Pilgerpfaden ist geografisches Malen nach Zahlen. Ein Kompromiss aus aktuellen Wanderwegen und historischen Routen, Herbergen, Kirchen, Kapellen. Ein Abwägen zwischen Genauigkeit und Ästhetik: Die meisten mittelalterlichen Fernwege sind heute Bundesstraßen oder Autobahnen. Die Regeln legt der fest, der den Pilgerpfad ausruft. Mal überwiegt der historische Verlauf, mal die Anzahl der Heiligtümer, mal die Schönheit der Natur.

"Jede Gemeinde könnte ihren eigenen Pilgerweg ausrufen"

Und manchmal auch schlicht die Vermarktbarkeit. "Der Freiheit sind keine Grenzen gesetzt", sagt Frank Schlinzig vom Deutschen Wanderverband. "Jede Gemeinde könnte ihren eigenen Pilgerweg ausrufen." Da viele Gemeinden genau das tun, verliert selbst der erfahrene Wegewart Schlinzig langsam den Überblick. Sein Rat: "Achten Sie darauf, dass der Pilgerpfad keine Erfindung der lokalen Touristenbehörde ist. Kirchen und Gemeinden sollten eingebunden sein - nur so gibt es unterwegs private Pilgerherbergen oder Andachten und Notunterkünfte in den Kirchen."

Kein einziger Pilgerpfad hat bislang vom Wanderverband das Gütesiegel "Wanderbares Deutschland" bekommen. Das Siegel orientiert sich nun mal an einer möglichst idyllischen Natur; der Pilgerpfad dagegen an einer hohen Quote an Kapellen, Kirchen, Kreuzen, und an den Spuren eines Heiligen oder einer Reliquie. Das ist der Unterschied zwischen Wandern und Pilgern. Das Gefühl, auf historischen Wegen zu gehen, sagt Joachim Anders, schätzen religiöse Menschen nämlich genau so wie konfessionslose. Gerade dann, wenn sie unterwegs über die großen Lebensfragen nachdenken wollen. "Es ist dieses Gefühl: Vor mir sind schon viele diesen Weg gegangen und ich reihe mich ein." Auch wenn es nicht genau der gleiche Weg ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie man auch ohne Wanderung zu innerer Einkehr finden kann - im Kloster Einsiedeln.

Rainer Nübel in Kloster Einsiedeln
Ruhe und Zeit für sich zu haben - dazu fand Fridolin Weber-Krebs, 68, in seinem Berufsleben wenig Möglichkeit. Als hochrangiger Bankmanager auf EU-Ebene, der in Luxemburg tätig war, musste er entscheiden, funktionieren und sich profilieren. Seit langem hatte er den Wunsch, das "Andere" zu erleben. In den weiten Gängen des Schweizer Klosters Einsiedeln, bei den Chorgebeten zusammen mit den Mönchen und in seiner geräumigen Gästeklause "S. Raphael" merkt der gebürtige Freiburger schon nach dem ersten Tag, wie ihn die Stille in der Benediktinerabtei verändert. "Als ich vorher mit meiner Frau telefonierte, fragte sie mich: Warum flüsterst du eigentlich?"

Drei Tage Klosterleben hat der Banker und promovierte Jurist "gebucht", Pilger-Dasein mit Vollpension, innere Einkehr, Kontemplation und neue Erfahrungen inklusive. Für 60 Franken am Tag, ein christlicher Preis. Draußen, auf dem mächtigen Klosterplatz, wird an diesem Sonntagmorgen der Touristentross immer größer. Die Fotoapparate sind gezückt. Asiaten mit rot-weißen Zipfelmützen stellen sich lachend in Positur und zeigen auf die monumentale Klosterfassade. Reisebusse spucken neue Besuchergruppen aus, bunte Touristikprospekte weisen ihnen den Weg zum barocken Kirchenpomp und zur schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle. Der steile Kreuzweg ist noch mit Schnee bedeckt. Einsiedeln, seit Jahrhunderten ein berühmtes Wallfahrtsziel und wichtiger Zwischenhalt für Jakobspilger, bietet Glaubens-Attraktionen mit Alpenpanorama.

"Es ist kein Solist dabei"

Hinter den dicken Klostermauern erlebt Fridolin Weber-Krebs eine andere, ganz eigene Welt - ohne Fernseher und Radio, ohne Alltagslärm, geschäftige Laut-Sprecher und Handyplauderer. Früh um sechs Uhr steht er auf, wird zum Chorgebet abgeholt. "Da sitze ich inmitten der Mönche. Das Außergewöhnliche ist: Keiner profiliert sich, es ist alles eine Gemeinschaft, die zusammen singt. Da ist kein Solist dabei."

Bei jedem Gebet und jeder Messe ist der distinguierte Bankmanager dabei. Auch wenn die rund 60 Patres und 20 Brüder gemeinsam essen, sitzt er mit am Tisch. "Das Essen läuft in totalem Stillschweigen ab." Besonders beeindruckt ihn die Atmosphäre bei der späteren Lesung: "Ein Mönch, der erhöht sitzt, liest die Texte in einem einheitlichen Ton, er darf keine Kunstpausen machen oder Passagen besonders betonen. Ab und zu beginnen die anderen Mönche zu lachen, obwohl er nichts dafür getan hat. Sie konzentrieren sich ganz auf den Text, beschäftigen sich mit allen ihren Sinnen mit ihm - das ist außergewöhnlich." Der deutsche Drei-Tage-Einsiedler spürt den "wohltuenden" Kontrast zum Geschäftsalltag: "Jeder, der nur die einfachste Botschaft rüberbringen will, muss sich profilieren, muss sie besser oder lauter bringen als andere. In unserer Mediengesellschaft sind die Interpreten häufig wichtiger als die Texte." Umso mehr genieße er solche elementare Erfahrungen. Und auch die "wunderbare Musik" der gregorianischen Choräle.

"Man muss nicht gleich nach dem Lebenssinn fragen"

Bei Fridolin Weber-Krebs schwingt ein Stück Nostalgie mit: Der katholisch erzogene Badener war vor einem halben Jahrhundert in Einsiedeln Austauschschüler am klostereigenen Gymnasium gewesen. Der Sprung aus dem Alltag, die äußere und innere Ruhe, die er erfahre, zudem das Erlebnis dieser besonderen Gemeinschaft - all das nehme er jetzt mit nach Hause, sagt er. "Man muss nicht gleich tiefschürfend nach Glaube und Lebenssinn fragen. Es geht vor allem darum, mal wieder Zeit und Ruhe zu haben." Manchen seiner Kollegen aus den Chefetagen der Bankenwirtschaft würde ein solcher Klosteraufenthalt gut tun, meint Weber-Krebs. "So wie er mir gut tut." Er ist sich jedenfalls sicher: "Ich werde das wiederholen."

Das Gästehaus des Klosters Einsiedeln wird sich von der Karwoche an füllen. Dann beginnt die hohe Zeit der Wallfahrer und Jakobspilger. Bei Pater Maurus, der das Wallfahrtsbüro leitet, haben sich schon 200 Tamilen und eine große Gruppe von Kosovo-Albanern angesagt. Die Zahl der Pilger, besonders auch aus Deutschland, nehme stetig zu. "Die Motivationen sind ganz unterschiedlich", sagt Pater Maurus, "manche befinden sich in einer Krise oder wollen den Stress hinter sich lassen, andere wiederum sind kulturell interessiert". Deutsche Pilger würden in den Sommermonaten oft zwei Etappen favorisieren: vom Bodensee nach Einsiedeln oder vom Kloster aus über Brüneck an den Genfer See. Eine zweite Route des Jakobswegs führt von Einsiedeln über Emmental Richtung Frankreich. Von der kunstvollen Kanzel im barocken Kirchenhaus bekommen die Pilger das Wort Gottes verkündigt - und an der Klosterpforte den Pilgerstempel. Weibliche Pilger werden im nahe gelegenen Frauenkloster Au aufgenommen. Die besonders Mutigen, so Pater Maurus, machen sich auf den ganz großen Weg: "Nach Santiago de Compostela sind es 2500 Kilometer. Da ist man drei Monate unterwegs."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie eine junge Frau einer vergessenen "Straße der Könige" zu neuer Bekanntheit verhilft.

Holger Witzel in Leipzig
Jogger schnaufen durch das Leipziger Rosental. Sie rennen ständig im Kreis und überholen die Nordic Walker, die wiederum schneller als die Gassigänger sind. Alle laufen, rennen, hetzen und kommen doch nicht vom Fleck, sondern scheinen auf der Strecke zu bleiben. Sie müssten nur mal gerade ausgehen, raus aus der Stadt, immer in einer Richtung, an der Luppe entlang, dem Zeichen mit der gelben Muschel nach, westwärts. Dann wären sie plötzlich auf einem anderem Weg ...

Die Religionspädagogin Esther Zeiher, 29, suchte 2002 während ihres Studiums eine "Spielwiese", um eigene "Selbst- und Gotteserfahrungen" auf ihren langen Wanderungen durch Europa auch zu Hause für junge Menschen erlebbar zu machen und entdeckte sie vor der Haustür. Auf einer alten Europakarte sah sie erstmals die Via Regia, eine alte "Straße der Könige", die schon seit dem Mittelalter vom Osten in Görlitz durch die Lausitz über Leipzig durch das Burgenland an der Saale bis nach Vacha an der thüringisch-hessischen Grenze führte, eine Handels- und Pilgerweg seit Jahrhunderten - aber lange vergessen.

Das Versprechen der Einsamkeit

Innerhalb von wenigen Monaten fand sie überall an der historischen Strecke Mitreiter, und belebte mit ihren "Wegbereitern" diesen Teil des Jacobsweges als "Ökumenischen Pilgerweg" neu. Sie malten Schilder, klärten auf 450 Kilometern die "Wegehoheiten" mit Gemeinden, Förstern und privaten Grundstücksbesitzern, und 2003 war ihr erster Pilgerführer fertig. Inzwischen ist die Strecke abseits vom modernen Straßeverkehr einer der am besten organisierten Pilgerwege in Deutschland, verfügt über knapp 70 Herbergen, wo man für eine kleine Spende nächtigen kann und jedes Jahr doppelt so viele Gäste gezählt werden. Vor allem aber schlängelt sich dieser Pfad nicht nur durch eine wunderbar liebliche Landschaft von der Lausitz bis nach Thüringen und die kulturelle Wiege Deutschlands in Sachsen-Anhalt sondern hält - anders als touristisch vermarktete Trampelpfade des Glaubens - immer noch das Versprechen der Einsamkeit.

In den Flußauen bei Leipzig verschlägt einem im Frühling der Bärlauchduft den Atem. In jeder zweiten Kirche am Wegrand hat Luther gepredigt oder Bach georgelt. Man kann Fähren und Fahrräder benutzen und trifft - außer vielleicht in der Quartieren - tagelang keine Pilgerbrüder oder Schwestern.

Mit aller Macht und bisher erfolgreich wehren sich die Organisatoren gegen Vereinahmung von Tourismusmarketing und Hotels. Die Pilger kommen fast überall privat oder traditionell auf Kirchenemporen unter, in Klöstern oder Pfarrhäusern. Es soll eine "Abenteuerroute der Menschlichkeit" bleiben, so der Verein "Ökumenischer Pilgerweg e.V.". In Freyburg schläft man direkt über einer Autowerkstatt. Wer in Merseburg rastet, bekommt den Schlüssel für die Neumarktkirche in der Bäckerei Rahaus nebenan und kann dann ganz allein in der über 800 Jahre alten romanischen Basilika übernachten, ein ziemlich frostiges Erlebnis, von dem aber im Gästebuch trotzdem alle schwärmen. In Kleinliebenau westlich von Leipzig stellt der Mathe- und Physiklehrer Jürgen Weidemann sein Gartenhäuschen samt Fernseher und Warmwasser zur Verfügung. Für ihn hat das allerdings "weniger mit Religion zu tun, sondern mit menschlicher Gastfreundschaft", die er auf eigenen Reisen selbst oft genug erlebt hat.

"Ich gehe nur still meinen Weg"

So begegnen sich auf diesem östlichen Zweig des Jacobsweges mehrheitlich atheistischen Einheimische und Pilger, die häufig aus dem Westen stammen, mit einer ganz neuen Neugier. Ehemalige Genossenschaftsbauern bieten nach anfänglicher Skepsis Kaffee an. Rolf Rohde, 70, läutet für fast jeden Pilger die Glocken der Lißdorfer Kirche. Meist geht er ihnen auch entgegen und erzählt die Geschichte seines Ortes von allen historischen Kriegen bis zur Wende im Rinderstall. Seine Frau bäckt Kuchen und warnt: "Wenn der Rolf einmal redet, hört er nicht wieder auf." Manchmal erschrickt er auch über barsche Ablehnung: "Viele wollen nicht angesprochen werden." Die fauchen dann: "Ich gehe nur still meinen Weg."

Wer sich sein Quartier Wochen im Voraus reservieren will, offenbar ein Trend unter modernen Pilgern, blitzt meist ab: "Wer kommt kriegt einen Platz", sagt Jürgen Wiedemann, "es soll ja keine Pauschalreise werden."

Die meisten, die kommen, sind unter 20 oder über 60 Jahre alt oder haben ein einschneidendes Erlebnis hinter sich wie Rolf Hofmann, 48. Eine Zecken-Borriolose und Nierenkrebs hatten ihn Firma und Existenz gekostet, bevor er - wieder gesund aber auf Hart IV - den Weg von Görlitz nach Vacha antrat. In dreieinhalb Wochen lernte er, "sich führen und die Dinge auf mich zukommen zu lassen". Einmal konnte er unterwegs sogar zu Hause übernachten, den der Pfad führt direkt an seinem Haus in Schwerstedt bei Weimar vorbei. Er war so begeistert, dass er seitdem den Versand des Pilgerführes für den Verein übernommen hat. Und im nächsten Jahr, sobald seine neue Firma läuft, will er den Rest bis Satiago de Compostela gehen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Eindrücke Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostella sammeln.

Philipp Mausshardt in Santiago de Compostela
Die Stadt Santiago de Compostela im spanischen Galicien macht im März noch nicht den Eindruck einer Wallfahrer-Metropole. Die Jakobs-Saison beginnt erst im April und kulminiert im August. Im geschäftigen Treiben der Altstadt sticht darum nur selten ein Pilger mit Rucksack ins Auge, der sich mit schweren Schuhen an den Füßen und meist mit einem hölzernen Stock bewaffnet, an dem eine Muschel und ein ausgehöhlter Kürbis als Trinkflasche baumelt, zum "Pilgerbüro" in der Rúa del Villar Nummer 1 durchfragt. Das Büro, das die begehrten Pilgerausweise - die Compostela - ausstellt, liegt gleich im Schatten der gewaltigen Kathedrale. Mehr als 100.000 Pilger haben sich im vergangenen Jahr hier registrieren lassen, ein neuer Rekord außerhalb der "Heiligen Jahre" 1993 und 2004 als knapp 180.000 Pilger den Jakobsweg gegangen sind. Die Urkunde erhält nur derjenige, der durch Stempel nachweisen kann, mindestens 100 Kilometer zu Fuß oder 200 auf dem Fahrrad oder einem Pferd zurückgelegt zu haben. Deutsche bilden hinter den Spaniern seit kurzem die größte Gruppe.

Maren Wehnes steht am Tresen des Pilgerbüros und hat ein ganz anderes Problem. Die 20-Jährige Studentin aus München hat ihr Handy auf dem Jakobsweg verloren, irgendwo zwischen Arzúa und Santiago. "Habe es wohl in einer Herberge liegen lassen." Nun telefoniert die freundliche Empfangsdame alle Herbergen ab. Maren ist die 227 Kilometer lange Strecke von Astorga nach Santiago in elf Tagen gelaufen, erst allein, dann traf sie drei Studenten aus Deutschland und das Quartett blieb bis zum Schluss zusammen. "Du triffst unterwegs viele nette Menschen und manchmal auch Vollidioten", hat Maren festgestellt. "Das schöne ist, mit den Netten läufst du weiter, die Idioten lässt du ziehen." Wie im richtigen Leben.

Geschwollene Füße nach 200 Kilometern

Eine der deutschen Studenten ist Leila, 24. In Berlin studiert sie Sozialarbeit und engagiert sich nebenbei in einem Flüchtlingsheim. Das abrupte Ende einer Beziehung brachte sie auf die Idee, in den Semesterferien den Jakobsweg zu gehen, zusammen mit ihrer Schwester Andrea und ihrem Studienkollegen Tim. Die 520 Kilometer von Burgos liefen sie in 19 Tagen, macht pro Tag rund 27 Kilometer. "Nach 200 Kilometern war mein linker Fuß so angeschwollen, dass ich kaum noch auftreten konnte", sagte Leila. Mit Schmerztabletten und in Sandalen, statt in Wanderschuhen schleppte sie sich weiter. Warum das alles? "Ich bin Atheistin", sagt Leila über sich und doch glaubt sie, "dass dieser Weg einem Kraft gibt." Etwas "überwinden", seinen "Weg finden", sich neu "orientieren" - Begriffe, die immer wieder fallen, spricht man mit Jakobsgängern. "Natürlich könnte ich auch über die Alpen wandern", sagt Leila, "doch mir geht es nicht um die sportliche Leistung." Für sich selbst hat sie auf dem Jakobsweg beschlossen, "nach meiner Rückkehr nach Berlin nicht mehr so durchs Leben zu hetzen. Ich werde mir mehr Zeit für Dinge nehmen, die mir wirklich wichtig sind."

Auf Workoholics scheint der Jakobsweg tasächlich Wunder zu wirken: Auch Falk Bloech aus Minden wusste am Ende der Strecke, "dass ich mich in den vorzeitigen Ruhenstand versetzen lasse." Der Lehrer aus Minden in Westfalen war 2001 zum ersten Mal mit seiner Frau von den Pyrenähen bis nach Santiago gelaufen, vor ein paar Tagen machte sich der 63-Jährige mit seiner Frau auf die "Rückreise". Die 3200 Kilometer bis nach Minden will das Ehepaar in insgesamt elf Jahren zurücklegen: Jedes Jahr ungefähr 300. So ein Wandertag ist bei den Bloechs in feste rituelle Rhythmen eingeteilt: Die erste Stunde am Morgen darf geredet werden. "Wir erzählen uns, wie wir den vergangenen Tag empfanden, wie der Abend in der Herberge mit den anderen Gästen war, danach schweigen wir." Erst am Abend wird wieder gesprochen. Das Handy im Rucksack bleibt ausgeschaltet und soll nur für den Notfall dienen. Ihren Kindern haben die Bloechs feste Telefonzeiten mitgeteilt, an denen sie für sie zu sprechen sind.

Der Weg hat eine symbolische Dimension

Auch Falk und Elisabeth Bloech sind keine gläubigen Katholiken. Sie engagieren sich zuhause in der evangelischen Kirche und halten Meditationssitzungen und Feldenkrais-Kurse. Gemeinsam ein Stück Weg zu gehen hat für sie immer auch eine symbolische Dimension. Sich umschauen, zurückschauen, ein Ziel ins Auge fassen, sich nicht aus den Augen verlieren - wenn die Bloechs über das Wandern reden, fühlt man sich fast wie in einer Therapiesitzung. "Jo mei", sagt Hans dazu. Dem Bayer aus Schönberg bei Oberammergau ist der neue Jakobs-Kult eher ein Graus. Schnellen Schritts hat sich Hans Bertl von Santigao aus in Richtung Süden auf den "Portugiesischen Weg" gemacht. An Ostern will er Fátima erreichen, den 400 Kilometer entfernten Marien-Wallfahrtsort in Portugal. "Dass der Sarg mit dem heiligen Jakob auf einem Schiff in der Nähe von Santiago gestrandet sein soll, ist eine Legende. Aber dass Maria in Fátima erschienen ist, ist die Wahrheit." Hans Bertl, 52, ist tiefgläubiger Katholik und Marienverehrer. Von Lourdes über Santiago nach Fátima - seine Wegstrecke hat Maria bestimmt, und was die anderen Pilger in den Weg alles hinein heimsen, interessiert ihn wenig. 10 Kilo Gepäck trägt er auf dem Rücken und Entschlossenheit im Blick. Mit Entfernungen kennt er sich aus als Busfahrer im Regionalverkehr. Heute will er noch bis Padrón, seiner ersten Übernachtungsstelle hinter Santiago auf dem langen Weg. Überstunden und den Jahresurlaub hat Hans Bertl für diese Pilgerreise genommen. Nur, dass er außer bayerisch und deutsch keine weitere Fremdsprache spricht, macht ihm ein wenig Sorgen.

Bet-Reihenfolge nach der Sympathie

Gelbe Muscheln als Wegzeichen weisen Bertl den Weg nach Süden. Fast wie in Trance hat sich der große Mann nach ein paar Stunden Weges in einen Rhythmus gefunden, der ihn wie von alleine weiter trägt. Stumm bewegen sich seine Lippen: Er betet den Rosenkranz, damit die Zeit schneller vergeht. Erst betet er ihn für diejenigen, die er gut leiden kann, dann für die weniger Sympathischen. "Und am Ende bete ich für all diejenigen, die ich überhaupts nicht leiden kann." Maren hat nach ihrer Ankunft in Santiago noch einen Auftrag zu erfüllen. Noch einmal 90 Kilometer entfernt liegt auf einem Felssporn an der Atlantikküste das Fischerdörfchen Finisterre, übersetzt: das "Ende der Welt". Es ist das Abschlussziel jeder Pilgerfahrt. Manche verbrennen auf einer Feuerstelle oben auf den Felsen ihre alten Wandersocken oder ihr durch geschwitztes T-Shirt. Maren will ihre Muschel von den Klippen ins Meer werfen, verbunden mit einem Wunsch, den sie nicht nennen will. Sie klettert über einen schmalen Pfad den steilen Hang zum Meer hinunter, holt aus und wirft die Muschel in hohem Bogen in den aufgewühlten Atlantik: "Buen camino" - gute Reise, ruft sie hinterher.


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