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Proteste gegen das System: Ein böses Erwachen: Wofür die Menschen in Chile (immer noch) auf die Straße gehen

"Chile despertó", Chile ist aufgewacht – so lautet der Schlachtruf der Demonstranten. Seit zwei Wochen gehen tausende Chilenen auf die Straße und protestieren gegen das System. Eindrücke aus einem Land, in dem die Menschen in ihren Ansichten vereint sind.

Chile: Schwere Ausschreitungen in Santiago – Polizisten von Brandsatz getroffen

Seit mehr als zwei Wochen steht Chile, dieses so schmale Land Im Südwesten Südamerikas, nun schon im Mittelpunkt der Welt. Nicht weil es den Klima-Gipfel ausrichten sollte – den es canceln musste. Auch nicht, weil es Donald Trump und Xi Jinping zum Asien-Pazifik-Gipfel empfangen wollte – der auch gecancelt wurde.

Eher weil das Land gerade alles cancelt. Weil das Land Kopf steht. Oder wie es die Chilenen selber sagen: Weil das Land endlich aufwacht. Das ist derzeit der Schlachtruf: "Chile despertó." Chile ist aufgewacht.

Überall im Land zeigt sich das gleiche Bild, auch noch zwei Wochen nach Beginn der Proteste. Ob in der Hauptstadt Santiago oder der Kleinstadt Los Angeles, ob auf den blockierten Autobahnen oder an der Küste in Valdivia, der Stadt deutscher Auswanderer: Die Menschen gehen weiter auf die Straße, jeden Tag finden Demos statt, selbst in kleinen Orten. Die Gebäude sind mit bunten Parolen beschmiert, sie reichen von "Piñera=Pinochet" über "Wir sind nicht im Krieg" bis hin zu "Nicht Wut zu haben, ist ein Privileg".

Viele Schaufensterscheiben sind zerstört, viele Supermärkte wurden geplündert. Die Restaurants schützen ihre Fenster mit Sperrholzplatten und mit Schildern, auf denen steht: "Wir sind ein lokales Business, zerstört uns nicht" oder gleich selbst mit Parolen auf der Speisekarte: "Eine Regierung, die das Volk nicht respektiert, kann nicht erwarten, dass das Volk Respekt zeigt."

Mehrere tausend Festnahmen gab es bisher, offiziell 23 Tote, mehrere hundert Verletzte, die Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten ist im Land unterwegs und hat gezählt, dass mehr als 100 zumeist junge Demonstranten ihr Augenlicht verloren haben infolge der Gummigeschosse der Polizei.

Die Chilenen sind vereint, links wie rechts, jung und alt

Ungewöhnlich ist nicht nur, dass die Revolte im ganzen Land stattfindet. Und nicht nur, dass sie auch nach zwei Wochen noch anhält. Ungewöhnlich ist, dass selbst Ministerwechsel und hastig zusammen gestellte Reformpakete an der Wut der Menschen nichts ändern. Und noch ungewöhnlicher – in Zeiten, da die Bevölkerung sonst oft polarisiert ist: Die Chilenen sind vereint, links wie rechts, jung und alt, wie man in dutzenden Gesprächen im Land feststellen kann. Vereint in der Analyse: Die soziale Ungerechtigkeit ist nicht mehr zu ertragen. Der Kapitalismus stößt an seine Grenzen. Das System funktioniert nicht.

Selbst der Vandalismus wird nicht von allen verurteilt. Er ist, so argumentieren die meisten Leute, Ausdruck der Wut des ganzen Volkes. Wenn die Politik das Volk derart hintergeht, kann sie nicht mit gesitteten Demos rechnen.

Wer in diesen Tagen durchs Land fährt und mit den Leuten spricht, hört überall Ähnliches: Rentner können mit 200 Dollar pro Monat nicht überleben, rechnet eine pensionierte Verkäuferin in dem kleinen Ort Ercilla im Süden vor. Sie ist von den Zuwendungen ihrer Kinder abhängig.

Die Löhne reichen nicht für Einkäufe, dokumentiert ein Familienvater im Supermarkt in der Stadt Los Angeles in der Landesmitte. Er verdient monatlich 600 Dollar als Lastwagenfahrer, aber Milch ist teurer als in Deutschland, selbst die Äpfel, Birnen und Trauben, die Chile nach Europa exportiert, kosten im eigenen Land mehr.

Alles in Chile ist privatisiert, selbst das Wasser, beschwert sich ein Hostelbetreiber in der Küstenstadt Valdivia, was sich entsprechend auf die Preise niederschlägt. "Denn dem Unternehmen geht es um Profit, nicht um die Versorgung der Menschen", sagt er. Auch große Teile des Bildungssystem seien privatisiert "und profitieren tun nur ganz wenige, die Chefs der Forstbetriebe, die Großgrundbesitzer, die Inhaber großer Unternehmen, die gleichzeitig keine oder kaum Steuern zahlen".

In Chile ist der Kapitalismus außer Rand und Band geraten

Für viele Soziologen und Politologen, die sich derzeit zur Krise äußern, ist das die Botschaft der Chilenen an die Welt: Wenn das System nicht mehr funktioniert, wenn einige wenige Reiche den großen Rest so offenkundig abzocken, ohne dass der Staat eingreift, wird das Volk aufstehen. Wer hart arbeitet und seinen Anteil für die Gesellschaft leistet, muss überleben können. Der Staat muss eine Grundsicherung für alle anstreben – in Fragen der Bildung, Gesundheit, des Wohnens, des öffentlichen Transports – sonst wird der Überlebensstress für die Menschen unerträglich. In Chile ist der Kapitalismus außer Rand und Band geraten.     

Für einige Ökonomen galt Chile stets als Musterland, der Traum von Milton Friedman und Friedrich Hayek, das Labor für einen Neoliberalismus härtester Ausprägung. Chile war eine Fortsetzung der USA im Kleinen, mit einer Verfassung aus Zeiten der Diktatur von Pinochet, mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik ebenfalls noch aus der Diktatur, die das Großkapital hofiert und flächendeckende Privatisierungen ohne Restriktionen erlaubt.

Lange rechnete sich das Modell, weil es genug Jobs gab, doch nun reichen die Löhne nicht zum Überleben, die Renten nicht mal für die Miete, das Gesundheitssystem ist ineffizient und bevorzugt die Reichen, das Bildungswesen eine Ursache des Klassensystems.

Eine Entfremdung von Politik und Wähler

Wie weit sich die politische Klasse vom Volk entfernt hat, merkt man in diesen Tagen. Präsident Piñera, ein Multimillionär, der sich ausschließlich in der Sphäre der Ultrareichen bewegt, läuft wie kopflos herum, fast panisch, als verstünde er sein Land nicht mehr. Seine Frau Cecilia Morel sagte weltfremd gegenüber einer Freundin: "Wir werden gerade überrollt wie bei einer Invasion aus dem Ausland. Wir werden wohl unsere Privilegien abbauen müssen und mehr mit anderen teilen." Sein Wirtschaftsminister empfahl, dass die Armen, die sich die Preiserhöhung der Metro zu Stoßzeiten nicht leisten können, doch bitteschön früher aufstehen sollen.

Es ist ein auch von ihnen, den Multimillionären, angerichtete Katastrophe, gesteuert von ganz oben, mit Verachtung für das breite Volk wie zur Zeit des Feudalismus.

Wie geht es weiter? Am Montagabend zogen wieder Massen durch Santiago und Valparaiso. Die Straßenschlachten gehen in die dritte Woche. Einige Unis schlossen für das ganze Semester. Supermärkte standen wieder in Flammen. Die Wut ist da wie am ersten Tag.

Einig sind sie sich die meisten Chilenen in einem: Alles muss neu werden. Mit ein paar Reförmchen lassen sich nicht abfinden. Und der Rest der Welt möge genau hinschauen, um zu lernen, was passiert, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, wenn eine kleine Elite, nicht mal fünf Prozent, das Land auf Kosten der anderen 95 Prozent ausraubt.

fs