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Analyse

Schwere Unruhen: Südamerikas (fragiles) Vorzeigeland geht in Flammen auf - das passiert gerade in Chile

Bei den anhaltenden Protesten in ganz Chile sind bereits mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Was hinter den sozialen Unruhen in dem Land, das eigentlich als Vorzeige-Staat Südamerikas gilt, steckt.


Ausnahmezustand in Chile: Gewalttätige Unruhen in rund 70 Städten

Solche Szenen gab es in Chile seit der berüchtigten Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet (1973 bis 1990) nicht mehr: Panzer auf den Plätzen. 10.000 Soldaten in den Straßen. Mehr als 1500 Festnahmen von Protestierenden und Vandalen. Die Regierung ruft den Ausnahmezustand aus. Die Bewohner dürfen nach 19 Uhr ihre Häuser nicht mehr verlassen, nicht nur in der Hauptstadt Santiago, sondern auch nicht in den anderen großen Städten des Landes. Öffentliche Gebäude stehen in Flammen, Busse und Metrostationen sowieso, Supermärkte werden geplündert.

Und all das wegen einer Erhöhung der U-Bahn-Fahrpreise von umgerechnet vier Cent?

Was ist los in Chile?

Das Land galt in Lateinamerika lange Zeit als Symbol des Aufstiegs, der Stabilität, der wirtschaftlichen Prosperität, gerade wenn in den Nachbarländern Chaos herrscht – in Argentinien, Brasilien, Peru. Ein Land der Mittelklasse – eine Seltenheit.

Die Erhöhung der Fahrpreise aber war nur die Spitze des Eisbergs. Sie trieb vor allem Studenten auf die Straßen und zu "evasiones masivas", einer Art kollektiven Schwarzfahrens – und dann zu einer Reihe von Gewaltaktionen, zunächst zum Zerstören von Fahrkartenautomaten, dann auch von ganzen Metrostationen. Zu Grunde liegen den Tumulten eine Reihe von Preiserhöhungen, die vor allem armen Menschen das Überleben schwer machen. Die Preise für den öffentlichen Verkehr in Chile gehören zu den höchsten in Lateinamerika, sie betragen bis zu 1,10 Euro pro Fahrt. Ein Arbeiter muss bis zu 30 Prozent seines Gehalts nur für den Transport zahlen, während eine wohlhabende Person in Chile gerade mal zwei Prozent dafür aufbringen muss.

Hinzu kommen Preiserhöhungen für Strom, Gas, Wasser, Lebensmittel, eine Krise im Gesundheitswesen und in der Rentenpolitik und fehlende Mittel für Schulen und Universitäten. "In dieser Gesamtsituation haben die Menschen die Hoffnung verloren, dass es besser wird – was das Versprechen der Regierung von Sebastián Piñera war", analysiert Professor Cristóbal Bellolio von der Universität Adolfo Ibañez. "Im Gegenteil, sie denken, die Zeiten sind schlechter geworden."

Der bange Blick auf die Nachbarschaft 

Im Nachbarland Argentinien konnten Chilenen beobachten, dass die starken Preissteigerungen und die folgende Unzufriedenheit dazu führten, dass die Regierung von Präsident Mauricio Macri komplett das Vertrauen seines Volkes verlor. In der kommenden Woche wird Macris konservative Regierung mit großer Wahrscheinlichkeit abgewählt. In Ecuador sahen sie, dass gewalttätige Proteste des Volkes durchaus Erfolg haben: Die Regierung dort musste vor zwei Wochen die Preiserhöhungen für Benzin zurücknehmen.

Auch Chiles konservativer Präsident Piñera beugte sich jetzt dem Druck der Straße: "Ich nehme in Demut die Stimme des Volkes zur Kenntnis", sagte er und nahm die Erhöhungen zurück, fügte aber drohend hinzu: "Wir befinden uns im Krieg mit einem mächtigen Feind. Dies ist ein Problem zwischen denen, die Freiheit und Demokratie wollen und in Frieden leben – und jenen, die dieses Land zerstören wollen. Diese Schlacht werden wir gewinnen."

Daraufhin gingen die Proteste und Ausschreitungen in der Nacht weiter. Mindestens zehn Menschen sind bisher gestorben.

In Chile wächst die Ungleichheit

Die tiefere Ursache der Proteste ist die wachsende Ungleichheit im Land. Den unteren 50 Prozent der Bevölkerung gehören nach Berechnungen der Kommission Cepal gerade mal 2,1 Prozent des Landes. Zwar schafften statistisch gesehen in den letzten 15 Jahren viele Menschen den Sprung in die Mittelklasse, doch handelt es sich dabei um eine sehr prekär lebende Mittelklasse mit hohen Schulden, geringer Rente, Niedriglöhnen. "Es gibt weniger Armut, aber es ist kein Mysterium, dass Chile ein Land der Ungleichheit ist", sagt Professor Bellolio. "Der Eindruck herrscht vor, dass die Reichen über alle Werkzeuge verfügen, um Regeln zu brechen, während die Situation jener, die es geschafft haben, der Armut zu entkommen, immer noch sehr fragil ist.

Die Schuld gibt Bellolio teilweise der Regierung, deren erste Reaktionen auf die Preissteigerungen als kaltherzig und technokratisch gesehen wurde. Minister verwiesen etwa darauf, dass arme Menschen doch vor 7 Uhr zur Arbeit fahren sollen, wenn die Metropreise noch nicht den Höchststand erreichen. Die Protestierenden rückten sie von Anfang an in die Nähe von Verbrechern. Aber auch die linke Opposition kritisiert Bellolio. Sie habe einen großen Fehler gemacht und die Gewalt schöngeredet.

Wie es jetzt in Chile weitergeht? Flüge wurden gestrichen, Straßen gesperrt, der Schulunterricht wurde für Montag und zum Teil auch Dienstag ausgesetzt. Die Erfahrung aus Ecuador lehrt: Sobald die Regierung den Forderungen der Menschen nachkommt, ebbt die Welle der Proteste bald ab. Doch die Wunden sind in der ganzen Hauptstadt zu sehen. Und der abrupte Ausbruch der Gewalt hat dem Land einen schweren Schock verpasst und die Menschen vor die bange Frage gestellt: Wer sind wir eigentlich?