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Gewissensentscheidung im Bundestag: Abgeordnete lassen Gentests an Embryonen zu

Der Bundestag hat über die Präimplantationsdiagnostik entschieden: Paare dürfen das Erbgut künstlich erzeugter Embryonen in Deutschland testen lassen. Die Fragen, über die die Abgeordneten zu entscheiden hatten, berühren tiefste Überzeugungen.

Dürfen Eltern, für deren Kinder ein hohes Risiko schwerer Erbkrankheiten besteht, künstlich befruchtete Eizellen auf Gendefekte untersuchen lassen? Dürfen sie dann gesunde Embryos zur Einpflanzung in die Gebärmutter auswählen - und genetisch belastete Embryos vernichten lassen? Der Bundestag beschloss nach gefühlsgeladener Debatte eine begrenzte Zulassung der so genannten Präimplantationsdiagnostik (PID). Die Argumente der Gegner, die vor einer Selektion von Embryos und einer Diskriminierung von Behinderten warnten, fanden keine Mehrheit.

Der Beschluss erlaubt das PID-Verfahren für jene Eltern, die eine Veranlagung zu einer schwerwiegenden Erbkrankheit haben oder denen eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Die PID soll auch dann erlaubt sein, wenn beim Kind eine genetisch bedingte Krankheit erst später im Leben auftreten kann. Die Regelung sieht eine Pflichtberatung und eine Einzelfallprüfung durch eine Ethikkommission vor. Der Entwurf setzte sich gegen zwei weitere Vorlagen durch, die ein PID-Verbot beziehungsweise eine Zulassung in engeren Grenzen vorsahen.

Es waren zum Teil sehr persönliche Worte, die in der vierstündigen Debatte im Bundestagsplenum fielen. Die CDU-Abgeordnete Maria Michalk sprach von ihren Fehlgeburten, Karin Evers-Meyer (SPD) von ihrem schwer behinderten Sohn, SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles von ihrem "lange Zeit unerfüllten Kinderwunsch". Aus ihren Erfahrungen ziehen die Frauen unterschiedliche Schlüsse: Nahles und Michalk argumentieren für ein PID-Verbot, Evers-Meyer für eine begrenzte Zulassung.

Die Debatte im Bundestag war ein Ausnahmefall. Die Fraktionen hatten ihren Mitgliedern das Stimmverhalten freigestellt. Es gehe um eine "Gewissensfrage", sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Im Kern der Debatte stand eine schwierige Abwägung zwischen der Hilfe für verzweifelte Paare, die sich ein Kind wünschen, und dem Schutz des Lebens, auch wenn es nicht der genetischen Norm entsprechen sollte.

Bundestagsvize Wolfgang Thierse (SPD) sprach sich für ein komplettes PID-Verbot aus. Er kritisierte, die PID ermögliche "Selektion" und eine "Qualitätsüberprüfung menschlichen Lebens". Der CSU-Abgeordnete Wolfgang Zöller kritisierte, die PID könne das makellose "Musterbaby" zum Ideal machen. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) warnte vor "brutalen Konsequenzen", der Grünen-Abgeordnete Harald Terpes sah einen "Grundwerteumsturz".

Katrin Göring-Eckardt von den Grünen warnte vor gesellschaftlichem Druck auf Frauen, die sich für ein behindertes Kind entscheiden. Der Linken-Abgeordnete Ilja Seifert, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist, sagte, Behinderte hätten bei einer PID-Zulassung Angst, "per Gesetz als nicht nötig und vermeidbar zu erscheinen". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich für ein Verbot ausgesprochen, ergriff in der Debatte aber nicht das Wort.

Die Befürworter einer Zulassung stellten diesen Warnungen das Leid von Eltern entgegen, deren Kinderwunsch die Sorge vor Totgeburt oder Krankheit entgegensteht. Es sei nicht richtig, "eine befruchtete Eizelle in der Petrischale höher zu bewerten als eine Frau in einer Konfliktsituation", sagte der CDU-Abgeordnete Peter Hintze. Ministerin von der Leyen will Frauen Wissen über mögliche Probleme mit dem Embryo vermitteln, "dann können wir das spätere Leid in einer Schwangerschaft ersparen".

Die FDP-Politikerin Ulrike Flach argumentierte, die PID könne betroffenen Paaren "die Entscheidung für ein Kind erleichtern". Der Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag entrüstete sich über die Gegenargumente: "Allein wegen der Assoziation mit der dunkelsten Vergangenheit Deutschlands verbietet es sich, den Frauen zu unterstellen, ihnen gehe es um Selektion."

Peter Wütherich, AFP / AFP

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