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Hartnäckiges Missverständnis Nach Kimmich-Aussagen: Immunologe erklärt, warum es Impf-Langzeitfolgen gar nicht gibt

Bayern-Profi Joshua Kimmich hat mit seinen Aussagen zur Corona-Impfung eine hitzige Debatte entfacht.
Bayern-Profi Joshua Kimmich hat mit seinen Aussagen zur Corona-Impfung eine hitzige Debatte entfacht.
© Tom Weller / DPA
Bayern-Profi Joshua Kimmich ist nicht gegen das Coronavirus geimpft. Er will Langzeitstudien abwarten. Ein Argument, das auch viele Impfskeptiker bemühen. Allerdings hinkt es. Immunologe Carsten Watzl erklärt, warum.

Fußballprofi Joshua Kimmich hat sich noch nicht gegen das Coronavirus impfen lassen. Das ist seit Samstag bekannt. Dafür wird der Bayern-Star nun heftig kritisiert. Grund dafür sind vor allem die Gründe, die Kimmich anführte. Er habe, sagte er bei "Sky", "persönlich noch ein paar Bedenken, gerade was fehlende Langzeitstudien angeht". Eine Argumentation, mit der Kimmich bei weitem nicht allein steht, die allerdings hinkt. Sie basiert auf einem, wie es der Immunologe Carsten Watzl gegenüber der Deutschen Presse-Agentur ausdrückte, "Missverständnis, das sich bei vielen Menschen hartnäckig hält". Worin das Missverständnis liegt, hat er in einem umfassenden Twitter-Thread noch einmal herausgearbeitet.

Unter Langzeitfolgen verstünden viele Menschen Nebenwirkungen, die erst viele Monate oder Jahre nach einer Impfung auftreten, schreibt er. Folgen also, die jetzt noch nicht absehbar sind, da die Impfstoffe, so die Argumentation, in rasender Geschwindigkeit entwickelt und auch zugelassen wurden. "Aber das ist falsch!", schreibt Watzl. Sogenannte Langzeitfolgen bei Impfungen seien eben nicht gesundheitliche Folgen, die erst Monate oder Jahre nach der Impfung das erste Mal in Erscheinung treten. Es handele sich dabei um seltene Nebenwirkungen, die innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auftreten. Häufig aber würden diese erst nach längerer Zeit mit der Impfung in Zusammenhang gebracht. Bereits am Sonntag sagte er zur "DPA" bezüglich der Angst vor vermeintlichen Impf-Langzeitfolgen: "Das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten".

Watzl: "Wir kennen die Langzeitfolgen"

Richtig ist, dass die Impfung eine Immunreaktion erzeugt. Diese dauert wenige Wochen. In seltenen Fällen kommt es in diesen Zeitraum zu Nebenwirkungen – danach nicht mehr. Denn nach diesen Wochen ist der Impfstoff, erklärt Watzl, "aus dem Körper verschwunden". Auch richtig ist aber, dass in der Vergangenheit bestimmte Impf-Nebenwirkungen erst mit Verzug festgestellt wurden – und dann entsprechend für Furore sorgten.

Da wären beispielsweise die Fälle von Narkolepsie nach der Impfung gegen die Schweinegrippe. Eine Nebenwirkung, die zwar innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auftrat, aber eben erst sehr viel später einem Grippeimpfstoff zugeordnet werden konnte. Warum? Weil es sich um seltene Ereignisse handelt. Anders ausgedrückt: Es muss eine bestimmte Menge an Impfungen durchgeführt werden, damit solche seltenen Nebenwirkungen überhaupt auftreten. 

Im Fall der Corona-Impfung ist die Lage aber eine andere. Weltweit wurden bereits mehr als sechs Milliarden Impfungen durchgeführt, allein in Deutschland wurden bisher mehr als 100 Millionen Dosen verimpft – und das in relativ kurzer Zeit. Der Vorteil dieser Ausnahmesituation ist, dass dadurch "auch die seltensten Nebenwirkungen" rasch erkannt würden, ordnet der Immunologe ein. Und geht sogar in seiner Einschätzung noch einen Schritt weiter. Er sagt: "Wir kennen die Langzeitfolgen!"

Viele Covid-Impfungen, viel Wissen über Nebenwirkungen

Dazu gehören unter anderem die seltenen Fälle von Sinusvenenthrombosen aber auch Herzmuskelentzündungen. Letztere trete recht häufig gerade bei männlichen Kindern und Jugendlichen auch ohne Impfung auf. Würden in dieser Gruppe jährlich nur eine Million Impfungen durchgeführt, hätte es, so Watzl, Jahre gedauert, bis die Myokarditis als eine Impf-Nebenwirkung erkannt worden wäre. "Wenn überhaupt sind die Covid-19 Impfstoffe in Bezug auf Langzeitfolgen (seltene Nebenwirkungen) also bereits besser erforscht als andere Impfungen", so Watzl.

Thomas Mertens, der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), sagte der "DPA": "Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar." Das gelte aber nicht nur für jeden anderen Impfstoff auch, der neu angewendet werde, sondern auch für jedes neue Medikament, sagte er. Allerdings führte er aus, dass es, wenn ein Impfstoff zur Verwendung an Menschen freigegeben wird, begleitende Studien gebe, die genau untersuchten, ob es bei der Anwendung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen könne. 

"Neben den Zulassungsstudien wissen wir aus den begleitenden Studien, dass es nur zu einigen Nebenwirkungen gekommen ist, die alle recht kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten sind", sagte er und folgte damit den Ausführungen Watzls. Spät auftretende Nebenwirkungen, darin sei sich die Wissenschaft einig, kämen nicht vor, beziehungsweise seien "eine extrem seltene Rarität bei einzelnen Impfstoffen" gewesen. Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen werden zudem auf verschiedenen Wegen gesammelt und ausgewertet, unter anderem vom Paul-Ehrlich-Institut. (Wie das abläuft, können sie hier noch einmal nachlesen)

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Lauterbach: "Keine Langzeitfolgen nach Impfungen"

"Worauf, wollen Leute, die Langzeitstudien abwarten wollen, also noch warten?", fragt Watzl. "Auf eine noch seltenere Nebenwirkung, die nur bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bei einem in 1 Mio Geimpften auftritt?" So etwas könne man nie ausschließen. Etwas anderes aber hingegen laut Watzl schon: Dass jetzt noch eine häufige Nebenwirkung auftritt, die erst in einem Jahr erkannt werde, das sei ausgeschlossen. "Die Geimpften werden nicht nächstes Jahr alle unfruchtbar und bekommen alle Krebs", schließt er seine Argumentation. Dagegen kenne man die  sogenannten Langzeitfolgen von Covid-19 recht gut. 

So ordnen das auch andere Experten ein. "Die Wahrscheinlichkeit, dass unerwartete Langzeitfolgen auftreten, ist extrem gering, fast nichtig", sagte der Kardiologe Jonas Zacher von der Deutschen Sporthochschule Köln dem TV-Sender Sky. Er sprach von einer "ganz klaren Empfehlung": "Das Risiko durch eine Impfung ist viel geringer als das Risiko durch eine Covid-19-Infektion." Gesundheitsexperte Karl Lauterbach teilte Watzls Einordnung auf Twitter. Der Thread erkläre sehr gut, weshalb es bei Impfungen, auch gegen Covid-19, keine Langzeitfolgen gebe, die man erst spät erkennen würde. Das sei wichtig, weil viele Impfzögerer wie Joshua Kimmich genau davor Angst hätten. "Covid macht Langzeitschäden, die Impfungen nicht."

tpo

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