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Mund-Nasen-Schutz Die Maskenpflicht könnte zum Fiasko werden. Warum jetzt eine Aufklärungskampagne nötig ist

Passantin mit Mund-Nasenschutz blickt an der Berliner U-Bahnhaltestelle Alexanderplatz in die Kamera
Seit Montag gilt im öffentlichen Nahverkehr zur Eindämmung des Coronavirus die Pflicht für das Tragen einer Bedeckung von Mund und Nase (Symbolbild)
© Kay Nietfeld/DPA
Der Weltärztebund-Vorstandsvorsitzende Frank-Ulrich Montgomery hält den Stoffmasken-Zwang für "wissenschaftlichen Unfug". Er spricht wunde Punkte an. Aber seine Kritik ist gerade jetzt gefährlich.

Endlich ist sie da, die bundesweite Maskenpflicht. Lange haben sich Politiker und Behörden, allen voran das Robert Koch-Institut, dagegen gesträubt, anzuerkennen, dass sogar einfachste Stoffmasken uns schützen können. Natürlich nur, wenn jeder sie trägt. Und nur, wenn man es richtig macht. Doch die Maskenpflicht beginnt, nun ja, sehr holprig. Wir müssen aufpassen, dass es keine Bruchlandung wird.

Da gibt es prominente Skeptiker, die jetzt Zweifel säen, dass sie überhaupt Sinn ergibt. Einer von ihnen ist leider einer der bekanntesten Ärzte Deutschlands, Frank Ulrich Montgomery. Er war lange Jahre Präsident der Bundesärztekammer, jetzt fungiert er als Vorstandsvorsitzender des Weltärztebunds. Er bezeichnet die Maskenpflicht als "wissenschaftlichen Unfug". Schals, Tücher oder "irgendeinen Lappen vor dem Gesicht" könnten durch die Ansammlung von Viren im Stoff sogar gefährlich werden, sagt er - oder dadurch, dass sie unsachgemäß abgelegt oder aufgesetzt würden.

Von der komplexen Maskenwissenschaft versteht Montgomery wenig

Nun muss man wissen, Montgomery ist zwar Radiologe und Berufspolitiker, aber von der komplexen Maskenwissenschaft, für die es nur wenige Experten gibt, versteht er wenig. Er sollte einfach aufhören mit diesem Unfug. Es ist gefährlich, gerade jetzt dort Zweifel zu säen, wo mühsam über Monate ein Kompromiss erzielt wurde. Er hat ein Heer von Wissenschaftlern gegen sich, die die Studienlage gesichtet und lange diskutiert haben. Zum Beispiel das Robert Koch Institut, die Nationale Akademie der Wisseschaften Leopoldina, oder in den USA die Seuchenschutz-Behörde CDC. Klar, die Studienlage ist nicht gut, doch es ist einfach plausibel, dass Masken schützen.

Und offenbar tut es sogar schon "irgendein Lappen", genaugenommen ein feuchter Waschlappen. Den verwendeten Forscher kürzlich für ein beeindruckendes Experiment, das sie mit einem i-phone-Video festhielten und im weltweit angesehenen New England Journal of Medicine veröffentlichten. Das Setting: Eine Versuchsperson sagt "Stay Healthy" (Bleib gesund) in verschiedenen Lautstärken, einmal mit und einmal ohne feuchten Lappen vor dem Mund. Ohne versprüht sie zahlreiche Tröpfchen in die Umgebungsluft, die die gefährlichen Coronaviren übertragen können. Mit Lappen hingegen fast keine. Das versteht jeder, das sieht jeder. Keine Ahnung, was Montgomery denkt, wenn er sich das Video anschaut, er kennt es sicherlich. Dass er seine Autorität und Bekanntheit nutzt, um die Masken schlecht zu reden, finde ich aus ethischer Sicht bedenklich. Wenn solche Argumente um sich greifen, werden bald viele die Pflicht nicht mehr ernstnehmen, sie zu tragen.

Montgomery geht es aber auch um etwas anderes, nämlich das Versagen der Politiker und Behörden: "Die Politik weiß seit drei Monaten, dass wir dieses Problem haben und hat es nicht geschafft, FFP2-Masken in Deutschland produzieren zu lassen oder zu importieren", sagte er gestern im Tagesspiegel. Da hat er leider recht. Noch schlimmer: Politiker und Behörden haben ihr Versagen kaschiert, indem sie anfangs behauptet haben, Maskentragen in U-Bahnen oder beim Einkaufen sei überflüssig. Damit wollten sie auch erreichen, dass verängstigte Bürgerinnen und Bürger nicht denen die Masken wegschnappen, die sie dringender brauchen – Pflegekräfte, Ärzte, alle anderen medizinischen Berufsgruppen. Doch mittlerweile haben sie sich ja eines Besseren besonnen.

Medizinisches Fachpersonal wird im Handling extra geschult

Nur über eines haben sie nicht so richtig nachgedacht, und auch hier hat Montgomery leider recht. Das Tragen von Masken will gelernt sein, beim An- und Ablegen können Fehler gemacht werden, wie unser kurzes Video zeigt. Wer es falsch macht oder beim Einkaufen ständig am Tuch vor dem Mund herumfummelt, riskiert, sich das Virus zu holen. Medizinisches Fachpersonal wird deshalb im Handling extra geschult.

Für die Bevölkerung aber scheint das nicht so wichtig zu sein. Es reicht offenbar, die Maskenpflicht und Bußgelder bei Nichtbefolgung zu verkünden. Wer sich weiter informieren will, soll doch googeln, mit etwas Glück stößt er vielleicht auf die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, wo sich Infos verstecken. Machen viele natürlich nicht. Hier wären die Behörden in der Bringschuld. Es hätte einer Aufklärungskampagne bedurft. Vielleicht haben wir trotzdem Glück, und die Anwendungsfehler fallen in der Masse gar nicht so sehr ins Gewicht. In Jena, wo die Maskenpflicht Anfang April eingeführt wurde, gibt es kaum mehr Neuinfektionen, seit alle Masken tragen. Könnte ja sein, dass das zusammenhängt.

Mit der falschen Maske gefährdet man andere

Noch einen Fehler kann man begehen, nämlich die falsche Maske aufzusetzen. In München sehe ich derzeit immer noch viele mit FFP3-Masken herumlaufen, die ein Ventil haben. Die sind sinnvoll für Ärzte, die nah an Covid-Patienten hantieren, sie zum Beispiel intubieren oder eine Bronchoskopie machen. In der Öffentlichkeit getragen aber können solche Masken sogar gefährlich für andere werden. Wer hustet, niest und schnupft und sich im Irrglauben wähnt, mit so einer Maske seine Angehörigen und Freunde zu schützen, sei eines besseren belehrt: Er gefährdet sie. Denn solche Masken schützen nur den Träger selbst, über das Ventil gelangen alle Viren ungefiltert nach draußen. Also bitte FFP3-Masken mit Ventil dem Hausarzt spenden. Und die FFP2-Masken ohne Ventil gleich mit – die nämlich schützen beide, den Virusträger und seine Umgebung. Sie fehlen derzeit immer noch überall in den Praxen, Krankenhäusern, vor allem auch in Altenheimen.

Montgomery legt laut eigener Aussage so eine FFP2-Maske an, wenn er einkaufen geht. Manche würden  das in Zeiten des Mangels schon als egoistisch bezeichnen. Doch soll er. Im Alter von 67 Jahren gehört auch er schon zu den Risikogruppen, bei denen Covid-19 schwerer verlaufen könnte.


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