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Ideale Bedingungen Darum sind Schlachthöfe so stark von Corona betroffen

Bei Schlachtbetrieben häufen sich aktuell die Corona-Meldungen (Symbolbild)
Bei Schlachtbetrieben häufen sich aktuell die Corona-Meldungen (Symbolbild)
© Mustafa Ciftci/ / Picture Alliance
In Schlachthöfen sind die Ansteckungen mit Corona stark gestiegen und das weltweit. Forscher versuchten nun die Gründe zu finden - und stießen auf ideale Bedingungen für den Virus.

Es war eine erschreckende Nachricht: Über 300 Mitarbeiter eines Schlachthofs von Müller Fleisch sollen sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Doch der Schlachthof ist nicht der einzige. In ganz Deutschland mehren sich die Fälle von Schlachtern, die sich mit dem Virus angesteckt haben - und auch international berichten Schlachthöfe von Problemen. Forscher versuchen nun die genauen Gründe zu finden. Und vermuten in Schlachthöfen eine ganz besonders fatale Kombination von Bedingungen.

Das Ausmaß des Phänomens überrascht. Mehr als 600 Fälle von infizierten Schlachthofmitarbeitern soll es in Deutschland geben, berichtet der "Spiegel". In Schleswig-Holstein sollen deshalb nun alle Schlachthof-Mitarbeiter getestet werden. In den USA sind es noch deutlich mehr. Laut "Wired" sollen dort mehr als 5000 Arbeiter in 19 Bundesstaaten betroffen sein. In Iowa und South Dakota sollen ein Fünftel aller Arbeiter in Schlachtbetrieben erkrankt sein. Weitere Berichte von Häufungen in der Fleischindustrie findet man demnach aus Brasilien, Spanien, Kanada, Irland, und Australien.

Suche nach Erklärungen

Doch woran liegt das genau? "Wenn es ein, zwei oder drei Betriebe wären, das würde man irgendwie erwarten. Aber diese Ausbrüche sind klar ein globales Phänomen", sagte Nicholas Christakis gegenüber "Wired". Er leitet das Human Nature Lab der etablierten Eliteuniversität Yale. "Für mich ist das ein Beleg, dass es irgendwelche spezifischen Vorgänge in Schlachthöfen gibt, welche die Gefahr für die Beteiligten erhöht, an Covid-19 zu erkranken."

Die genauen Ursachen sind noch nicht klar, es gibt aber Verdachtspunkte. Die US-Gesundheitsbehörde CDC vermutet etwa die schnelle, körperlich anstrengende Arbeit in großer Nähe zu den Kollegen als entscheidenden Faktor. Weil man dabei schwer atmen würde, sei auch der Schutz durch eine Maske oft nicht ausreichend gegeben. Die Behörde empfiehlt daher den Betrieben, die Produktion zu drosseln, um mehr Abstand zwischen den Schlachtern und eine geringere Arbeitslast zu ermöglichen.

Auch die Schlachthäuser selbst stehen im Verdacht, mit ihren spezifischen Bedingungen besonders die Ausbreitung des Virus zu fördern. Sie sind stark gekühlt, Belüftungsanlagen sorgen für eine starke Bewegung der Luft im Raum. "Bei niedrigen Temperaturen kann der Virus länger außerhalb des Körpers überleben", zitiert "Wired" eine Chemie-Ingenieurin, die mit einem speziellen Gerät die Verbreitung von Aerosolen in Schlachthäusern untersucht. "Das erhöht das Ansteckungsrisiko in diesen Anlagen." Sollte sich der Coronavirus über Luft verbreiten - was noch nicht endgültig geklärt ist -, würde es sich in Schlachthöfen mit ihren Belüftungsanlagen rasant im Raum verbreiten können.

Hilfsarbeiter auf engstem Raum

Viel wichtiger könnte aber der sozioökonomische Hintergrund der meisten Mitarbeiter in Schlachthöfen sein. Es ist vor allem eine körperliche, verhältnismäßig niedrig bezahlte Arbeit, die überdurchschnittlich oft von Migranten oder Hilfsarbeitern erledigt wird. Viele Schlachter leben in den USA auf engstem Raum miteinander, fahren teils stundenlang mit dem Bus gemeinsam zur Arbeit - und haben so ein recht hohes Ansteckungsrisiko, berichtet "Wired".

Auch in Deutschland sei das verbreitet, bestätigt der "Spiegel"-Bericht. Vor allem rumänische Hilfsarbeiter hätten sich demnach angesteckt. So wohnten etwa Vertragsarbeiter des Unternehmens Vion in kleinen Zweibettzimmern einer ehemaligen Kaserne zusammen, die eigentlich für Familien gedacht waren. Bei Müller Fleisch sollen bis zu 16 Mitarbeiter in einer heruntergekommenen 117-Quadratmeter-Wohnung gehaust haben. Die seit dem 16. April geltenden Arbeitsschutzregeln würden in kaum eine Unterkunft eingehalten, klagte Katja Mast, SPD-Vizebundestagsvorsitzende, gegenüber dem Magazin.

Butter

Bisher sind die Folgen der Corona-Krise im Schlachtbetrieb hierzulande noch nicht im Supermarkt zu spüren. In den USA sieht das schon anders aus. Zahlreichen Restaurants der Burger-Kette 5 Guys ging nach Angaben von "Wired" bereits das Rindfleisch für die Buletten aus. Auch in Chicago sollen Burgerketten mit fehlendem Nachschub hadern, schreibt die "Welt". Weil nur noch eine halbe Millionen Rinder die Woche geschlachtet würden, befeuert das ausgerechnet die fleischfreie Konkurrenz: Die veganen Burger von Beyond Meat erleben demnach einen noch größeren Boom als schon vor der Krise.

Quellen:Wired, Spiegel, Welt


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