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Omikron in Europa Dänemark will alle Corona-Maßnahmen fallen lassen – auch andere Länder wagen den Schritt

Menschen stehen dicht gedrängt und ohne Maske vor einem Nachtclub in Dänemark
Menschen stehen dicht gedrängt und ohne Maske vor einem Nachtclub in Dänemark. So sah es Anfang September aus, als das Land schon einmal alle Corona-Beschränkungen aufhob. Und so dürfte es dort wohl bald wieder aussehen.
© Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix/AP / DPA
Dänemark will schon kommende Woche alle Corona-Maßnahmen abschaffen – trotz hoher Omikron-Welle. Auch andere Länder gehen diesen Schritt. In Irland etwa sind schon fast alle Regelungen aufgehoben worden.

Dänemark will Freedom Day feiern – schon wieder. Trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 4500 und der Verbreitung einer neuen Omikron-Untervariante will das Land sämtliche Corona-Beschränkungen Anfang kommender Woche streichen. Die dänische Regierung will Corona und Covid-19 nicht mehr als "kritisch für die Gesellschaft" einstufen – und damit auch Masken, Corona-Pass und Schließungen "farvel" sagen. Es wird erwartet, dass Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Mittwoch diesen Schritt verkündet.  

Hintergrund ist eine Empfehlung der Epidemie-Kommission des Landes – vergleichbar mit dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung. Diese hat nun vorgeschlagen, die Einstufung von Covid-19 als "kritische Krankheit" nach ihrem Auslaufen am 5. Februar nicht zu verlängern. Die mit dieser Einstufung verbundenen Corona-Maßnahmen sollen nach dem 31. Januar nicht mehr fortgesetzt werden, empfiehlt die Kommission. Test- und Quarantäne-Regelungen bei Einreise sollen demnach aber noch für vier Wochen weitergeführt werden.

Hohe Infektionszahlen, aber wenig Intensivpatient:innen

Deutschlands nördliches Nachbarland steckt tief in einer Omikron-Welle. Nachdem die Infektionszahlen zunächst zu stagnieren schienen, sind sie erneut wieder gestiegen. Am Dienstag wurden mehr als 46.500 Neuinfektionen in dem 5,8-Millionen-Einwohner-Land gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am Dienstag 4552,8. Das liegt wohl an der Omikron-Untervariante BA.2. Diese ist nach Angaben des staatlichen Gesundheitsinstitutes Statens-Serum-Institut (SSI) mittlerweile für rund die Hälfte aller Fälle verantwortlich. Sie gilt als möglicherweise ansteckender.

Auch die Zahl der Hospitalisierungen ist gestiegen. Aktuell liegt die Zahl der Corona-Patient:innen in den dänischen Kliniken bei 918. Interessant hierbei ist, dass das Statens-Serum-Institut (SSI) auch die Zahl an Patient:innen in psychiatrischen Abteilungen in diese Zahl einfließen lässt. Diese wird mit 222 angegeben. Allerdings geht die Zahl der Patienten:innen auf den Intensivstationen zurück, wie die Zahlen des SSI zeigen.

Das ist auch der Grund, warum man in Dänemark auf Maßnahmen gegen Corona verzichten will. Der Druck auf die Krankenhäuser ist zwar nach wie vor groß. Eine Überlastung drohe aber nicht. Das sieht auch die Epidemie-Kommission so. Die hohen und steigenden Infektionszahlen würden sich "nicht mehr im gleichen Maße wie bisher in Krankenhauseinweisungen" niederschlagen. "Insgesamt zeigt sich seit Anfang Januar eine stabile Entwicklung der Gesamtzahl der Aufnahmen mit positivem PCR-Test auf Sars-CoV-2 und eine rückläufige Zahl der Aufnahmen auf Intensivstationen."

Experten in Dänemark halten Öffnung für verantwortlich

Auch Expert:innen halten es für verantwortlich, alle Corona-Restriktionen abzuschaffen. "Obwohl wir hohe Infektionsraten haben, gibt es nicht viele auf der Intensivstation oder an Beatmungsgeräten. Und unter den älteren Menschen in Pflegeheimen sind nicht viele schwer krank. Gesundheitlich sehe ich keine großen Probleme", sagte Allan Randrup Thomsen, Professor für Virusinfektionen an der Universität Kopenhagen, dem dänischen Rundfunk DR. Er fügte jedoch hinzu, dass die Infektionszahlen zunächst steigen würden und er die Beschränkungen gerne schrittweise auslaufen lassen würde. Es wäre seiner Ansicht nach besser damit zu warten, Diskotheken und Teile des kulturellen Lebens zu öffnen.

Auch Jes Søgaard, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Süddänemark, hält es für kein Problem, die Beschränkungen aufzuheben: "In meinen Ohren klingt es vernünftig, denn seit dem Jahreswechsel hat sich das Bedrohungsbild verändert. Uns wurde mehrfach bestätigt, dass die Morbidität von Omikron viel geringer ist als bei den vorherigen Varianten, daher denke ich, dass die akute Gefahr überwunden ist", sagte er DR.

Eine Rolle spielt in Dänemark dabei auch die hohe Impfquote. Diese liegt bei den zweifach Geimpften bei mehr als 80 Prozent. Die Auffrischungsimpfung haben in Dänemark schon knapp 60 Prozent erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland sind 73,6 Prozent doppelt geimpft und 51,3 geboostert.

Karl Lauterbach äußert sich zu Omikron und der Impfpflicht

Irland hat schon das Leben wieder normalisiert

Ein weiteres europäisches Land, wo eine hohe Impfquote für ein Ende aller Maßnahmen gesorgt hat, ist Irland. Dort wurden bereits am Samstag der größte Teil der im vergangenen Monat eingeführten strikten Beschränkungen wieder aufgehoben. Die Gesundheitslage habe sich deutlich verbessert, sagte Regierungschef Micheal Martin am Freitag zur Begründung. Die Zahl der Neuinfektionen sinke, und auch die anderen Kennzahlen, auf die sich die Entscheidungen seiner Regierung stützten, gingen in die "richtige Richtung": "Wir haben den Omikron-Sturm überstanden."

Für den Besuch von Pubs, Restaurants, Nachtclubs und anderen Freizeiteinrichtungen wird kein Nachweis einer Impfung oder Genesung mehr verlangt. Kneipen, Bars und Restaurants müssen nicht mehr am frühen Abend schließen, und auch die Abstandsregeln werden aufgehoben. Die Besucherzahl von Veranstaltungen im Innen- und Außenbereich wird nicht mehr beschränkt, private Treffen zu Hause sind nun uneingeschränkt wieder möglich. Ab Montag können Arbeitnehmer zudem schrittweise an ihren regulären Arbeitsplatz zurückkehren.

"Wir müssen lernen, mit Covid zu leben"

Allerdings solle die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr und in den Geschäften bis mindestens Ende Februar weiter gelten. Für internationale Reisen gelten auch noch immer die 3G-Regeln, wie Martin sagte. Gleichzeitig mahnte der irische Regierungschef, dass die Pandemie noch nicht vorüber sei. Nach der Aufhebung der meisten Beschränkungen würden die Infektionszahlen wohl zunächst wieder ansteigen, doch dürften die Auswirkungen aufgrund der hohen Impfrate nur begrenzt sein. In Irland sind fast 90 Prozent der über Zwölfjährigen vollständig geimpft.

Im Nachbarland Großbritannien will man ebenfalls wieder lockern. "Da Covid endemisch wird, müssen wir die gesetzlichen Vorschriften durch Ratschläge und Empfehlungen ersetzen", sagte der britische Premierminister Boris Johnson vergangenen Mittwoch und kündigte an, dass die meisten Corona-Maßnahmen bald aufgehoben würden. "Wir müssen lernen, mit Covid zu leben", hatte der britische Gesundheitsminister Sajid Javid bereits Anfang des Jahres argumentiert.

Wann ist es in Deutschland so weit?

Auch in Spanien will man jetzt lockerer mit Corona umgehen. Das beliebte Urlaubsland will Covid-19 wie eine Grippe behandeln. Die linksgerichtete spanische Regierung setzt sich dafür ein, Covid als endemische Krankheit einzustufen, mit deren saisonalen Ausbrüchen die Menschen leben können und die das Gesundheitssystem nicht überlasten. Dieser Schritt sei "an der Zeit und notwendig", sagt Gesundheitsministerin Carolina Darias.

Die Voraussetzungen für einen solchen Strategiewechsel sind in Spanien besser als beispielsweise in Deutschland: 90,5 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren sind in dem südeuropäischen Land vollständig geimpft. Trotz Rekorden bei den Neuinfektionen aufgrund der Omikron-Welle sterben weniger Menschen als bei den früheren Virusvarianten und die Zahl der Krankenhauseinweisungen sinkt.

Und wann ist es in Deutschland so weit? Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht auch davon aus, dass Covid irgendwann endemisch wird. Für ihn ist dies aber ein Grund mehr, jetzt Schutzmaßnahmen wie eine allgemeine Impfpflicht voranzutreiben. "Wenn alles gut geht und es uns gelingt, mit einer Impfpflicht die Impflücken zu schließen, können wir in diesem Jahr in eine endemische Lage übergehen", sagte er Anfang Januar in einem Zeitungsinterview.

rw / mit Nachrichtenagentur AFP

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