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Passagier verbreitet gefährliches Virus: Wie Patrick Sawyer Ebola nach Nigeria brachte

Patrick Sawyer erreicht noch den Flughafen von Nigeria, dann kollabiert er. Wenige Tage später ist er tot. Niemand erkennt: Er hat Ebola und bringt das Virus in das bevölkerungsreichste Land Afrikas.

Sawyer arbeitete als Gesundheitsmanager bei einer Eisenerzgrube eines Stahlproduzenten

Sawyer arbeitete als Gesundheitsmanager bei einer Eisenerzgrube eines Stahlproduzenten

Als Patrick Sawyer am Flughafen von Lagos zusammenbricht, wissen die herbeieilenden Passagiere und Sanitäter nicht, in welcher Gefahr sie sind. Keiner trägt Handschuhe oder gar einen Schutzanzug und eine Atemmaske, als sie ihm aufhelfen und ins Krankenhaus bringen. Auch im First Consultants Hospital wird er wie jeder normale Patient behandelt. Obwohl der Amerikaner mit liberianischen Wurzeln unter Blutungen leidet und sich wegen heftiger Brechdurchfälle krümmt, nimmt das Klinikpersonal Blut ab und überprüft die Temperatur. Fünf Tage später ist er tot. Kurz danach erliegt die Krankenschwester, die ihn zuerst versorgte, den gleichen Symptomen. Am Mittwoch stirbt ein Reisebegleiter aus Liberia - mit Sawyer ist auch die Seuche Ebola in Nigeria angekommen.

"Leider wusste niemand über den Zustand dieses Menschen Bescheid. Niemand kannte die Krankheit, die er hatte. Niemand wusste, dass er kommt", sagt Jide Idris, Gesundheitsbeauftragter des nigerianischen Bundesstaates Lagos, in dem die gleichnamige Millionenstadt liegt. Die Behörden hätten gewarnt sein können. Keine zwei Wochen vor seiner Abreise in das bevölkerungsreichste Land Afrikas starb Sawyers Schwester in der liberianischen Hauptstadt Monrovia an Ebola. Deshalb stand auch ihr Bruder unter Beobachtung. Dennoch hinderte niemand Sawyer daran, am 20. Juli in ein Flugzeug zu steigen und nach Lagos zu reisen.

"Es ist bedauerlich, dass uns ein verrückter Mann Ebola gebracht hat", sagt Nigerias Präsident Goodluck Jonathan. Sawyer arbeitete als Gesundheitsmanager bei einer Eisenerzgrube des Stahlproduzenten ArcelorMittal. In die Millionenmetropole sei er gegen ärztlichen Rat aufgebrochen, sagt Liberias Informationsminister Lewis Brown.

Die Zeit ist knapp

Es bleibt nicht viel Zeit, um die Seuche einzudämmen, bevor sie in der Hafenstadt außer Kontrolle gerät, warnen Experten. "Lagos ist groß, es ist überfüllt. Es wäre für das Virus in vieler Hinsicht die ideale Umgebung, sich auszubreiten", sagt der nigerianische Epidemiologe Chikwe Ihekweazu, der die Webseite Nigeria Health Watch betreibt und vor einem Jahrzehnt im Südsudan Ebola behandelte. "Im Herzen von Lagos leben Menschen übereinander und teilen sich Schlafräume und Toiletten." Meist fehlen sanitäre Anlagen gänzlich.

Dennoch hat der größte Ölproduzent des Kontinents eine bessere Ausgangslage als Liberia, Sierra Leone und Guinea, in denen die meist tödlich verlaufende Krankheit grassiert. Der Beratungsfirma DaMina Advisors zufolge kommen in Nigeria auf einen Arzt 2879 Menschen. In Liberia sind es 86.275.

Tödliche Verzögerungen

Sawyer half dies nicht. Er wurde erst zwei Tage nach seiner Ankunft im Krankenhaus isoliert und auf Ebola getestet. Die Alarmglocken schrillten, als die Ärzte seine Identität überprüften und darauf stießen, dass er aus Monrovia stammte. Doch auch nach Entdeckung der Seuche verlief die Suche nach den Kontaktpersonen holprig. Eine Woche brauchte die Fluggesellschaft, um eine Liste der mitreisenden Passagiere zu erstellen.

Drei Wochen später sind 177 Personen aus seinem Umfeld aufgespürt worden, die nach Angaben des Gesundheitsministeriums alle überwacht werden. Priorität habe nun, jede Kontaktperson aufzuspüren, betont der Experte John Vertefeuille von der US-Gesundheitsbehörde CDC, die in Afrika bei der Seuchenbekämpfung hilft. Eine solche Lage habe es noch nicht gegeben. "Noch nie ist Ebola in einem so großen und dicht besiedelten Gebiet wie Lagos ausgebrochen."

Tim Cocks/Reuters/Reuters

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