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Personalmangel in Krankenhäusern: Schlecht gepflegt, falsch behandelt - der Klinikhorror

Ina K. liegt im Wachkoma - weil sie eine falsche Infusion bekam. Und das ist kein Einzelfall. Die Kliniken sparen beim Personal, wo sie können. Zu Lasten der Patienten.

Von Malte Arnsperger

Alles scheint gut verlaufen zu sein. Ina K. (Name geändert) hat ihre Schönheits-Operation hinter sich. Die Lider der 52-Jährigen sind gestrafft, der Hals wieder faltenfrei. Die zweifache Mutter verspürt nach dem achtstündigen Eingriff Übelkeit. Eigentlich eine normale Reaktion. Doch dann soll es zu einem fatalen Fehler gekommen sein. Die Nachtwache, eine Medizinstudentin, soll der Frau eine Kochsalzlösung mit Resten des Narkosemittel verabreicht haben. Ina K. wird zwar gerettet, liegt seit dem Vorfall im Juni 2011 aber im Wachkoma. In einem Zivilprozess in Mainz soll nun geklärt werden, wer die Verantwortung trägt. Eine ganz entscheidende Frage: Warum war im entscheidenden Moment nur die Studentin anwesend? Wollte die Klinik Kosten sparen und hat deshalb auf qualifiziertes Pflegepersonal verzichtet? Eine Anfrage von stern.de ließ die Klinikleitung unbeantwortet.

Nun kann man argumentieren, dass Ina K. zumindest teilweise selber schuld ist. Sie hat sich schließlich in einer privaten Klinik einer medizinisch unnötigen Operation unterzogen. Aber aktuelle Studien zeigen, dass in den deutschen Krankenhäusern grundsätzlich einiges im Argen liegt: Seit 1995 ist die Zahl der Pflegekräfte in den Kliniken um rund 14 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig müssen rund zwölf Prozent mehr Patienten behandelt werden. Das ist ein Ergebnis des "Pflege-Thermometers 2012" des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP). Studienleiter Michael Isfort sagt: "Es hat eine personelle Umverteilung in deutschen Krankenhäusern stattgefunden. Es gibt immer mehr Ärzte und Patienten, aber immer weniger Pflegekräfte. Und das geht zulasten der Patientenversorgung."

Die ganze Nacht lang kam niemand

Das kann Michaela S. (Name geändert) bestätigen: Die Frau aus Bayern muss wegen Unterleibs-Beschwerden seit Jahren ständig zum Arzt und ins Krankenhaus. Bei einem Klinik-Aufenthalt 2007 sei ihr Penicillin gespritzt worden, obwohl sie ihre Allergie dagegen angegeben habe, erzählt sie stern.de. "Das Pflegepersonal war einfach völlig überlastet und im Stress." Der durch das Penicillin ausgelöste allergische Schock sollte nicht das letzte Horrorerlebnis von Michaela S. bleiben. 2008 liegt sie nach einer urologischen OP in einer süddeutschen Reha-Klinik. "Ich sollte körperlich wieder stabilisiert werden", sagt sie. Es passiert das Gegenteil. In einer Nacht muss die immer noch geschwächte Patientin auf die Toilette. Sie habe nach der Nachtschwester geklingelt, 30 vielleicht sogar 45 Minuten lang sei aber niemand gekommen, sagt Michaela S. Sie steht selber auf, ihr wird schwindlig, sie fällt. Dabei zieht sich eine Platzwunde am Kopf zu und bricht sich das Steißbein. "Als ich wieder zu mir kam, habe mich ins Bett zurück gekämpft und habe wieder geklingelt. Doch die ganze Nach lang kam niemand." Erst am nächsten Morgen habe man sich ihr angenommen. "Der Arzt sagte mir, ich sei selber schuld, weil ich alleine aufgestanden sei. Die Stationsschwestern haben mir aber gesagt, dass die Nachtschwester viel zu viele Patienten zu betreuen hat."

Für Christian Zimmermann sind solche Beschwerden Alltag. Beim Präsidenten des "Allgemeinen Patientenverbandes" melden sich nicht nur Menschen, bei denen ein gestresster Chirurg ein Skalpell im Magen vergessen hat. Immer häufiger würden sich die Patienten über die schlechte Pflege in den Krankenhäusern beschweren, sagt Zimmermann. Er hat dafür eine einfache Erklärung: Die schrittweise Umstellung der Krankenhaus-Bezahlung auf die sogenannten Fallpauschalen (DRG), ausgelöst durch die Gesundheitsreform von Ex-Ministerin Ulla Schmidt (SPD). Seitdem, erklärt Zimmermann, würden die Kliniken nur noch für die ärztliche Behandlung bezahlt. "Operationen bringen nun das Geld, nicht die Pflege. Die ist nur noch ein Kostenfaktor für die Krankenhäuser und wird deshalb natürlich ausgedünnt."

Das zuständigen Bundesgesundheitsministerium in Berlin weist diese Kritik an den DRGs weit von sich. Nein, die Fallpauschalen würden keineswegs für falsche Anreize sorgen, sagt Sprecher Christian Albrecht. Dann gibt er den Ball an die Länder und die Kliniken weiter. "Grundsätzlich ist die Krankenhausplanung Ländersache. Und die Kliniken bekommen genug Geld, ein Drittel der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Wie sie ihr Personal aufstellen, ist aber ihre Sache." Der Ball kommt direkt zurück. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft teilt mit: "Um ihre Kosten decken zu können, müssen die Krankenhäuser permanent rationalisieren und für die Patienten attraktiver als Mitbewerber in dem vom Gesetzgeber angeheizten Wettbewerb sein. Dazu müssen sie Instrumente moderner Personalführung einsetzen."

Die Patientenrisiken nehmen zu

Was "moderne Personalplanung" konkret bedeutet, zeigen die Studien des DIP. Das Institut hat sich in diesem Jahr ganz besonders der Pflege auf den Intensivstationen gewidmet. Über 20 Prozent des Personals meint demnach, dass nicht in jeder Schicht eine ausreichende Anzahl Examinierter anwesend sei, um eine sichere Patientenversorgung zu gewährleisten. Die offensichtliche Unterbesetzung hat Folgen: Knapp 20 Prozent der vom DIP Befragten gibt an, dass sie ihre Patienten noch nicht einmal angemessen beim Essen unterstützen können.

Auch die Frau von Hubert M. (Namen geändert) hat erfahren müssen, was eine "unangemessene" Unterstützung ist. Nach einer Operation im Jahr 2009 habe ein Pfleger seiner Frau auf der Intensivstation einen brühend heißen Tee gegeben, erzählt Hubert M stern.de. Seine Frau, die mittlerweile aus anderen Gründen verstorben ist, habe sich das Getränk vor Schreck über den halben Körper geschüttet und Verbrennungen dritten Grades erlitten. "Ich war nicht dabei. Deswegen kann ich nicht sagen, ob der Pfleger im Stress war", sagt Hubert M. "Aber so was darf natürlich niemals passieren."

Michael Isfort vom DIP stellt klar, dass Unfälle wie dieser oder auch die falsche Gabe von Medikamenten immer vorkommen können - auch bei optimaler Pflege-Besetzung. "Aber wir sehen schon, dass die Patientenrisiken zunehmen."

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