HOME

Fünf Jahre im Wachkoma: Das Wunder von Preetz

Das fröhliche Mädchen sah sie an. Zunächst begriff Carola Thimm nicht, dass es ihr Kind war; dass sie während ihrer Zeit im Koma Mutter geworden war. Fünf Jahre hatte sie zwischen Leben und Tod festgehangen.

Von Anette Lache

Als das Blutgefäß in ihrem Kopf riss, war Bundeskanzler, amerikanischer Präsident, und kaum jemand kannte  , der gerade  gegründet hatte.

Als das Blutgefäß in ihrem Kopf riss, war Carola Thimm im vierten Monat schwanger und hatte gerade ein Mobile mit bunten Seesternen für das neue Kinderzimmer gekauft.

Als Carola Thimm aus dem Koma erwachte, war seit vier Jahren Bundeskanzlerin, der US-Präsident hieß , und Mark Zuckerberg leitete ein Weltunternehmen.

Als sie erwachte, begriff sie nicht, dass das fröhliche kleine Mädchen mit den wilden braunen Locken ihr Kind war. Dass sie während der Zeit im Koma Mutter geworden war.

Fünf Jahre zwischen Leben und Tod

Fünf Jahre hatte Carola Thimm irgendwo zwischen Leben und Tod festgehangen. Weit weg von allem, irgendwo im Nirgendwo. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft und in fünf weiteren langen Jahren Altes wieder neu gelernt. Und Neues dazu. Sie tanzt jetzt Zumba. Selbst Neurologen sprechen von einem Wunder.


Wenn die 46-Jährige heute über diese Zeit spricht, dann ohne Punkt und Komma. Ihre großen Kreolen schaukeln um ihr ungeschminktes Gesicht, sie trägt Jeans, dazu ein Sweatshirt, grün wie ihre Augen. Sie will erzählen, alles erzählen, doch an vielen Stellen ihrer Biografie muss sie auch heute noch passen. "Wenn Sie meine komplette Geschichte erfahren wollen, müssen Sie mit meiner Familie sprechen", sagt sie, "ich kenne ja einen Teil meines Lebens auch nur aus ihren Erzählungen."

Ein mörderischer Schmerz

31. Mai 2004, Pfingstmontag. Es ist sonnig und warm. Carola Thimm will noch eine Stunde laufen und später mit Ehemann Michael Petersen (Name geändert) ihre Eltern besuchen. Sie wohnen wie sie in dem beschaulichen Städtchen Preetz südlich von Kiel.

Carola Thimm freut sich sehr, dass sie Mutter wird – endlich, mit 35 und nach einer Fehlgeburt vor anderthalb Jahren. Sie verzichtet aufs Tauchen und aufs Motorrad fahren, walkt stattdessen in der Feldmark. Nichts soll ihr ungeborenes Kind gefährden.

Rechts und links des sandigen Weges blühen Heckenrosen, durch die Bäume sieht sie den Postsee. Niemand ist in der Nähe, als plötzlich ein mörderischer Schmerz ihren Kopf zu zerbersten droht. Ihr wird schwarz vor Augen.

Ein Spaziergänger findet sie. Etwa 20 Minuten muss sie auf dem Weg gelegen haben. Erst im Notarztwagen kommt sie wieder zu Bewusstsein. Ihre Umgebung nimmt sie wie durch eine beschlagene Taucherbrille wahr. Sie macht sich Sorgen um ihr Kind. "Keine Angst, es geht ihm gut“, sagen die Retter. Carola Thimm erzählt ihnen, dass sie 13 Jahre zuvor schon einmal zusammengebrochen sei. Damals sei ein Blutgefäß in ihrem Kopf geplatzt.

Gehirn drohte sich selbst zu erdrücken

Auch diesmal ist ein ausgestülptes Gefäß, ein Aneurysma, gerissen, eine Hirnblutung ist die Folge. So etwas kündigt sich selten an und ist fast immer lebensbedrohlich.

Der Zustand von Carola Thimm verschlechtert sich dramatisch. Schwere Gefäßkrämpfe lösen zwei Hirninfarkte aus. Binnen neun Tagen übersteht sie zwei Operationen bei geöffnetem Schädel und eine über die Leistenarterie. Ihr Hirndruck steigt und steigt, die Neurochirurgen in Kiel nehmen Teile ihres Schädeldaches weg, damit das Gehirn sich nicht selbst erdrückt.

Carola Thimm war dem Tod näher als dem Leben

2004: Nach dem Riss eines Aneurysmas und mehreren Operationen ist Thimm dem Tod näher als dem Leben


"Nach dieser OP sah ihr Kopf schrecklich aus, wie ein eingedellter Fußball", erzählt ihre Schwester Claudia Groth (Name geändert), "sie war mir sehr fremd, wie sie da so still vor mir lag."

Carola wird ins künstliche Koma versetzt, damit ihr Gehirn abschwellen kann. Ihr Mann, ihre Eltern und ihre Schwester streicheln ihre Hände, den noch kleinen Babybauch, sprechen zu ihr. Claudia legt ihr eine Spieluhr auf den Bauch. Das ungeborene Kind soll nicht nur das Piepen der Monitore hören.

Zwischen Hoffnung und Angst

22. Juni 2004, Uniklinik Kiel. Die sedierenden Medikamente sind reduziert worden. Carola Thimm hat erstmals die Augen geöffnet, als ihr Mann in die Klinik kommt. Ihr Blick geht zwar noch ins Leere, aber Michael fasst wieder Hoffnung. Vielleicht wird doch noch alles gut.

Die Augen von Carola sind geöffnet, aber sie kann ihr Kind nicht wahrnehmen

Der Eindruck täuscht: Die Augen sind geöffnet, aber Carola Thimm kann ihr neugeborenes Kind nicht wahrnehmen


Andererseits: Werden Schäden bleiben? Wird sie jemals wieder in ihrem Job im Kieler Sozialministerium arbeiten können? Schäden in den betroffenen Hirnregionen beeinträchtigen Fähigkeiten wie die Selbstwahrnehmung, das Sozialverhalten, Antrieb, Gedächtnis und Sprache.

Ihre Familie wartet, dass sie endlich aufwacht, voller Hoffnung, voller Angst. Und kurz scheint es, als stünde sie an der Schwelle. „Sie schaute mich an, lächelte sogar. Ein oder zwei Tage war das so, dann glitt sie langsam wieder weg“, erinnert sich Michael Petersen. "Schrecklich mit anzusehen. Ihr Blick wurde völlig starr. Die Ärzte sagten, eine Prognose sei schwierig bei solch einem schweren Hirnschaden, man könne nur abwarten.“

Nur eine Hülle ohne Inhalt?

Ihr Vater, Winfried Thimm, spricht als Erster aus, was sich alle längst fragen: Was, wenn sie nie wieder aufwacht? "Sie ist doch nur eine Hülle ohne Inhalt“, sagt er. "Wo ist sie? Wo ist all das, was sie ausmacht?" 

Patienten mit schweren Hirnschäden fallen oft in einen Zustand, den man, medizinisch nicht ganz korrekt, nennt. Sie können die Augen öffnen und haben einen Schlaf-wach-Rhythmus, auch die vegetativen Funktionen bleiben erhalten. Aber sie treten nicht in Kontakt mit anderen. "Wachkoma ist zwar ein schwammiger Begriff, aber man kann ihn im Fall von Frau Thimm ruhig verwenden“, sagt Günther Deuschl, Chefarzt der Neurologie am Universitätsklinikum in Kiel. "Das ist ein Zustand eingeschränkter Wachheit, mit eingeschränktem Bewusstsein und eingeschränkter Leistung der Großhirnrinde."

In der Neurochirurgie können sie nichts mehr für sie tun. Carola Thimm wird in eine Rehaklinik in Middelburg verlegt, eine halbe Autostunde von Preetz entfernt. Der Fötus in ihrem Bauch entwickelt sich normal.

Ein Foto - für später

17. September 2004. Viel zu früh, in der 31. Schwangerschaftswoche, setzen die Wehen ein. Carola Thimm wird nach Kiel gebracht, ihre Familie wartet voller Sorge auf dem Flur der Uniklinik. Werden beide überleben? Wird das Kind gesund sein?

Um 13.23 Uhr kommt ein Mädchen per Kaiserschnitt zur Welt. Es wiegt 1418 Gramm, ist 45 Zentimeter klein. Der nächste Schock: Das Rückenmark ist mit der Wirbelsäule verwachsen. Mit sechs Monaten, sagen die Ärzte, könnten sie das Kind operieren, auch später würden weitere Operationen folgen müssen. Ein Zusammenhang mit dem Koma der Mutter bestehe aber nicht.

Am Tag nach der Geburt legt Michael seine Tochter auf den Bauch seiner stummen Frau. Lange überlegt er, ob er ein Foto machen soll. Darf man eine Frau im Wachkoma fotografieren? Er macht es schließlich. Für Carola. Für später. Er nennt ihre Tochter Marie.

Trotz Geburt: Zustand unverändert

"Wir hatten gehofft, dass die Geburt uns Carola wieder zurückbringt, dass sie wieder aufwacht, wenn sie ihr Kind spürt", erzählt Brita Thimm, die Mutter. Doch Carolas Zustand ist unverändert. Tagsüber hat sie zwar die Augen geöffnet, aber sie nimmt niemanden wahr, reagiert nicht auf Ansprache, nicht auf Berührung. Sie wird in die neurologische Klinik nach Bad Segeberg verlegt. Man versucht alles, die junge Mutter ins Leben zurückzuholen. Doch da ist nichts. Einfach nichts.

Marie lebt die ersten drei Monate in der Familie ihrer Tante. Vater Michael traut sich das zunächst nicht zu: ein Säugling, die Besuche bei seiner Frau, seine Arbeit als Marineoffizier. Die Großeltern bringen die Kleine so oft es geht nach Bad Segeberg, legen sie Carola auf die Brust.

Sommer 2005. Eine kleine Sensation. Carola Thimm schluckt einen Löffel Erdbeerjoghurt. Immer öfter isst sie kleine Mengen. Aber es ist nur ein Schluckreflex. Der künstliche Magenzugang bleibt. Ihre Mutter notiert am 12. Dezember in ihr Notizbuch: "Maries erste Schritte bei Michael."

"Aus purer Verzweiflung an ihrer Schulter gerüttelt"

Ende Juli 2006 nimmt Michael seine Frau erstmals mit nach Hause. Sie sitzt im Rollstuhl, ihr Kopf ist an der hohen Lehne fixiert. Er füttert sie mit Kuchenkrümeln. Carola hat keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der sportlichen jungen Frau von früher, die in ihrer Freizeit auf Costa Rica und in Kiel als Tauchlehrerin arbeitete, Gitarre spielte, zum Kickboxen und Aikido ging. Körper und Gesicht sind aufgedunsen, Arme und Hände nach innen gedreht und verkrampft. Hört sie seine Stimme? Hört sie Maries Stimme? Er weiß es nicht.

Vor ihrer Erkrankung arbeitet Carola Thimm in ihrer Freizeit als Tauchlehrerin

Vor ihrer Krankheit arbeitet die Beamtin in ihrer Freizeit als Tauchlehrerin, wie hier in Costa Rica


Brita Thimm liest ihrer Tochter aus Büchern vor. Manchmal glaubt sie eine Reaktion zu erkennen. Ein Wimpernschlag, mehr nicht. "Wunschdenken!", sagt ihre jüngere Tochter Claudia. Claudia fallen die Besuche immer schwerer: "Einmal habe ich aus purer Verzweiflung an ihrer Schulter gerüttelt, um ihr wenigstens irgendeine Regung zu entlocken. Irgendwann habe ich ihr tatsächlich den Tod gewünscht – meiner eigenen Schwester. Ich dachte, alles wäre besser für sie als dieses Dahinvegetieren."

Die Therapeuten arbeiten weiter. Sie führen Carolas Hand beim Haarekämmen, legen sie auf einen Gitarrenhals, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann an die Bewegungen erinnert. Sie stellen sie hin, setzen ein Bein vor das andere. Eines Tages steht sie ohne Stütze. Für ein paar Sekunden. Steif wie eine Schaufensterpuppe.

Im Altenheim - mit 39 Jahren

Juli 2007. Ihr Vater stirbt an Krebs. Niemand weiß, ob die Nachricht von seinem Tod zu Carola durchdringt. Aber sie macht kleine Fortschritte: Sie reagiert auf Musik und kann kurz Blickkontakt halten. Manchmal lächelt sie.

September 2007. Carola Thimm kommt ins Altenheim, mit 39 Jahren. Wenigstens in Preetz, ihr Mann und ihre Tochter wohnen nur wenige Straßen entfernt. 

Brita Thimm besucht sie dort jeden Tag. Oft kommt Marie mit. Sie turnt auf dem Bett ihrer schwer kranken Mutter herum oder fährt mit auf dem Rollstuhl. Brita Thimm fragt sich: "Was bekommt Carola wohl davon mit?" Sie weiß, dass bewusstlos nicht wahrnehmungslos bedeuten muss, dass vor allem in der Phase des langsamen Erwachens emotionale Eindrücke hängen bleiben können.

"Mich selbst nahm ich die ganze Zeit als wach wahr"

Carola Thimm beschreibt das heute so: "Was Marie anbelangt, war es vor allem ein Gefühl. Ich mochte es, wenn mich dieses Mädchen besuchte und mit mir kuschelte, auch wenn ich nicht wusste, wer sie ist. Bei meinen Eltern wusste ich immer, dass sie mein Vater und meine Mutter sind. Und ich erinnere mich daran, dass meine Mutter mir vorgelesen und mich mit Eis gefüttert hat. Das empfand ich als sehr schön."

Sie sagt: "Mich selbst nahm ich die ganze Zeit tatsächlich als wach, wenngleich krank wahr. Ohne ein Gefühl für die Länge der Zeit. Mir war auch bewusst, dass ich mich nicht verständlich machen, nicht bewegen konnte." An Schmerzen, Angst oder andere negative Gefühle erinnert sie sich nicht. "Es ist ein Glück, dass mein Gehirn die negativen Aspekte des Komas nicht abgespeichert hat."

"Lassen Sie ruhig ein bisschen Wunder daran sein"

2008. Michael besucht seine Frau seltener. "Ganz aufgegeben habe ich sie nie", sagt er heute, "aber ich musste mich etwas zurückziehen, aus Selbstschutz. Carola, das Kind, mein Job – das war einfach zu viel. Ich war in Schieflage gekommen, psychisch am Ende."

2009. Das Altenheim will Carola Thimm noch einmal in der Neurologie der Kieler Uniklinik untersuchen und die Medikamente neu einstellen lassen. Chefarzt Günther Deuschl reduziert die Dosierung einiger Arzneien, eines tauscht er ganz aus.

Und tatsächlich, endlich, verändert sich etwas: Carola fixiert mit ihren Augen die Gesichter der Menschen an ihrem Bett. Nicht jeden Tag, aber immer wieder. Liegt es an der neuen Medikation? Der Neurologe sagt: "Es passiert zwar gelegentlich, dass Patienten dadurch weiter erwachen, aber das ist nicht vorhersehbar. Ich hatte das Gefühl, dass die neue Kombination der Medikamente besser passen könnte, mehr nicht. Lassen Sie ruhig ein bisschen Wunder daran sein."

Nach Monaten durchquert sie allein ihr Zimmer

Immer öfter gelingt es Carola, den Blick lange auf einen festen Punkt zu richten. Die Pfleger trainieren das Gehen. Als ein pensionierter Marinesanitäter, der ehrenamtlich im Altenheim arbeitet, mit Zeigefinger und Daumen ein O formt, das Tauchzeichen für Okay, hebt Carola Thimm ihre rechte Hand und versucht, ebenfalls ein O zu formen. Nach fünf Jahren. Das erste echte Zeichen.

Von da an habe sie sich besser gefühlt, wieder näher dran am Leben, schreibt Carola Thimm in ihrem jetzt erschienenen Buch*. Langsam kehrt sie zurück. Nach ein paar Monaten kann sie ihr Zimmer allein durchqueren, auch wenn ihre Bewegungen noch hölzern sind. Sie trainiert ehrgeizig. Bald joggt sie durch den Park des Altenheims. Ihr Gesicht wird schmaler. Sie weiß auch wieder, wer Michael ist.

Doch nach wie vor kann sie nicht sprechen. Sie erfasst den Inhalt kurzer Sätze, kompliziertere Botschaften nicht. Es dringt zu ihr nicht vor, dass sie fünf Jahre abwesend war. Dass Marie ihr Kind ist.

"Du bist meine Mama, das musst du doch wissen"

"Immer wieder habe ich ihr gesagt, dass Marie ihre Tochter ist – vergeblich", sagt Brita Thimm, "ich habe ihr von der Schwangerschaft erzählt, von der Geburt während des Komas, aber Carola schaute mich nur ratlos an.

Sie freute sich, wenn ich Marie mitbrachte, mehr aber auch nicht. Irgendwann sagte Marie zu ihr: ‚Du bist meine Mama, das musst du doch wissen.‘ Aber Carola begriff es einfach nicht."

Es dauert noch viele Monate, bis Carola Thimm tatsächlich versteht, dass sie eine Tochter hat. Dann will sie möglichst schnell deren Namen sprechen können. Sie übt wochenlang. Eines Tages sagt sie: "Marie." Es ist der erste Name, den sie sprechen kann. Immer öfter verbringt sie nun die Sonntage bei Marie und Michael.

Es hilft ihr, sich an die Zeit vor dem Koma zu erinnern. Aber sie kann die Erinnerungen nicht einordnen. "Da lagen 1000 Puzzleteile vor mir, aber ich wusste nicht, wie sie zusammengehören", erzählt sie.

Immer mehr fällt ihr wieder ein. Aus der Kindheit, aus dem Studium. Tauchen in der Türkei, Reisen nach Afrika, Flitterwochen in Venezuela. Erlebnisse aber, die nur ein oder zwei Monate zurückliegen, kann sie hingegen nicht abrufen.

Sie wusste noch nicht vom Ende ihrer Ehe

Sie übt Alltägliches: Salat putzen, Gurken schälen, Spaghetti kochen, Fahrrad fahren, Streuselkuchen backen. Aus Lauten wird Sprache. Sie lernt zum zweiten Mal rechnen.

Im Umgang mit Marie ist sie noch ungelenk, es fällt ihr schwer, Gefühle zu zeigen – und zu haben. Aber sie wird von Marie geliebt. "Ich musste erst lernen, Mutter zu sein", sagt sie. Damals weiß sie noch nicht, dass ihre Ehe am Ende ist. Auch wenn ihr aufgefallen ist, dass die Besuche ihres Mannes seltener geworden sind. Sie schiebt das auf seine Arbeit und den Stress als alleinerziehender Vater.

Ende 2010, als sie wieder schreiben gelernt hat, feilt sie wochenlang an einem Brief an ihn, es fällt ihr schwer, all die Gedanken zu sortieren. Noch bevor sie ihn abschickt, sieht sie ein fremdes Auto vor Michaels Haus stehen. Ihre Mutter sagt, das habe schon häufiger dort gestanden. Carola ist sofort klar: Es gibt eine andere Frau in seinem Leben.

Für ihren Mann war sie wie ein kleines Kind

"Es war nicht einfach, Carola beizubringen, dass sie nicht mehr nach Hause ziehen kann", sagt Michael Petersen. "So traurig das ist, aber sie war nicht mehr wie eine Partnerin für mich, sondern wie ein kleines Kind, um das ich mich jahrelang gekümmert hatte. Das hat auch meine Gefühle für sie verändert. Ich konnte einfach keine Beziehung mehr mit ihr führen."

"Früher war sie eher der Typ Draufgängerin, forsch und fordernd und ohne viel Rücksicht zu nehmen auf andere", sagt ihre Schwester. "Heute ist sie ein rücksichtsvoller, bescheidener Mensch – erstaunlich anders. Unverändert ist ihr grenzenloser Optimismus."

Carola Thimm darf wieder schnorcheln, tauchen jedoch nicht

Tauchen kann Carola Thimm nicht mehr, immerhin darf sie schnorcheln


Bis heute trainiert Carola Thimm voller Ehrgeiz ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Kurzzeitgedächtnis. Inzwischen schwimmt sie jede Woche 1000 Meter, und seit Kurzem schnorchelt sie wieder mit ihrem alten Tauchklub in der Kieler Förde. Das hat ihr der Arzt erlaubt. "Tauchen leider nicht. Und für meinen alten Job werde ich auch nie wieder fit genug sein", sagt sie. Aber es macht sie glücklich, dass alles noch immer besser wird.

Carolas neues Leben ist leiser - und fühlt sich gut an

Seit Anfang des Jahres lebt sie in einer ganz normalen Mietwohnung, ohne Pflegekräfte. Endlich konnte sie ein Kinderzimmer für Marie einrichten. Marie wohnt weiter bei ihrem Vater. Er hätte gern das alleinige Sorgerecht gehabt, aber nach einigem Hin und Her teilen es sich die Eltern. Alle 14 Tage ist die inzwischen Zehnjährige übers Wochenende bei ihrer Mutter. Sie machen Fahrradtouren oder gehen in den Tierpark. Carola überwacht Maries Hausaufgaben, erklärt, was Nomen und Adjektive sind. Ihre Beziehung ist enger geworden, seit sie mehr Zeit allein miteinander verbringen.

"Ich hätte sie gerne bei mir, aber ich will sie nicht aus ihrer gewohnten Familie reißen", sagt Carola Thimm. "Ich weiß auch nicht, ob ich schon gut genug wäre als Vollzeitmutter. Ich bin sicher noch nicht in allem perfekt."

Carola Thimm tanzt Zumba

Carola Thimm tanzt Zumba. Fast jeden Tag treibt sie Sport. Konzentration, Koordination und Ausdauer sind zurückgekehrt.


Carola Thimm könnte mit dem Schicksal hadern, Gott verfluchen und die Welt verdammen. Aber da ist keine Wut in ihr. Denn da ist Marie. Carola hat zwar ihr altes Leben nicht zurückbekommen. Aber sie hat ein neues. Es ist anders. Leiser. Aber es fühlt sich gut an. Und es gibt darin auch einen neuen Mann.

Mai 2015. Ein Garten in einem Dorf nahe der Ostseeküste, nebenan eine Wiese mit Schafen. Carola und Marie spielen Krocket, lachen, albern herum. Marie ist ein fröhliches, offenes Kind, die leichte Entwicklungsverzögerung, die Ärzte festgestellt haben, merkt man ihr nicht an. Michael und seine neue Lebensgefährtin stehen dabei, es ist ihr Garten, Carola hat Marie nach dem Wochenende zu ihrem Exmann zurückgebracht. Und sie reden und lachen und spielen, drei Erwachsene, und mittendrin Marie, die alle lieben. Immer wieder schiebt Marie die kleine Hand in die große Hand ihrer Mutter.

*Carola Thimm, Diana Müller: "Mein Leben ohne mich", Patmos, 240 Seiten






Themen in diesem Artikel