HOME

Schweinegrippe: Streit um "Zweiklassenmedizin"

Ärzte sprechen von einem "Skandal", SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach von einem "äußerst unglücklichen" Vorgang: Bundesregierung und Bundeswehr bekommen einen anderen Impfstoff gegen die Schweinegrippe gespritzt als die Bevölkerung. Darin sieht die Regierung jedoch kein Problem.

An diesem Montag beginnt die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik: 50 Millionen Dosen "Pandemrix" (Hersteller: Glaxo Smith Kline) werden in Dresden auf Laster geladen und in alle Winkel Deutschlands verteilt. Hausärzte und Gesundheitsämter sollen die Bevölkerung in den kommenden Wochen mit diesem Mittel gegen die Schweinegrippe impfen.

Es gibt jedoch Ausnahmen: Was für die Bevölkerung gut sein soll, gilt nicht für Mitglieder der Bundesregierung, der Ministerien, nachgeordneter Behörden und für die Bundeswehr. Sie werden mit "Celvapan" (Hersteller: Baxter) geimpft. Dafür wurden 200.000 Dosen geordert.

Pikant: In "Celvapan" fehlen umstrittene Zusatzstoffe, die in "Pandemrix" enthalten sind. Diese Zusatzstoffe, sogenannte Wirkverstärker, können zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, hält es daher für einen "Skandal", dass für die Regierung andere Maßstäbe gelten als für die Bevölkerung. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach übte scharfe Kritik. "Dieser Vorgang ist äußerst unglücklich. So entsteht der Eindruck einer Zweiklassenmedizin bei der Impfung."

"Genauso sicher und wirksam"

Das Bundesinnenministerium will davon allerdings nichts wissen. Eine Sprecherin von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wies in der "Berliner Zeitung" den Vorwurf der Zweiklassen-Impfung zurück. Das Schäuble unterstellte Beschaffungsamt habe mit dem Hersteller Baxter schon vor vielen Monaten einen Vertrag abgeschlossen, der eingehalten werden müsse. Zum damaligen Zeitpunkt sei von möglichen Unterschieden der Impfstoffe noch keine Rede gewesen.

Auch die Bundesregierung wies Vorwürfe von einer Zweiklassenmedizin zurück. "Sie entbehren jeder Grundlage", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Montag in Berlin. "Richtig ist, es gibt keinen besseren oder schlechteren Impfstoff." Der Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte sogar, der Impfstoff für die Mehrheit habe entscheidende Vorteile

Laut einem Bericht der "Bild" setzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trotz des für die Bundesregierung bestellten Impfstoffes auf ihren Hausarzt, von dem sie - wie jeder Bürger - den Massen-Impfstoff "Pandemrix" bekommen soll. Genauso hält es laut "Bild" Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD): "Ich lasse mich mit dem Impfstoff impfen, mit dem auch die Bevölkerung geimpft wird. Der ist genauso wie die anderen zugelassen, sicher und wirksam."

"Die Diskussion wirkt demotivierend"

Die Debatte über den Impfstoff droht nach Einschätzung des Thüringer Gesundheitsministeriums die Impfbereitschaft zu dämpfen. "Die Diskussion um einen vermeintlich besseren Impfstoff für Bundeswehr und Bundesregierung wirkt demotivierend", sagte Ministeriumssprecher Thomas Schulz am Montag. Dadurch sei der medizinisch falsche Eindruck entstanden, es gäbe besseren und falschen Impfstoff.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Bosbach, will sich nicht gegen Schweinegrippe impfen lassen. Er habe überhaupt kein Verständnis für die Diskussion, sagte der CDU-Politiker am Montag im Fernsehsender n-tv. "Ich lasse mich nicht impfen, dann muss ich auch nicht die Frage beantworten, ob ich als Bundestagsabgeordneter einen Luxus-Impfstoff bekommen habe", sagte er. Sichtlich verärgert über die neuerliche Debatte, fuhr er fort: "Es ist immer noch die Freiheit des einzelnen, sich impfen zu lassen." Er habe sich allerdings gegen die normale Grippe immunisieren lassen.

DPA/AP / AP / DPA

Wissenscommunity